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26. August 2015, 14:10 Uhr

Gelassenheit

"Die Sinne sind wichtiger als das Denken"

Ein Interview von

Stress, Depressionen, Überforderung? Der Philosoph Wilhelm Schmid warnt vor überzogenen Ansprüchen ans eigene Leben - und verrät, was Menschen gelassen macht.

SPIEGEL: Herr Schmid, Ihr Buch "Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden" ist ein erstaunlicher Erfolg. Seit dem Frühjahr 2014 hält es sich Woche für Woche auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Warum greifen so viele Menschen nach diesem Titel?

Schmid: Weil sie Gelassenheit brauchen! Meine anderen Bücher, etwa zum Glück oder zur Liebe, haben sich auch gut verkauft. Aber die Gelassenheit bricht alle Rekorde.

SPIEGEL: Ein Zeichen der Zeit?

Schmid: Sicherlich. Moderne heißt ja, immer Neues zu tun, immer aktiv zu sein, alle Möglichkeiten zu ergreifen, die es gibt. Und genau so definiert sich Stress: mehr verwirklichen zu wollen, als in die Wirklichkeit hineingeht. Gelassenheit kommt von Lassen, heißt also auch, Möglichkeiten, die ich realisieren könnte, zu lassen.

SPIEGEL: Was ist das überhaupt, Gelassenheit? Ist es etwas, das man bewusst herbeiführen kann, oder ist es ein Gefühl, das man eben hat oder nicht?

Schmid: Menschen werden mit bestimmten Anlagen geboren. Manche kann von Natur aus nichts erschüttern, andere kommen schon nervös zur Welt. Aber niemand ist dazu verdammt, nur das zu leben, was er von Natur aus mitbekommen hat. Wenn jemand nicht von sich aus gelassen ist, dann kann er daran arbeiten, es zu werden.

SPIEGEL: Sie sind jetzt 62 Jahre alt. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Sind Sie ehrlich, wenn Sie verkünden, dass man im Alter gelassener wird? Die Kräfte schwinden, Freunde sterben, der eigene Tod rückt näher - das ist doch eher zum Fürchten.

Schmid: Es kommt darauf an, was Sie vom Leben erwarten. Moderne Menschen haben wahnsinnige Ansprüche ans Leben, Ansprüche, die das Leben unmöglich erfüllen kann. Erwarten sie dagegen, dass das Leben so ist, wie es ist und immer war und immer sein wird - dann kann sich Gelassenheit einstellen.

SPIEGEL: Immer mehr Menschen leiden an Depressionen, und zwar gerade im Alter. Widerspricht dieser statistische Befund nicht Ihrer These?

Schmid: Ich traue dieser Statistik nicht. Meiner Meinung nach werden da zwei Befunde zusammengeworfen, um möglichst viele Medikamente zu verkaufen: nämlich die relativ seltene und sehr schwere Krankheit Depression. Und andererseits die Melancholie, also traurig zu sein etwa angesichts der Endlichkeit des eigenen Lebens. Letzteres hat nichts mit Depression zu tun, sondern hat schon immer zum menschlichen Dasein dazu gehört. Auch die Philosophen in der Antike kannten die Melancholie. Im Gegensatz zu heute, wo mit diesem Zustand viel Geld verdient wird, hielt man ihn im Altertum jedoch für kreativ und produktiv.

SPIEGEL: "Sehr viel Sinn resultiert aus Sinnlichkeit", schreiben Sie. Inwiefern machen Sinneserfahrungen gelassen?

Schmid: Sinneserfahrungen stellen einen Zusammenhang her, der so fundamental ist, dass wir ihn für gewöhnlich übersehen - nämlich zwischen uns und der Welt. Was wüssten wir denn von der Welt, wenn wir nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr schmecken, riechen und tasten könnten? Nichts! Deshalb sind die Sinne wichtiger als das Denken. Die moderne Tendenz aber ist, die Sinne technisch zu ersetzen. Menschen unternehmen nicht mehr ausgiebige Waldspaziergänge, sondern setzen sich tagsüber vor den Computer und abends vor den Fernseher. Da wird zwar der Sehsinn beschäftigt - aber nur mit einem sehr kleinen Rechteck.

SPIEGEL: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Zutat für ein gutes Leben?

Schmid: Von gutem Leben spreche ich niemals, auch nicht vom gelingenden. Das Leben ist Leben, da ist nicht alles gut, und da gelingt auch nicht alles. Ich halte es für sinnvoller, von einem schönen Leben zu sprechen, im Sinne von: bejahenswert. Bejahenswert kann das gesamte Leben sein, mit all seinen positiven und negativen Seiten. Wenn Sie nur die guten und positiven haben wollen, verkürzen Sie das Leben um die Hälfte. Aber nur in der Theorie. In der Praxis bleibt die andere Hälfte erhalten.

SPIEGEL: Wie sieht es mit Meditation oder Yoga aus als Wege zu mehr Gelassenheit?

Schmid: Wer es mag, der soll es machen. Es gibt aber auch andere Techniken, beispielsweise die Berührung. Jeder, der je von einem anderen umarmt wurde, wird bestätigen: Das macht automatisch gelassen. Darum könnten wir uns doch öfters bemühen.

SPIEGEL: Am Ende Ihres Buchs stellen Sie sich Ihren letzten Tag vor, wie Sie Abschied nehmen von Ihrer Frau, mit der Sie jahrzehntelang glücklich waren, Ihren vier Kindern. Viele Menschen gehen nach gescheiterten Ehen heute einsam ins Alter. Können diese so gelassen altern wie Sie?

Schmid: Wenn jemand absolut einsam ist, keinen Freund oder Bekannten, keinen Verwandten hat, das ist in der Tat schrecklich einsam. Da könnte ich mir gerade noch vorstellen, mich in die Geisteswelt zu vertiefen, mit den Philosophen aller Zeiten Gespräche zu führen. Ansonsten plädiere ich dafür: Pflege deine Beziehungen das ganze Leben hindurch, und zwar so, dass sie nachwachsen. Sieh zu, dass du auch Beziehungen zu jungen Menschen eingehst, damit du auch dann noch Vertraute hast, wenn Ältere und Gleichaltrige wegsterben.

SPIEGEL: Wie kann ein nicht-gläubiger Mensch die Gelassenheit erreichen, wie Sie sie definieren: nämlich als "Gefühl und Gedanken, sich in einer Unendlichkeit geborgen zu wissen"?

Schmid: Man muss nur abends auf den Balkon gehen, die Augen in einer sternenklaren Nacht erheben und sich fragen: Wie viele Sterne zähle ich da? Und wenn man nicht mehr weiterkommt, weil die Zahl so hoch ist, sich damit trösten, dass die Astrophysiker auch noch zählen und bis ans Ende der Tage nicht aufhören werden zu zählen. Das ist die Unendlichkeit, und ich, der da auf dem Balkon stehe, bin Teil davon. Kann sein, dass ich nur ein unbedeutender Teil bin, aber eins ist sicher: Ich bin nicht nichts.

Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Annette Bruhns. Sie hat gerade ein ganzes Heft zum Thema konzipiert. SPIEGEL Wissen "Gelassenheit. Die Kunst der Seelenruhe" liegt seit Dienstag, 25. August, am Kiosk.

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