Essstörungen "Bei Stress bin ich in der Küche"

Eine junge Frau kämpft mit starken Gewichtsschwankungen. Essen ist für sie Liebesersatz, sie macht sich Vorwürfe. Mit Entspannungstechniken verhilft der Coach Ekkehard Rüdiger Neumann der 32-Jährigen zu mehr Selbstwert - und einem stabileren Gewicht.

Nächtliche Fressattacken: Essen als Liebesersatz
Corbis

Nächtliche Fressattacken: Essen als Liebesersatz


Friederike Maurer* ist 32 Jahre alt, ledig und im mittleren Management für ein großes deutsches Unternehmen tätig. Über-40-Stunden-Wochen sind im Leben der Karrierefrau die Regel und für Friederike auch kein Thema. Ihr Problem ist, so empfindet sie es: ihr Gewicht. Bei einer Körpergröße von knapp über 1,60 Meter wiegt sie zum Zeitpunkt unseres ersten Treffens um die 78 Kilogramm.

Bei unseren Sitzungen wird schnell klar, dass Friederike an einer Essstörung leidet. Es ist keine extreme oder gesundheitsgefährdende Essstörung - andernfalls hätte ich das Coaching abgebrochen und Friederike umgehend an einen Arzt verwiesen. Doch Friederikes Gewicht pendelt stark.

Als sie zum ersten Mal zu mir kommt, hat sie sich gerade von einem Mann getrennt. Zunächst hatte sich die neue Partnerschaft gut angefühlt, dann aber waren Zweifel in der jungen Frau aufgestiegen. Friederike entschied, sich zu trennen - mit Folgen: Sie findet sich in einem Fressrausch wieder. "Bei Stress bin ich in der Küche", sagt sie mir. Essen ist, das weiß Friederike, für sie auch ein Liebesersatz. Sie füllt ihren Körper mit Liebe (= Essen) auf. Deswegen macht sie sich Selbstvorwürfe, aber sie weiß keinen Ausweg.

Essen - ein Urbedürfnis

Essen ist, nach meiner Einschätzung, eines der schwierigsten Themen unserer Zeit, was im Einzelfall mehr Ursachen hat, als man hier aufzählen könnte. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass das Thema so großes Gewicht erhält, weil die Nahrungsaufnahme ein Urbedürfnis von uns Menschen ist.

Bei Friederike verstärkt sich das Problem durch einen Mangel an Selbstwertgefühl - oder direkter ausgedrückt: durch fehlende Eigenliebe, eine häufige Ursache in solchen Fällen. Diesen Mangel versucht Friederike durch Anerkennung und Liebe von außen zu kompensieren. Im Job erfährt sie aber nicht genügend Bestätigung, und die wahre Liebe, also die persönliche Anerkennung, bleibt ihr versagt.

Schwache Momente zulassen

Diese negativen Emotionen führen bei Friederike zu Völlerei und Gewichtszunahme. Hinzu kommt der ganz normale Alltags- und Berufsstress, die unzähligen Aufgaben, die man zu lösen hat. Das wiederum blockiert sie bei ihrer Suche nach Lösungen des Dilemmas zusätzlich.

Ich habe Friederike in unseren Sitzungen empfohlen, ihre schwachen Momente zuzulassen und anzunehmen. Nach dem Motto: "Ich bin ein Mensch, ich esse zu viel, aber das ist in Ordnung." Dieser bewusste Vorgang löst Entspannung aus - nicht nur im Kopf, sondern schließlich auch auf der körperlichen Ebene.

Wer entspannt ist, bietet seinem Schuldgefühl - in diesem Fall: "Ich bin zu dick" - keinen Raum mehr. Verstärken lässt sich der positive Effekt durch Massagen, Entspannungstechniken (etwa bei der Atmung) und bewusst erlebte Ruhepausen. Ebenso wichtig für den Körper ist regelmäßige Bewegung, um den Stoffwechsel in Gang zu halten. Auch dafür nimmt sich Friederike fortan Zeit: Zusammen mit Freunden macht sie am Wochenende ausgedehnte Spaziergänge.

Das Muster bleibt, aber man kann lernen, damit entspannt umzugehen

Inzwischen hat Friederike ein Plus an Gelassenheit gewonnen. Früher war die Nahrungsaufnahme bei ihr stets gekoppelt an den Gedanken der Gewichtszunahme, und sie sah keine andere Option. Heute kann sie essen, ohne ein schlechtes Gefühl dabei zu haben.

