Familientherapie Seelenheil im System

Seelisches Leid trifft nicht nur Einzelne - es trifft auch deren Familien, Ehen und Beziehungen. Die Systemische Therapie sucht im sozialen Gefüge des psychisch Kranken nach den Wurzeln des Übels. Die Therapiemethode ist weltweit anerkannt. Trotzdem wird sie von den deutschen Kassen nicht bezahlt.
Familienkonflikte: Systemische Therapie bezieht nicht nur einzelne Personen ein

Familienkonflikte: Systemische Therapie bezieht nicht nur einzelne Personen ein

Foto: Corbis

Der eine Sohn verprügelt Mitschüler, der älteste sitzt in Haft, der jüngste hat Diabetes und die zwei Schwestern helfen kaum im Haushalt: Bei der siebenköpfigen Familie Born* stapelten sich die Probleme, die Eltern waren überfordert. Die Mutter wähnte sich machtlos, drohte oft mit dem Vater. Der reagierte mit Gewalt gegen den Sohn oder mit einem "Mach doch, was du willst".

Familie Born brauchte eine Familientherapie. In einer Erziehungsberatungsstelle fand sie Hilfe durch Systemische Therapeuten und Berater. Diese beziehen in eine Therapie nicht nur ein Problemkind oder den gewalttätigen Elternteil ein. Vielmehr therapieren sie das gesamte Umfeld, das System also, in dem die Menschen leben, und in dem die Probleme entstehen. Deshalb ist die Systemische Therapie auch als Familientherapie bekannt.

Nützlich, notwendig und wirtschaftlich?

Zwar gilt dieses psychotherapeutische Verfahren unter den meisten Experten als international hoch angesehen und wurde bereits 2008 durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als "wissenschaftlich anerkannt" deklariert. Dennoch zahlen deutsche Krankenkassen für die ambulante Behandlung bisher nicht.

Das könnte sich in Zukunft ändern: Seit kurzem prüft der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ob auch die Systemische Therapie eine Kassenleistung werden soll. Das Gremium bewertet den Nutzen des Verfahrens, dessen medizinische Notwendigkeit sowie Wirtschaftlichkeit.

Glaubt man den Verbänden für Systemische Therapie, könnten die Kassen damit bisher vernachlässigte Patientengruppen erreichen - und Geld sparen. Denn die Strukturen und Methoden weichen deutlich von den bisher gängigen Verfahren ab: Die analytische und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sowie die Verhaltenstherapie sind die einzigen Verfahren, für die Kassen die Kosten bisher übernehmen. Doch bis zu einer Entscheidung des G-BA zur Systemischen Therapie könnten mindestens noch drei Jahre vergehen, schätzen Experten.

Dabei ist sie schon längst in den Familien angekommen: Systemische Therapeuten besuchen Problemfamilien aus schwierigen sozialen Milieus zu Hause, um dort mit ihnen zu arbeiten - ein Bereich, in den andere Verfahren selten vordringen.

Auch Menschen mit Migrationshintergrund, chronisch psychisch und körperlich kranke und alte Menschen könnten von der systemischen Denkweise und ihrem Mehrpersonenansatz profitieren, wenn sie zur Kassenleistung gemacht würde. So lautet die Argumentation der Systemischen Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF). Zudem sei die Methode zugänglicher für Menschen mit schwierigen Verhaltensweisen. "Menschen mit Süchten, Schizophrenie oder externalisierten Problemen wie Aggressionen tauchen in der kassenfinanzierten ambulanten Behandlung bisher kaum auf", sagt Jochen Schweitzer-Rothers, Vorsitzender der DGSF.

Kritiker aber werfen den Systemischen Therapeuten vor, Behandlungmethoden entwickelt zu haben und anzuwenden, ohne überhaupt eine grundlegende Theorie darüber zu haben, wie die menschliche Psyche tickt und Störungen entstehen.

Beziehungsgeflechte lösen

Systemische Therapeuten werfen weniger einen Blick in die Vergangenheit und versuchen nicht durch gezieltes Verhaltenstraining, die seelischen Nöte der Patienten zu lindern. Vielmehr betrachten sie den Menschen in seinem sozialen Gefüge. Die Annahme: Erkrankt ein Familienmitglied psychisch, kommt es auch zu Problemen im Miteinander.

Um die Beziehungsverstrickungen und eingeschliffenen Verhaltensmuster zu lösen, stellt ein Systemischer Therapeut oft provokante Fragen. Zum Beispiel: "Was würden Sie am meisten in Ihrem Leben vermissen, wenn Ihr Problem morgen plötzlich verschwunden wäre?" Oder er fordert zu einem Perspektivwechsel auf. Statt sich etwa bei der Ehefrau zu erkundigen, warum sie weine, fragt er: "Was glauben Sie, was es bei Ihrem Mann auslöst, wenn Sie weinen?" Die Antwort darauf soll etwas über das Verhältnis zwischen den Beteiligten offenbaren - und im besten Fall an den Kern des Problems führen.

Wie etwa bei dem Vater, der sich über die vielen Streitereien seiner Töchter aufregte. In seinem Elternhaus habe es so etwas nicht gegeben. Die Eltern seien sehr streng gewesen, deshalb habe er sich mit seinen Schwestern verbündet. Die systemische Deutung des Konflikts: Die Streitereien der Töchter kann man auch als Kompliment für den Erziehungsstil des Vaters sehen - seine Kinder müssen sich nicht verbünden. Stattdessen dürfen sie lernen, wie man Auseinandersetzungen führt. Den Konflikt bei neuem Licht zu betrachten, half dem Vater schließlich, seine Sorgen auszubremsen.

Lösungen suchen, statt Probleme wälzen

Als die Eltern der Familie Born in die Erziehungsberatungsstelle kamen, wollten sie eigentlich nur bestätigt wissen, dass ihr aggressiver Sohn das Problem ist, und über ihn reden. Doch die Berater fragten unerwartet bei den Eltern nach: "Wann hat sich der Junge das letzte Mal positiv verhalten, obwohl Sie gerade dann Probleme erwartet haben?" Situationen, in denen es zwischen allen Beteiligten gut lief, sollen Anhaltspunkte für die Lösung geben.

Befürworter der Systemischen Therapie gehen davon aus, dass auch die Zahl der notwendigen Sitzungen gesenkt werden könnte - und damit die Kosten. Ein weiterer Vorteil: Die Abstände zwischen den einzelnen Therapiestunden kann flexibler gestaltet werden. Familie Born hatte in einem halben Jahr geballt zwanzig Sitzungen, anschließend nur noch alle zwei bis drei Monate ein Treffen. Seither ist ihr Miteinander harmonisch und gewaltfrei.

*Name von der Redaktion geändert
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