Psychologin über Trennung von Familien "Die Langzeitfolgen sind verheerend"

US-Präsident Trump will Flüchtlingskinder nicht mehr von ihren Eltern trennen, sondern Familien zusammen einsperren. Eine Psychologin erklärt, warum sich die Situation für die Kinder sogar noch verschlimmern kann.
Flüchtlingskinder in den USA

Flüchtlingskinder in den USA

Foto: Uncredited/ dpa

Kleinkinder, die verzweifelt nach ihren Eltern schreien oder apathisch in Drahtkäfigen hocken: Die Bilder aus US-Auffanglagern für mexikanische Flüchtlinge haben Wut und Bestürzung ausgelöst. Areej Zindler ist Kinder- und Jugendpsychiaterin und weiß, wie traumatisch solche Erlebnisse für Kinder sind. Im Interview erklärt die Hamburgerin, welche Langzeitfolgen drohen und warum sich die Situation für Flüchtlingskinder in den USA nicht verbessern, sondern vermutlich sogar verschlimmern wird.

SPIEGEL ONLINE: Frau Zindler, Sie betreuen seit Jahren traumatisierte Flüchtlingskinder in Hamburg. Wie haben Sie die Bilder aus den USA aufgenommen?

Zindler: Ich kann das kaum ertragen. So etwas wäre in Deutschland niemals möglich. Mich machen die Bilder auch deshalb so betroffen, weil ich selbst mit 19 Jahren von Palästina nach Deutschland gekommen bin und Kinder habe. Mir vorzustellen, sie oder ich hätten so etwas erleben müssen, ist der blanke Horror.

SPIEGEL ONLINE: Welche psychischen Folgen kann es für Kinder haben, wenn sie gewaltsam von ihren Eltern getrennt werden?

Zindler: So ein Erlebnis ist für die Kinder sehr wahrscheinlich traumatisch, denn es trifft sie meist völlig unvorbereitet. Sie reagieren sofort darauf, wie auch in den Videos aus den Lagern zu sehen ist. Sie weinen, sie schreien nach ihren Eltern, sie werden aggressiv oder resignieren schließlich. Doch auch die Langzeitfolgen sind verheerend.

Video: Einblick in die Auffanglager für Kinder

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SPIEGEL ONLINE: Wie können die aussehen?

Zindler: Gerade bei kleinen Kindern kann ein Trauma die Gehirnentwicklung nachhaltig beeinträchtigen. Typische Symptome sind beispielsweise Aggressionen, Schlafstörungen, Depressionen, Essensverweigerung und Trennungsangst. Kinder sollten eigentlich ein Urvertrauen entwickeln. Sie halten dann sich selbst und ihre Umwelt per se für gut. Wird diese Annahme gestört, leidet die Psyche, die Kinder geraten unter permanenten Stress.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren ältere Kinder auf so eine Situation?

Zindler: Elf- oder Zwölfjährige können natürlich viel besser verstehen, warum sie von ihren Eltern getrennt werden, traumatisch ist es für sie trotzdem. Denn sie geben sich häufig selbst die Schuld. Gerade Mädchen werden in solchen Situationen depressiv, Jungen eher aggressiv. Außerdem machen ältere Kinder ihren Eltern eher Vorwürfe, warum sie sie überhaupt in so eine Situation gebracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile zeigt sich auch Donald Trump plötzlich betroffen. Er hat per Dekret verboten, die Kinder von ihren Familien zu trennen. Was halten Sie davon?

Zindler: Die Entscheidung war längst überfällig. Kein Kind sollte von seinen Eltern getrennt werden. Sie sind für sie die wichtigsten Bezugspersonen. Kinder nehmen ihre Eltern als stark und allmächtig wahr. Für sie ist es traumatisch, wenn dieses Bild gestört wird. Ein afghanischer Junge hat mir beispielsweise einmal erzählt, er habe nach einem Bombenangriff Leichen gesehen, als er mit seinem Vater über die Straße lief. Viel traumatischer als die Toten war für ihn jedoch der Anblick seines Vaters, der sich aus Angst eingenässt hatte.

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USA: So sieht es in Trumps Kinderlagern aus

Foto: JOHN MOORE/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Trumps Dekret hat jedoch einen Haken: Bisher müssen Kinder nach 20 Tagen wieder freigelassen werden. Die US-Regierung überlegt nun, die Frist abzuschaffen. Eine andere Alternative wäre, die Kinder nach den 20 Tagen doch von ihren Eltern zu trennen. Welche Option wäre weniger schlimm für die Kinder?

Zindler: Die erste würde bedeuten, Kinder unbefristet einzusperren. Sie gehören jedoch weder in ein Gefängnis noch in einen Käfig. Die zweite würde bedeuten, Familien erst gemeinsam einzusperren, um sie dann doch zu trennen. Das wäre sowohl für die Kinder als auch die Eltern eine unerträgliche Situation. Die Kinder spüren genau, wenn ihre Eltern verzweifelt sind. Wenn sie ihre Familie in so einer Situation auch noch verlassen müssen, leiden sie noch mehr. Das Dekret verbessert die Situation der Flüchtlingskinder deshalb nicht, sondern verschlimmert sie eher.

SPIEGEL ONLINE: Welche Therapien kommen für die Kinder infrage?

Zindler: Wichtig ist es, ein möglichst sicheres Umfeld zu schaffen und das Vertrauen zu den Eltern Stück für Stück wieder aufzubauen. Am besten wäre es jedoch, Kinder überhaupt nicht erst in so eine grausame Situation zu bringen. Denn die Aufarbeitung erfordert viel mehr Zeit als das traumatische Erlebnis an sich.

Video: Kinder hinter Gittern

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