"Hart aber fair" über Co-Pilot Lubitz "Depressive sind keine potenziellen Massenmörder"

Andreas Lubitz war vor Jahren wegen Suizidgefahr in psychiatrischer Behandlung. Aber erklärt das, warum der Co-Pilot 149 Menschen mit in den Tod riss? Das Fazit der "Hart aber fair"-Sendung zum Thema: Nein.

Über den "Notfall Psyche" diskutierten bei "Hart aber fair" (v.l.): Psychiater Florian Holsboer, Annette Weddy von der Deutschen Depressionsliga, Rita Süssmuth, Schirmherrin des Berliner Bündnis gegen Depression, der Vorsitzende des Opfervereins "Crash" Christoff Wellens, Raphael Diepgen, Luftfahrtpsychologe und Moderator Frank Plasberg
WDR

Über den "Notfall Psyche" diskutierten bei "Hart aber fair" (v.l.): Psychiater Florian Holsboer, Annette Weddy von der Deutschen Depressionsliga, Rita Süssmuth, Schirmherrin des Berliner Bündnis gegen Depression, der Vorsitzende des Opfervereins "Crash" Christoff Wellens, Raphael Diepgen, Luftfahrtpsychologe und Moderator Frank Plasberg


Der Talkshow-Moderator Frank Plasberg und sein Team wollten beides: Die drängenden Fragen der Öffentlichkeit beantworten, aber auch aufklären. Ein junger Pilot reißt 149 Menschen mit in den Tod. In letzter Zeit und auch schon früher war er in psychiatrischer Behandlung. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? "Nichts" hätte das klare Fazit der "Hart aber fair"-Sendung sein müssen. Am Ende wäre das fast gelungen.

Plasbergs Fragen sollten wie immer provozieren, aber schossen mitunter übers Ziel hinaus. Den Psychologen und Verkehrspiloten Raphael Diepgen fragte er, wie er sich gefühlt hätte, wenn bei einem Flug sein Kollege im Cockpit solch eine Vorgeschichte gehabt hätte wie der im Airbus A320. Antwort: Es wäre keine Belastung für ihn.

Die Mitbegründerin der Stiftung Deutsche Depressionsliga und einst selbst depressiv Erkrankte Annette Weddy musste erklären, ob sie auch Suizidgedanken hatte und ob sie da auch andere Menschen mit in den Tod nehmen wollte. Antwort: Still, zu Hause, allein, so hatte sie ihren Suizid gedacht.

Kein erweiterter Suizid - aber auch keine Amoktat

Und in einem Video-Einspieler wurde die Frage aufgeworfen: Wieso kann ein Pilot mit Depressionen insgeheim weiterfliegen, wenn ein Koch mit Salmonellen oder eine Erzieherin mit Windpocken ihre Krankheit dem Arbeitgeber melden muss? Das beantwortete der Psychiater Florian Holsboer schon zu Beginn der Sendung ganz klar: "Depressive sind keine potenziellen Massenmörder."

Das betonte er auch für den Fall des Airbuspiloten: "Ich sehe nicht, dass hier eine sich in einer Depression befindliche Person gehandelt hat", sagt Holsboer. Der junge Mann habe mal eine schwere psychiatrische Erkrankung gehabt. "Was es diesmal war, wissen wir nicht", sagte er.

Der Psychiater vermutet, dass der Co-Pilot eher im Wahn als in depressiver Stimmung das Flugzeug zum Absturz brachte. Depressive begingen mitunter einen erweiterten Suizid, töten also nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Das sind aber zumeist die engsten Angehörigen. Die Erkrankten sehen die Welt derart düster, dass sie diese mit in den Tod nehmen statt sie zurückzulassen. "Das, worüber wir hier heute Abend sprechen, hat nichts mit einem erweiterten Suizid zu tun", betonte Holsboer.

Aber es handle sich auch nicht um eine Amoktat, denn der junge Mann zeigte nicht die typischen Eigenschaften eines Amokläufers. "Es gibt hierfür keine generalisierbare Bezeichnung", sagte der Psychiater.

In Holsboers Ausführungen wurde deutlich: Die Verbindung zwischen der offenbarten Krankengeschichte des Piloten und dem Absturz existiert nur scheinbar. Das stellte auch Plasberg immer wieder mal fest: "Da ziehen Sie eine Grenze zwischen früher und heute." Im nächsten Atemzug hatte er die Erkenntnis aber schon wieder vergessen: "Wenn man diese Vorgeschichte des Co-Piloten hört, wie kann es dann sein, dass er überhaupt im Cockpit saß?"

