SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. März 2015, 09:36 Uhr

Nägelkauen

Fingerfood wider Willen

Von

Fingernägel kauen ist eine lästige Angewohnheit - und weit verbreitet. Schätzungen zufolge könnte jeder zweite Jugendliche kauen, bei Erwachsenen ist es jeder Zehnte. Was tun gegen das nervige Laster?

Mist. Schon wieder waren die Finger im Mund. Die Strafe folgt prompt: Bitterkeit macht sich auf meiner Zunge breit. Der Geschmack von Denatoniumbenzoat - angeblich einer der bittersten Stoffe auf dem Planeten, angeblich völlig ungefährlich.

Fingerlecken ist eigentlich erlaubt. Macht man nun mal nach dem Essen manchmal. Nagelkauen nicht. Das will ich mir abgewöhnen - und dazu habe ich mir Bittertinktur auf die Nägel geschmiert.

Der Bitterstoff soll mich umkonditionieren wie eine Ratte in der Skinner-Box. Die Regeln sind einfach: Wer kaut, wird bestraft. Die Strafe: Eine halbe Stunde lang Bitterkeit im Mund. Manchmal wäre mir ein ehrlicher Stromstoß lieber.

Aber leider gibt es kaum Alternativen für Nägelkauer wie mich. Hilfe auch nicht. "Niemand fühlt sich so richtig zuständig", sagt der Psychologe Steffen Moritz im Interview. Fingernägelkauen sei keine Krankheit, sondern "nur" eine Störung. Gemeinhin wird sie eher als Charakterschwäche angesehen, weswegen sich Betroffene schämen und erst recht keine Hilfe suchen.

Zu Unrecht, denn Willensanstrengung alleine reicht laut Moritz nicht aus, um die Angewohnheit loszuwerden. Man kann es mit Bitterlack probieren. Oder mit Habit Reversal Training - einer kognitiven Verhaltenstherapie (mehr Infos und Anleitung zur Selbsttherapie im Interview mit Steffen Moritz).

Die geringe Akzeptanz des Fingernägel-Kauens steht im krassen Missverhältnis zu seiner Verbreitung: Schätzungen zufolge soll fast jeder zweite Jugendliche kauen. Bei Erwachsenen ist es noch jeder zehnte.

Blutige, schmerzende Fingerkuppen

Eigentlich dachte ich, dass das Thema schon 1986 durch war. Als Jugendlicher habe ich Nägel gekaut wie ein Wilder. Die Fingerkuppen waren blutig und schmerzten tagelang, sobald ich nur ein wenig Druck darauf ausübte. Das wurde so schlimm, dass ich mitunter meine Hand kaum noch benutzen konnte.

Damals war das recht dramatisch, denn das Tippen auf meinem Commodore 64 wurde zur Herausforderung (wobei das Tippen damals auch so noch eine Herausforderung war). Auch den Joystick zu halten, war schmerzhaft. Meine Highscores sanken. Mein Selbstvertrauen auch, denn für die abgefrästen Fingerkuppen schämte ich mich in der Öffentlichkeit.

Meine Mutter hatte schließlich genug. Die verhunzten Finger passten ästhetisch nicht zu den Klaviertasten, auf die ich regelmäßig drücken musste. Aber der Bitterlack, den sie mir auftrug, war mir nicht minder peinlich. Der glänzte genauso wie das Zeug, das sich Mädchen auf die Nägel schmierten. Doch er tat seine Wirkung. Nach ein paar Wochen hörte ich tatsächlich mit dem Kauen auf. Aber nur mit dem Kauen.

Meine Psyche hatte mich ausgetrickst: Ok, die Nägel lasse ich in Ruhe, aber von Hautkauen hat doch keiner was gesagt - so die Logik meines Unterbewusstseins. Ergebnis: "Schöne" Nägel hatte ich. Aber das Drumherum sah aus wie von einer Ratte abgenagt. Aus dem Nägelkauer war ein Knibbler geworden. Und ich gestehe es nur ungern, aber Hautknibbeln machte noch viel mehr "Spaß". Haut beißen ist so viel filigraner und subtiler als das Herumkauen auf splitterigen Nägeln.

Das Kauen färbt ab

So ist es geblieben, bis heute. Phasenweise ist es mal schlimmer, mal verschwindet es fast ganz. Aber vor einiger Zeit hat auch meine Freundin angefangen zu Kauen - und zwar Hardcore, also nicht nur Haut, sondern wirklich Fingernägel. Auch sie ist eine ehemalige juvenile Kauerin, eigentlich auch längst mit Bittertinktur entzogen. Und jetzt dieser Rückfall.

Das Problem: Wenn sie loslegt, üblicherweise wenn wir einen Film zusammen schauen, dann macht mich ihr Gekaue einfach wahnsinnig. Noch wahnsinniger macht mich, dass es auf mich abfärbt. Zu allem Übel finde ich mich dann auch noch in der Eltern-Schimpf-Rolle wieder. Und da will ich nun wirklich nicht hin, Erwachsensein hin oder her.

Also wieder Bittertinktur. Meine Freundin hingegen hat ihre eigene Therapie gefunden: Sie geht zur Maniküre - wobei sie da ihren ersten Termin lange Zeit verschieben musste ("Ich kann doch da so nicht hingehen?!"). Irgendwann hielt sie mir ihre frisch rot lackierten Fingernägel vors Gesicht.

"Willst du nicht auch mal zur Maniküre?"

Das ist wirklich bitter.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung