Deutsche Studie Neue Psychotherapie-Ansätze helfen bei Magersucht

Wie sehr profitieren Magersüchtige von einer Psychotherapie? Deutsche Forscher haben jetzt die weltweit größte Studie zu dem Thema veröffentlicht. Zwar konnten sie rund einem Drittel der Patientinnen nicht nachhaltig helfen - dennoch machen die Ergebnisse Hoffnung.
Darüber reden: Magersüchtige finden Hilfe beim Psychotherapeuten

Darüber reden: Magersüchtige finden Hilfe beim Psychotherapeuten

Foto: Corbis

Magersucht ist weltweit die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate, im Langzeitverlauf führt sie bei bis zu 20 Prozent der Betroffenen zum Tod. Bei der sogenannten Anorexia nervosa gilt es also, zu handeln. Psychotherapien können die Betroffenen, 0,3 Prozent aller Mädchen und jungen Frauen, aus der Spirale aus Hungern, Erbrechen, exzessivem Sport und Abführmitteln befreien.

Dass Psychotherapien helfen, ist unter Fachärzten seit langem bekannt; medizinische Leitlinien empfehlen sie als Mittel der Wahl. Dennoch wurde die Wirkung der schätzungsweise 75 unterschiedlichen Therapieformen bisher noch nicht streng wissenschaftlich belegt. Auch ist bisher ungeklärt, welche Form der Psychotherapie am effektivsten wirkt und die Heilungschancen am stärksten erhöht. Deutsche Wissenschaftler haben die Lücke mit ihrer Studie im Fachmagazin "The Lancet" nun ein Stück weit geschlossen.

Weltweit größte Studie zur Behandlung von Magersucht

Ziel der bisher weltweit größten Studie zur psychotherapeutischen Behandlung von Magersüchtigen war es, zu zeigen, ob zwei speziell für die Erkrankung entwickelte Therapiekonzepte wirksamer sind als herkömmliche. Insgesamt beteiligten sich zehn deutsche Kliniken, geleitet wurde die Untersuchung von den Abteilungen für Psychosomatische Medizin der Universitätskliniken Tübingen (Leitung: Stephan Zipfel) und Heidelberg (Leitung: Wolfgang Herzog).

Zu Beginn der Studie teilten die Forscher die 242 erwachsenen Frauen per Losverfahren einer von drei Therapiegruppen zu. Die Patientinnen der ersten Gruppe erhielten eine herkömmliche Psychotherapie mit besonders intensiver Betreuung. Die Teilnehmerinnen der beiden anderen Gruppen wurden mit zwei neuen psychotherapeutischen Verfahren behandelt, die von internationalen Essstörungs-Experten entwickelt worden waren und von denen man sich besonders viel Erfolg erhoffte.

Der eine Teil dieser Frauen absolvierte eine kognitive Verhaltenstherapie, bei der die Teilnehmerinnen über die Folgen von Untergewicht sowie Hungern aufgeklärt wurden. "Danach erlernten sie spezielle Techniken, um ihr Essverhalten zu normalisieren", erläutert Stephan Zipfel. Die dritte Versuchsgruppe erhielt eine fokale psychodynamische Psychotherapie, eine Weiterführung der Psychoanalyse. Diese forscht nach den tieferliegenden Ursachen der Essstörung. "Psychotherapeut und Patientin gehen hier den inneren Konflikten und emotionalen Auslösern der Erkrankung auf den Grund", sagt Wolfgang Herzog.

Insgesamt wurden die Teilnehmerinnen der Studie 22 Monate lang begleitet - zehn Monate davon absolvierten sie die Therapie, weitere zwölf Monate galten der Nachbeobachtung.

Patientinnen gewannen an Gewicht

In allen drei Gruppen verbesserten die Patientinnen während der Therapie ihr Gewicht, durchschnittlich um 3,8 Kilo. Zu Beginn wogen die Frauen im Schnitt 46,5 Kilo. Herzog sieht trotz ähnlicher Erfolge in den drei Versuchsgruppen einige Vorteile der neuen Therapien. "Patientinnen in der Verhaltenstherapiegruppe nahmen während der Therapie schneller zu. Und: Bei der fokusalen psychodynamischen Therapie besserten sich die Symptome auch nach Therapieende. Die Patientinnen dieser Gruppe hatten auch ein Jahr nach der Behandlung die günstigsten Gesamtheilungsraten."

Ein weiterer Erfolg: Bei der herkömmlichen Psychotherapie lag die Abbruchrate bei 41 Prozent, bei der fokalen psychodynamischen Psychotherapie hingegen nur bei 23 Prozent.

Dennoch: Fast ein Drittel der Frauen brach Therapie und Nachbehandlung ab, gut zwei Drittel beendeten die Behandlung. Außerdem musste rund ein Drittel der Frauen während der eigentlich ambulanten Behandlung vorübergehend stationär aufgenommen werden.

Es muss noch viel geforscht werden

"Die Untersuchung zeigt, wie schwierig es ist, das Krankheitsbild der Magersucht in klinischen Studien zu erforschen", schreibt Cynthia Bulik von der University of North Carolina in einem begleitenden Kommentar . Die hohe Abbruchrate sei generell ein Problem bei Therapien und Studien zur Magersucht. Sie lässt sich damit erklären, dass die Erkrankung chronisch und damit schwer zu behandeln ist. Daher sei es so wichtig, noch viel mehr auf diesem Gebiet zu forschen, so Bulik. "Bislang gibt es noch kein Medikament, das wirklich bei der Behandlung von Magersucht hilft."

Die Wissenschaftlerin hofft, dass sich das bald ändert. Derzeit wird zu Magersucht in Bereichen der Genetik und Neurobiologie geforscht, Studien laufen unter anderem zur Besiedelung des Darms mit Mikroorganismen. "Wir wissen noch wenig über die biologischen Faktoren, die zu Anorexia nervosa führen", sagt Bulik. "Diese Informationen sind aber wichtig für die Behandlung. Psychotherapien sind nur zum Teil effektiv. Wir müssen herausfinden, wie die schwere Krankheit in Zukunft besser, schneller und nachhaltiger angegangen werden kann."

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