Warum diese Frage nach der Schuld und die bemühte Suche nach einem Grund so wichtig ist, erklärte der Anwalt Christof Wellens, der Vorsitzender des Vereins "Crash" ist, der die Hinterbliebenen von Unfällen unterstützt. "Die Angehörigen wollen die Wahrheit herausfinden, um das Unglück verarbeiten zu können", sagt er. Ein Verbrechen, wie er den Absturz nannte, sei ein zweiter Schlag ins Gesicht der Hinterbliebenen und wesentlich schwerer zu verkraften als ein technischer Defekt. Letzterer könne wenigstens der Katastrophe einen Sinn verleihen, etwa wenn die Technik oder Abläufe verbessert würden.

Annette Weddy hielt dagegen. "Hier hat sich ein Mensch in tiefster Verzweiflung befunden, sich abgrundtief schlecht gefühlt, und es hat scheinbar nichts gegeben, was ihn aufgefangen hat", sagte sie. Das rechtfertige die Tat nicht, aber es erkläre sie und zeige: Wir müssen hier mehr machen. Sie forderte leichteren Zugang zu einer professionellen Behandlung.

"Ich fliege lieber mit behandelten Piloten"

Mehr psychologische Überprüfungen stehen dem wohl eher im Weg, so der Tenor von Diepgen und Holsboer. "Mehr Tests bringen nichts", so der Psychologe Diepgen. Die Öffentlichkeit überschätze die Möglichkeiten der Fachleute. Die psychiatrisch-psychologische Diagnostik berge das Risiko, mehr Menschen eine psychische Störung anzulasten, als tatsächlich eine haben. "Wir haben keine objektiven Laboruntersuchungen für psychische Erkrankungen", sagte Holsboer. Es gebe hier nicht wie beim Blutdruck konkrete Werte, ab denen ein gesundheitliches Problem besteht.

Und: Wenn all diese Überprüfungen dazu führen, dass jemand nicht Pilot werde oder nicht weiterfliegen dürfe, dann werden mehr psychisch erkrankte Menschen ihre Krankheit verheimlichen. Umso mehr Piloten werden unbehandelt fliegen. "Ich persönlich fliege lieber mit behandelten Piloten", so Holsboer.

Am Ende der Sendung hatte man das Gefühl, dass klar geworden ist, dass die aktuellen Erkenntnisse über den vergangenen Gesundheitszustand des Co-Piloten nichts erklären können und zusätzliche psychologische Tests nicht die Lösung sind. Auch Plasberg warb am Ende der Sendung noch einmal halbherzig mit einem Zitat aus der "Süddeutschen Zeitung" bei den Zuschauern um Vertrauen - in ihre Mitmenschen. Es hätte ein runder Abschluss sein können.

Doch dann folgt die Live-Schalte ins Tagesthemen-Studio, wo Moderator Thomas Roth verkündete: Er gehe nun ebenfalls der Frage nach, wie Andreas Lubitz trotz seiner Suizidgefährdung überhaupt Pilot werden konnte.

Man wünschte sich, Roth hätte den Gästen bei "Hart aber fair" zugehört.

