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Fußballfans: Wenn Anfeuern zur Sucht wird

Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty Images

Extremfans Das Leiden der Fußballsüchtigen

Sie machen Abstriche im Job und im Privatleben - und das nur, um jedes Spiel ihres Vereins zu sehen. Bei Extremfans kann die Liebe zum Fußball schnell zur Sucht werden. Wann nimmt das Hobby Züge einer Krankheit an?
Von Niklas Wieczorek

Roberts* Prioritäten sind klar geregelt: Erst die Spiele von Preußen Münster, dann alles andere: Arbeit, Freundin und Familie. Robert ist Fan des Fußball-Drittligisten, vielleicht kann man auch sagen: Extremfan. Seine wissenschaftliche Anstellung ermöglicht es ihm, Auswärtsfahrten des Clubs den gebührenden Platz in seinem Leben einzuräumen. Unpassende Termine werden verlegt, Urlaubstage reserviert, er geht zu jedem Spiel seines Vereins.

Allesfahrer, Unverwüstliche, Treue - viele Bezeichnungen für Fans wie Robert, die sich kein Match entgehen lassen, drücken Charakterstärke aus. Dabei setzen extreme Anhänger ein kostbares Gut aufs Spiel: ihre Gesundheit. Denn das Bedürfnis, die Lieblingsmannschaft immer und überall zu unterstützen, kann süchtig machen.

Was zunächst wie die lächerliche Übersteigerung eines Hobbys klingt, ist in den Augen des Pädagogen Fedor Weiser ein ernstzunehmendes Problem: "Die Fußballsucht ist eine von vielen nicht stofflichen Süchten", sagt der Mitarbeiter des Instituts für Berufs- und Sozialpädagogik in Pohlheim. Er ist auch Autor des Buches "Fußball als Droge".

Weiser hat jahrelang das Frankfurter Fanprojekt  geleitet. Dort stand er als Ratgeber häufig mit Extremfans in Kontakt und hat erkannt: "Man bewegt sich immer zwischen Schulterklopfen und Gesprächsbedarf. Die Fußballfankultur hat insgesamt ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Extremfans."

"Wirst du am Spieltag beerdigt, kann ich leider nicht kommen"

Dass das Fan-Dasein körperlich krank machen kann, zeigt der Fall einer Britin, der 2011 bekannt wurde. Sie entwickelte eine Hormonkrankheit der Nebennierenrinde. Der Auslöser: Stresssituationen bei den Spielen des englischen Vereins Manchester United. Auch zeigte eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München, dass während spannenden Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 mehr als dreimal so viele Menschen mit Herznotfällen in Kliniken eingeliefert wurden  als in vergleichbaren Zeiten ohne Fußball-Weltmeisterschaft.

Weiser sieht die Nebenwirkungen einer ausufernden Fußballliebe vor allem auf einer anderen Ebene, dem gesamten "Fußballarrangement". Viele Extremfans richten ihr Leben nach dem Spielplan aus, nehmen um die Spieltermine herum tagelange Reisen auf sich, stellen alles andere hinten an und machen ihre Stimmung vom Ergebnis abhängig.

Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Informationen zu verschiedenen Suchtproblematiken wie Alkohol und Glücksspiel bereit stellt, ist die "Fußballsucht" nicht bekannt. Sprecherin Marita Völker-Albert beschreibt "abhängigen Konsum" allerdings ganz allgemein als langfristiges, zeitaufwendiges und ansteigendes Verhalten. Abstinenzwünsche und Entzugserscheinungen inklusive. Es käme zu "Einschränkungen sozialer und beruflicher Aktivitäten und von Freizeitaktivitäten aufgrund des Verhaltens", sagt sie.

Viele Extremfans scheinen diese nach medizinischem Diagnosekatalog aufgestellten Kriterien zu erfüllen. So werden Fans etwa aus soziologischer Perspektive in der Fachliteratur als Minderheit definiert, die ihr Objekt über alles stellt. Dieses Verhältnis sei nicht nach Belieben kündbar. Eine Beschreibung, die sich stark mit der einer süchtigen Abhängigkeit deckt.

Harald Lange, Sportpädagoge und Leiter des wissenschaftlichen Instituts für Fankultur in Würzburg und Köln, plädiert wie auch Weiser für einen offenen, nicht ausschließlich negativen Fußballsuchtbegriff: Das Leiden durch sportliche Misserfolge etwa gehöre zum Fan-Dasein dazu. Bedenklich wird es seiner Meinung nach erst, wenn jemand psychische oder physische Probleme entwickelt. "Dann muss man ihm Angebote machen, etwas anderes zu tun - sich anders zu identifizieren", sagt er. Diese könnten aber auch aus der Fanszene selbst kommen: "Man muss keine Therapeuten in die Kurve schicken."

"Manchmal steht man morgens auf und hat gar keinen Bock"

Wahrgenommen wird das möglicherweise ungesunde Fan-tum nur in den wenigsten Fällen. Fast jeder Anhänger kennt jemanden, der seit Jahren kein Spiel verpasst hat. Robert etwa bezeichnet sich selbst als süchtig nach Fußball. Er weiß: "Manchmal steht man morgens auf und hat gar keinen Bock. Und dann geht man trotzdem hin."

Er hat über fünf Spielzeiten jede Partie gesehen, ausgenommen waren nur zwei Auswärtsfanverbote seines Vereins in der letzten Saison. Auf Nachfrage, wann er zum letzten Mal ausgesetzt hat, entgegnet er gelassen: "Ich kann nachgucken, ich führ' Liste." Sich selbst bezeichnet er als "wahrscheinlich krank". Doch er fühlt sich gut mit seiner Sucht, leidet nicht darunter.

Bei jeder Sucht gibt es verschiedene Phasen der Abhängigkeit. Irgendwann kann es gefährlich werden, wie Experte Weiser erläutert: Aggressive Impulse in der Phase der Abstinenz - beispielsweise der Sommerpause - seien ein untrügliches Zeichen dafür, dass jemand süchtig nach Fußball ist und Hilfe braucht. Auch für ihn ist dann entscheidend, wie das Umfeld des Betroffenen aussieht: "Alleine ist man viel gefährdeter, die soziale Gruppe bietet Schutz", sagt Weiser. Wenn Fans sich alleine auf die Reise zu Spielen machen, sei das Fußballschauen wichtiger als die Gruppendynamik. Es drohe die Vereinsamung.

Ob aus der Fanszene selbst, wie Lange anbringt, oder durch professionelle Institutionen - Hilfe kann bei extremen Anhängern nötig sein, da sind sich die Experten einig. Noch allerdings ist die Fußballsucht ein kaum wahrgenommenes Thema, vielleicht wird sich dies in Zukunft ändern. Lange fasst zusammen: "Weil er provokant ist, kann man mit dem Suchtbegriff viele Fragen neu stellen." Antworten können Fans, Pädagogen und medizinische Beratungsstellen zusammen finden.

*Name von der Redaktion geändert
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