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16. April 2014, 16:35 Uhr

Psychologie

Wenn die beste Freundin Horst heißt

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Männer + Frauen = Freunde? Niemals. Die Skepsis ist nicht ganz unberechtigt, zeigen wissenschaftliche Untersuchungen. Zu viele Spannungen liegen in der Luft.

Denken Sie jetzt mal kurz an ihre engsten Freunde, sagen wir die Top 5. An die Menschen, mit denen Sie durch dick und dünn gehen, mit denen Sie viele ernste und offene Gespräche führen können, bei denen Sie sich immer wohlfühlen. Wenn Sie ein Mann sind: Wie viele davon sind Frauen? Wenn Sie eine Frau sind: Wie viele davon sind Männer? Richtig, die wenigsten. Etwa 90 Prozent unserer Freunde sind uns nicht nur ähnlich, wenn es um die innere Einstellung, Interessen und Werte geht. Sie haben auch das gleiche Geschlecht.

Warum das so und ob das vielleicht auch gut so ist, erforschen Wissenschaftler erst seit einigen Jahren. Männer und Frauen können Freunde sein, dessen sind sich zumindest vier von fünf Erwachsenen sicher. Dennoch sind diese zwischenmenschlichen Verbindungen eher selten - und werden kritisch beäugt. Männer + Frauen = Freunde - kann das wirklich funktionieren? Die Forschung zeigt: Die Skepsis ist nicht unberechtigt.

Die Unterschiede beginnen früh

Zum einen haben Männer und Frauen unterschiedliche Ansprüche an eine Freundschaft. Das zeigt eine Übersichtsstudie, in der 37 Untersuchungen mit insgesamt mehr als 8800 Probanden analysiert wurden. Frauen legen demnach mehr Wert auf Vertrauen, Loyalität, Selbstöffnung und Zusammengehörigkeit als Männer. Zugleich zählt in Männerfreundschaften auch, ob der andere etwas zu bieten hat: Ist der Freund wohlhabend, fit, attraktiv oder intelligent?

Schon im Schulalter beginnen die Unterschiede. Jugendliche Mädchen bewerten ihre Freundschaften als hochwertiger als gleichaltrige Jungen. Sie öffnen sich öfter gegenüber ihren Freunden, reagieren eher auf Gefühle und Bedürfnisse des anderen, verbinden mit ihren Freundschaften mehr positive und weniger negative Gefühle. Ein Muster, das sich im Erwachsenenalter kaum mehr ändert.

Wenig verwundert dann, dass Frauen die Freundschaft mit einem Mann oftmals als weniger erfüllend erleben, Männer hingegen eine gute Freundin an ihrer Seite mehr schätzen als männliche Verbündete. Ein gemischtgeschlechtliches Forscherteam aus den USA fasste seine Studienerkenntnisse so zusammen: "Eine Freundschaft, die mindestens eine Frau involviert, ist befriedigender als Freundschaften, die das nicht bieten."

Kann mehr daraus werden?

Die Crux an der Sache: Die Freundschaft zwischen Mann und Frau ist selten von gegenseitiger Anziehung und Sexualität losgelöst. Unter Studenten enden bis zu zwei von drei solcher Freundschaften im Bett. Oft erhoffen sich die Frauen von einer sogenannten Freundschaft Plus, das sie in wahrer Liebe mündet. Männer schätzen daran vor allem den Sex. Nur etwa jede fünfte dieser Verbindungen verwandelt sich tatsächlich in eine Romanze.

Doch was, wenn nicht die große Liebe daraus wird und der Sex endet? Hatte die Freundschaft genügend Tiefe, überlebt sie auch den Sex, so das Fazit einer US-amerikanischen Studie. Mit dem Ende von sexueller Nähe brachen ein Fünftel aller Freundschaften auseinander. Aber: 80 Prozent der Verbindungen blieben bestehen, auch als sie wieder platonisch wurden. Die Hälfte der Befragten fühlte sich nach dem Techtelmechtel dem Freund oder der Freundin ebenso nah wie vorher, teilweise sogar näher.

Doch selbst wenn Sex überhaupt nicht zur Debatte steht, empfinden viele befreundete Männer und Frauen die Attraktivität des anderen als belastend für das Miteinander. Ein Drittel von 88 gemischten Freundespaaren bewerteten es in einer Befragung als Ballast, wenn sie sich zum anderen hingezogen fühlten. Frauen allerdings eher als Männer: Die Hälfte von ihnen empfand es als kompliziert, wenn sie sich von ihm sexuell angezogen fühlt. Bei den Männern war es nur jeder Fünfte. Dabei waren es in der Befragung vor allem sie, die in ihrer guten Freundin oft noch etwas anderes sehen als jemanden zum Quatschen und Ausgehen. Sie fühlten sich auch deutlich stärker zu den platonischen Freundinnen hingezogen als andersherum: Auf einer Skala von eins bis neun gaben die Männer der Gefährtin im Durchschnitt eine Fünf in der Kategorie Anziehungskraft.

Kein Wunder also, dass ein Mann mit einer guten Freundin, oder eine Frau mit einem guten Freund, zu Hause mit dem eigenen (Ehe-)Partner häufig Probleme bekommt: Jeder Dritte hatte es in der Befragung schon mal mit der Eifersucht des Lebensgefährten zu tun. Mitunter nicht ganz unberechtigt, denn die Freunde fühlten sich umso mehr zum anderen hingezogen, je unzufriedener sie mit ihrer eigenen Partnerschaft waren. Ob in der Ehe oder Partnerschaft wegen der Freundschaft die Luft raus war oder Letztere wegen der Beziehungsprobleme aufblüht, bleibt jedoch Spekulation.

Doch nicht immer müssen gemischtgeschlechtliche Freundschaften derart problembeladen sein. Experten gehen davon aus, dass sie im Alter sowieso häufiger auftreten - und auch halten. Studien gibt es dazu bisher keine, aber die Logik hinter der Hypothese besticht: Mit 70 Jahren steht die Sexualität nicht mehr zwischen den Menschen.

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