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Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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jojack 31.03.2015
1. Natürlich nicht
Natürlich sind an einer Depression erkrankte Menschen keine potenziellen Mörder. Zur epidemiologischen Realität dieser Krankheit gehört aber leider auch, dass es eine hohe Lebenszeit- und Punktprävalenz gibt - im Bevölkerungsquerschnitt also viele Menschen aktuell oder im Laufe ihres Lebens betroffen sind. Dazu kommt, dass Depressive sehr häufig an komorbiden Angststörungen leiden, die die berufliche Leistungsfähigkeit ganz erheblich einschränken. Und leider ist es so, dass eine erhöhte Suizidalität die Depression zu einer potenziell tödlichen Krankheit machen. Ob der Germanwings-Pilot überhaupt aktuell überhaupt eine depressive Episode erlebt hatte, ist allerdings unklar. Bei einer schweren Depression wäre er kaum in der Lage gewesen, seinen Beruf auszuüben. Die womöglich nicht kontrollierbare Wut ist ebenfalls nicht typisch für eine Depression. Die meisten Depressiven sind ausgesprochen zurückgezogen und eher ängstlich als wütend und unkontrolliert.
Chatzi 31.03.2015
2. So schwer zu beantworten ist das gar nicht!
Ein Fakt ist, Andreas Lubitz war vorbelastet. Ein weiterer, diese Krankheit hätte ihm bei Outing den Job, ergo die Existenzgrundlage gekostet. Von den sozialen Kontakten, die meist mit am Job hängen, mal ganz zu schweigen. Von dem Gesichtsverlust, wenn er das seinem Umfeld "erklären" müsste, auch. Also hielt er es geheim. Die Schweigepflicht half ihm dabei. Keiner ahnte etwas. Was sich für ein Druck bei einem Menschen aufbaut, der so etwas ertragen muss, neben der Arbeitsbelastung und den bis dato andauernden Streiks der LH-Piloten, kann sich kaum jemand vorstellen. Die Tat, die er beging, als sich die Gelegenheit dazu bot (Pilot ging auf Toilette und liess ihn alleine), war eine Affekttat. Sie beinhaltete nicht das empatische Denken an die Passagiere, die er mit in den Tod riss. An die hat er gar nicht denken können, sondern nur an sein eigenes Leid. Sonst würde ein unbelasteter Mensch bei vollem gesunden Bewusstsein und vernünftiger Gemütslage so etwas nie tun. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände, die dazu geführt haben und ich würde es nicht ein Verbrechen nennen, obschon es alle Merkmale davon zu tragen scheint. Ein äusserst seltener Vorgang, der uns so wohl aüsserst lange Zeit nicht wieder ereilen wird. Meine Vorgeschichte ist der Selbstmord meines Partners vor 20 Jahren. Auf Basis der Geschehnisse, die ich damals erlebt habe, kann ich das so wiedergeben, wie ich es für am Wahrscheinlichsten halte. Ich halte nichts von Fachsimplern, Pseudo-Experten und Leuten, die jetzt durch Talkshows tingeln und sich wichtig tun. Das Thema Depression ist ein schlimmes. Und wer darunter leidet, denkt auch nur an sich und wie er seinem Leiden ein schmerzloses Ende bereiten kann. Oder hat schonmal jemand davon gehört, dass sich ein Selbstmörder in eine laufende Kettensäge wirft? Er hat die Gelegenheit genutzt, und die Situation war fatal für alle im Flugzeug mit ihm anwesenden. Hätte er zusätzlich ein Fanal setzen wollen, wie viele nun behaupten, hätte er einen Abschiedsbrief hinterlassen. Das hat er nicht. Mein Partner hat es! Ich durchlebe bei so etwas immer wieder meine eigene Geschichte und es zerreisst mir das Herz. Aber ich kann auch nicht ertragen, was für unglaublicher Irrsinn in manchen Medien und Nachrichten verbreitet wird. Ich wünsche mir mehr Feingefühl bei diesem Thema. Plasberg habe ich absichtlich nicht gesehen!
Hedwig_Paschulke 31.03.2015
3. Depressive sind keine potentiellen Massenmörder.....
.... aber sie können es werden durch entsprechende Medikation. Es sind die sog. Antidrepressiva, welche labile Charaktere in lebende Sprengbomben verwandeln können, wenn sie etwa in Eigentherapie überdosiert oder individuell unverträglich sind. Wie in vielen anderen Fällen, etwa amoklaufenden Schülern oder Vätern, die "aus heiterem Himmel" heraus ihre Familie auslöschen, wären eigentlich Ärzte und Pharmaindustrie anzuklagen, weil sie seit Langem von diesem Umstand wissen. Darüber hinaus dürfen wir uns nicht wundern, wenn in einer durchsäkularisierten Welt, ganz normale Menschen zu potentiellen Massenmördern werden, weil sie nie ein Gefühl dafür entwickeln konnten, sich jemals über ihr eigenes Leben hinaus vor einer lebensübergreifenden Instanz für ihr Tun verantworten zu müssen. Dieses menschliche Massenvernichtungspotential sitzt bekannterweise auch an den Entriegelungshebeln für atomare und biologische Waffen. Wehe uns, wenn diese Gestalten den Selbstmord planen.
Nabob 31.03.2015
4. Der nächste Verquatscher bitte....
Wer ist nach Plasberg dran und wer will uns noch verblöden? Dieses Unglück enttarnt aufs Neue, wie untere Mittelmäßigkeit sich jede Gelegenheit sucht zu tun, als wäre man ein ganz großes Kaliber, bemerkt dabei nicht, dass man bereits intellektuell überfordert ist und quatscht und quatscht und quatscht und vor lauter Narzissmus fällt es einem nicht mehr auf, wie weit ab man vom Schuss ist und wie lächerlich das alles wirkt. Aber um die Altenheim auf Quote zu bringen, reicht es gerade immer noch.
mikado17 31.03.2015
5. Nicht heilbar?
Depressionen sind in der Regel schwer behandelbar, zum Teil können sie auch in den Tod führen! Kein Mensch mit Depressionen würde einen Vertrag für eine Lebensversicherung erhalten, wie kann man dann diese Krankheit für einen Piloten relativieren?
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