Angst von Hypochondern Das muss doch Krebs sein!

Der Bauch grummelt, im Ohr piepst es, und der Arm fühlt sich irgendwie taub an: Menschen mit einer hypochondrischen Störung beobachten ihren Körper, spüren vermeintliche Fehlfunktionen - und vermuten immer das Schlimmste.
Mit Atemschutz und Sonnenbrille: Hypochonder haben Angst, gefährliche Krankheiten zu bekommen

Mit Atemschutz und Sonnenbrille: Hypochonder haben Angst, gefährliche Krankheiten zu bekommen

Foto: CARL DE SOUZA/ AFP

Ein kleiner Hypochonder steckt wohl in jedem. Eine Krankheit googeln - und die Symptome sofort an sich selbst entdecken: Das kennt jeder. Im Normalfall vergeht die Sorge aber schnell wieder. Wer aber tatsächlich an einer hypochondrischen Störung leidet, tut sich schwer, seine Krankheitsängste loszuwerden. "Die Betroffenen haben ausgeprägte Ängste, eine wirklich ernsthafte Krankheit zu haben", sagt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Hypochonder beobachten sich selbst zu viel: "Sie nehmen die Körperfunktionen sehr intensiv wahr", sagt Hauth. Das sei nicht zwangsläufig etwas Schlimmes: "Eine Beobachtung des eigenen Körpers ist sicherlich sinnvoll", sagt Harald Gündel vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Nur vermuten Hypochonder eben gleich das Böse im eigenen Körper.

"Der Prototyp des Hypochonders hat eine klare Hypothese", erklärt Gaby Bleichhardt, die ein Buch über die Behandlung von Hypochondrie und Krankheitsangst geschrieben hat. Der eingebildete Kranke hat eine feste Vermutung, woran er leidet. "Die meisten Hypochondrie-Patienten haben Angst vor Krebs", so Bleichhardt. Dann folgen der Herzbereich und neurologische Erkrankungen.

Hat der Arzt vielleicht etwas übersehen?

Klar ist auch: Ein Hypochonder lässt sich nicht einfach beruhigen: So wirkt die ärztliche Aussage, dass alles in Ordnung ist, nicht langfristig, erklärt Gündel. Typisch ist, dass der Patient sich nach dem Arztbesuch erst mal besser fühlt, sagt Bleichhardt. Aber bald schon kommen die Zweifel zurück: Hat der Arzt auch tatsächlich gründlich genug untersucht, hat er nicht vielleicht etwas übersehen?

"Die Gedanken kreisen weiter", sagt Gündel. Die starke Fixierung auf die angenommene Krankheit beeinträchtigt das Lebensglück, hat Auswirkungen auf das Privatleben, auf den Beruf, durchzieht den Alltag - und das über einen längeren Zeitraum hinweg. Weil der erste Arzt nicht beruhigen konnte, geht der Betroffene zu einem anderen und zu einem weiteren: Er wird zum Arzt-Hopper.

"Fast jeder Hypochonder liest viel", so Gündel, und zwar gern im Netz. "Ich würde sehr davon abraten, bei hypochondrischen Ängsten ins Internet zu gehen", warnt Gündel. Denn dort stoßen Betroffene auch auf ungeprüfte Seiten und Informationen, die ihre Ängste noch verstärken.

Wie Angehörige helfen können

Warum manche Menschen diese Störung entwickeln, lässt sich nicht eindeutig beantworten. "Eine ängstliche Charakterstruktur ist sicherlich ein Risikofaktor", sagt Gündel. Häufig handelt es sich um Menschen, die in ihrem Leben bereits Erfahrung mit Krankheit und Tod gemacht haben. "Die frühe Lebenserfahrung, dass etwas Böses von außen kommen kann, wird auf den Körper verschoben", fasst Gündel es zusammen.

Psychotherapeuten setzen die kognitive Verhaltenstherapie und Therapien mit psychodynamischen Ansatz bei der Behandlung ein. Mit einer Therapie haben Betroffene gute Chancen, ihre hypochondrische Störung wieder in den Griff zu bekommen. Aber: "Die Überbesorgnis kann man nicht wegtherapieren", sagt Hauth. Man erreicht im Idealfall lediglich, dass Patienten die körperlichen Empfindungen nicht immer fehlinterpretieren und ihr Sicherheitsverhalten abmildern - in Stresssituationen kann es aber wiederkommen.

Auch für Angehörige ist die psychische Störung belastend, sie können nur begrenzt helfen. Den Betroffenen ständig zu beruhigen, ist keine Lösung, so Gündel, die Symptome abzutun ebenso wenig. Wichtig ist es, die Betroffenen ernst zu nehmen und zu motivieren, sich Hilfe bei Psychiatern und Psychotherapeuten zu holen, erklärt Hauth.

hei/dpa
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