"Germany's next Topmodel" So schlank, so krank

Heidi Klums Topmodel-Show kann laut einer Studie dazu beitragen, dass Mädchen eine Essstörung entwickeln. Betroffene beschreiben, wie sie sich immer wieder mit den Kandidatinnen verglichen haben.
Finale von "Germany's Next Topmodel" 2013: Alle müssen funktionieren - Mädchen und Roboter

Finale von "Germany's Next Topmodel" 2013: Alle müssen funktionieren - Mädchen und Roboter

Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images

Schlank sein, fantastisch aussehen, immer lächeln, wenn die Kamera läuft - selbst wenn einem zum Heulen zumute ist. So sehen die Maßgaben für den Erfolg bei "Germany's next Topmodel" (GNTM) aus. Wie wirken diese Vorgaben auf ein junges, weibliches Publikum?

Laut einer wissenschaftlichen Befragung von 241 Menschen, die wegen einer Essstörung in Behandlung waren, kann die Sendung durchaus eine zerstörerische Wirkung entfalten.

Fast ein Drittel der Betroffenen gab an, die TV-Reihe habe einen sehr starken Einfluss auf ihre Krankheit ausgeübt. Ein weiteres Drittel sah einen "leichten Einfluss", berichten drei Wissenschaftlerinnen des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Alle anderen Sendungsformate wurden deutlich seltener mit der Krankheit in Verbindung gebracht.

Die Entstehung von Essstörungen ist ein komplexer Prozess, bei dem viele Faktoren zusammenkommen. Keine TV-Sendung wird ein alleiniger Auslöser sein. Dennoch können die dort vermittelten Werte die Krankheit begünstigen, wenn jemand schon eine Veranlagung dafür hat - das legt die Befragung nahe.

"Werden sie auf ihren Körper reduziert und in diesem hochsensiblen Bereich kritisiert, kann es nicht nur für die Akteurinnen, sondern auch für junge Frauen vor dem Fernseher fatale Folgen haben", sagt Studienleiterin Maya Götz. Sie fordert mehr Achtsamkeit beim Umgang mit jungen Frauen vor der Kamera. "Auch ProSieben hat eine gesellschaftliche Verantwortung", sagt sie.

Vergleich mit den Kandidatinnen

Die befragten Mädchen beschrieben, wie sie sich immer wieder mit den Kandidatinnen der Model-Show verglichen. "Und so hat auch ein Teil meiner Krankheit angefangen", schrieb laut der Umfrage etwa eine 14-Jährige mit Magersucht.

Insbesondere seien Szenen problematisch, in denen bestimmte Körpermerkmale ganz genau begutachtet würden, sagt Götz. Etwa wenn Kandidatinnen vor dem Spiegel stehen und erzählen, wo sie überall viel zu dick sind. Oder wenn Heidi Klum einer Teilnehmerin immer wieder zuruft, ihr - eigentlich nicht vorhandener - Bauch hänge raus, und sie solle ihn einziehen. "Wir sehen nur extrem hübsche, große, dünne junge Frauen - so sehen Mädchen im Durchschnitt nun mal nicht aus", sagt Götz.

Die Wissenschaftlerinnen sehen zudem eine "krankmachende" Logik in der Model-Sendung: "Das erstrebenswerte Ziel ist es, die eigentlichen Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse zurückzustellen, um sich perfekt an die Anforderungen und Normen anderer anzupassen und sie in ihrem Anliegen nicht zu stören", schreiben sie. "Empfindungen wie Müdigkeit und Kälte oder Gefühle wie Scham, Ekel, Wut oder Angst müssen unterdrückt werden."

ProSieben wies die Kritik zurück. "Bei 'Germany's next Topmodel' ist gesunde und nachhaltige Ernährung ein wichtiges Thema", sagt Sprecher Christoph Körfer. "Regelmäßig weisen die Juroren darauf hin: Wer hungert, hat keine Chance als Model erfolgreich zu sein. Das 'Schönheitsideal' Size Zero spielt in der Sendung keine Rolle." Magersucht sei natürlich "für alle Betroffenen und deren Familien ein großes und schlimmes persönliches Thema", Übergewicht sei gesellschaftlich betrachtet aber ein viel größeres Problem, meint Körfer.

Götz sagt dazu, man sehe, dass ProSieben sich bemühe. Dass die Sendung mehr auf gesunde Ernährung abziele, sei grundsätzlich gut, und auch, dass Heidi Klum zwischendurch mal einen Döner esse.

"Gesellschaftliche Ideale haben eine Auswirkung darauf, wie sich einzelne Personen in ihrem Weltbild wahrnehmen", sagte der Bundesvorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen, Marcus Rautenberg, und sprach von einer "auf den ersten Blick hochwertigen Studie". "Ich kann das aus psychologischer Sicht bestätigen."

Die Studie

Nach Angaben des IZI ist die aktuelle Befragung die größte internationale Studie zum Einfluss von Fernsehsendungen auf Essstörungen.Wer wurde befragt? Befragt wurden 241 Jugendliche und junge Erwachsene, die wegen einer Essstörung in Behandlung waren. 96 Prozent der Befragten waren weiblich, 85 Prozent litten unter Magersucht. Knapp die Hälfte der Befragten war zwischen 16 und 21 Jahre alt.Wie wurde gefragt? Per anonymem Fragebogen. Ein großer Teil der Fragen war offen. Einige waren geschlossen, zum Beispiel: "Wie würden Sie den Einfluss von folgenden Mediendarstellungen auf Ihre Essstörung einschätzen?" (auf einer Fünferskala von "keinen" bis "sehr stark")

Mit Material von dpa
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