Bei einem Urlaub am Mittelmeer nahm sie trotz reichhaltigem Essen sogar fünf Kilo ab. Der Trick: Friederike war entspannt, das Essen gesund, und die drei Wochen voller ausgedehnter Spaziergänge am Strand.

Zurück im Alltag nahm sie zwar schnell wieder zu. Aber sie konnte ihr Wunschgewicht schließlich stabil halten. Die extremen Ausschläge auf der Waage sind nun vorbei. Dass sie trotzdem hin und wieder mal nach oben ausschlägt, daran hat sich Friederike inzwischen gewöhnt. Sie hat gelernt, diesen Umstand zu akzeptieren, und dadurch an Selbstwert gewonnen. Friederike hat die Chance erkannt, mit ihrem (bleibenden) Muster bewusst umgehen zu können.

*Name geändert

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Windlerche 23.12.2013
1.
Mit Hypnose funktioniert es noch besser...
UnitedEurope 23.12.2013
2. Titellos
Zitat von WindlercheMit Hypnose funktioniert es noch besser...
Halt ich nur in Ausnahmefällen für gerechtfertigt. Meist geht es um Leute, die versuchen eine Abkürzung zu finden, um nicht den harten Weg gehen zu müssen. Der Effekt ist entsprechend.
vhn 23.12.2013
3. Sehr fragwürdig...
Zitat von sysopCorbisEine junge Frau kämpft mit starken Gewichtsschwankungen. Essen ist für sie Liebesersatz, sie macht sich Vorwürfe. Mit Entspannungstechniken verhilft der Coach Ekkehard Rüdiger Neumann der 32-Jährigen zu mehr Selbstwert - und einem stabileren Gewicht. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/essstoerungen-so-bekommt-man-gewichtsschwankungen-in-den-griff-a-939618.html
Darf man als "Coach" eine behandlungsbedürftige psychische Störung behandeln? Ich denke nicht. Und: was ist denn für den Herrn Coach eine "extreme" oder "gesundheitsgefährdende" Essstörung? Auf dem Psychomarkt sind leider sehr viele Quacksalber unterwegs. Für den Laien ist es sehr schwierig, da durchzublicken. Danke SPON, dass ihr diesen Möchtegernspezialisten hier noch ein Forum bietet. Essstörungen sind sehr schwer zu behandelnde Störungen. Da sollte der Behandler schon genau wissen, was er tut...
renee gelduin 23.12.2013
4. optional
---Zitat--- Es ist keine extreme oder gesundheitsgefährdende Essstörung - andernfalls hätte ich das Coaching abgebrochen und Friederike umgehend an einen Arzt verwiesen. ---Zitatende--- 78Kg bei 1,6m entspricht einem BMI von 30,5 was Adipositas bedeutet. Oder nicht ? Vor allem muss man sich klar machen, dass der weit überwiegende Teil des Gewichtes einfach nur Fett ist. Das heißt die Gelenke, etc. haben nicht nur das Gewicht zu tragen, sondern müssen dies auch mit deutlich weniger Muskeln als "normal" tun. Das ist eine doppelte Gefährdung. Strandspaziergänge für eine 32-jährige Frau, das ist doch kein adäquates Trainingsprogramm. Was mich bei solchen Leuten immer wundert ist die mangelnde Einsichtsfähigkeit. Wenn ich Komplexe wegen meines Äußeren habe, dann erfordert es doch keine besonders hohe Intelligenz zu erkennen, dass Sichvollfressen massiv kontraproduktiv ist. Das ist keine Essstörung, das ist die Weigerung sich seines Verstandes zu bedienen. ---Zitat--- Das Muster bleibt, aber man kann lernen, damit entspannt umzugehen ---Zitatende--- Will ja nichts Negatives unterstellen, aber es klingt nach der Schmuseformel "hauptsache du magst dich". Was Schwachsinn ist. Welches Gewicht hat sie denn nun? Wie ist der Gewichtsverlauf der letzten Jahre? Was ist das Wunschgewicht und wie stark weicht sie davon ab ?
7ty7 23.12.2013
5. Essen ist eine Notwendigkeit
Hier von 'Urbedürfnis' zu reden ist schlichte Schwafelei. Alles eine Frage der Einschätzung, welche Risiken man eingehen will, beruflich, privat und Angesichts des Kühlschranks. Wer entspannt ist, hat keine Schuldgefühle, kennt diese Vokabel nur unter 'ferner liefen' und pellt sich ein Ei über das Eigengewicht. Alle Anderen haben ein ernstes Problem, daß nicht in einem so keinen Artikel erhellt werden kann.
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