Jesper Juul antwortet Was mache ich, wenn Kinder beim Spielen aggressiv werden?

Bei manchen Geschwistern eskalieren harmlose Situationen regelmäßig zu Streit. Wann sollten Erwachsenen einschreiten? Und vor allem wie? Tipps vom Pädagogen Jesper Juul.
Geschwister bei einer Kissenschlacht: Was, wenn es zu brutal wird?

Geschwister bei einer Kissenschlacht: Was, wenn es zu brutal wird?

Foto: Corbis

Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an den Familientherapeuten Jesper Juul geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und dem Pädagogen geschickt. Hier antwortet er in einer losen Serie.

Eine Großmutter (73) fragt: Ich betreue meine Enkelkinder (Mädchen, 11 Jahre, Junge, 9 Jahre). Sie streiten viel. Diese Streitereien oder Kabbeleien enden regelmäßig in handgreiflichen Auseinandersetzungen. Vor allem der Junge, der kleiner und sehr temperamentvoll ist, wehrt sich mit Händen und Füßen.

Versuche ich zu erklären? Ergreife ich Partei? Das ist sehr schwierig, weil sie dann in Rage sind. Am liebsten halte ich mich ganz raus, aber das nehmen sie - vor allem das Mädchen - mir sehr übel. Die Lösung ist immer unbefriedigend. Haben Sie einen Tipp?

Jesper Juul antwortet: Sich aus ihren Kämpfen herauszuhalten, ist keine so gute Idee. Die beiden leben offensichtlich in einer Familie, in der sie nicht lernen, einen Konflikt konstruktiv zu lösen. Ich nehme an, dass Sie es nicht mögen, dass die beiden so viel streiten? Wenn das richtig ist, schlage ich Ihnen vor, eine neue Gesprächskultur in Ihrem Zuhause einzuführen.

Setzen Sie sich mit den beiden bei einem Stück Kuchen zusammen und sagen Sie etwas wie: "Ihr zwei streitet sehr viel, mehr als mir lieb ist. Ich würde gern andere Wege suchen, wie ihr eure Konflikte lösen könnt. Ich weiß nicht, ob ich bessere Ideen habe als ihr, aber ich habe mir überlegt, dass ich ab jetzt folgendes tun werde: Wenn ich das Gefühl habe, dass es zu viel wird, werde ich euch bitten, euren Streit zu unterbrechen. Ich werde euch dann fragen, worum es geht. Und dann können wir gemeinsam nach einer friedvolleren Lösung suchen."

Nach einigen Wochen werden ihre Streitereien an Heftigkeit verlieren, und Sie werden sich alle besser fühlen. Der ausschlaggebende Punkt ist, nicht mit Ärger oder Kritik einzugreifen, denn das vergrößert bei allen nur den Stress und die Hilflosigkeit - und führt am Ende zu noch mehr Konflikten. Als Großmutter haben Sie aber sicherlich einiges anzubieten an Weisheit und Erfahrung.

Zur Person
Foto: Anja Kring

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul ist Autor von mehr als 25 Büchern über Kindererziehung, Familienleben und Pubertät. Eines seiner Standardwerke ist "Das kompetente Kind". Der Pädagoge meint: "Kinder müssen nicht großgezogen werden, sie brauchen empathische Führung, während sie älter werden."

Ein Elternteil fragt: Meine Kinder spielen viel miteinander, können sich aber auch ziemlich brutal und aggressiv streiten. Die beiden verbringen auch viel Zeit miteinander, und da ist streiten wichtig. Doch immer wieder bin ich an dem Punkt, an dem ich nicht genau weiß, wann und ob ich eingreifen soll. Können Sie, Herr Juul, mir da Ideen an die Hand geben?

Jesper Juul antwortet: Der richtige Zeitpunkt einzugreifen ist, wenn einem von beiden körperlich wehgetan wird oder wenn Sie es nicht mehr aushalten können, ihnen zuzuhören. Ihre Haltung zu Konflikten erscheint mir gesund und differenziert, also sollten Sie auch Ihr eigenes Wohlergehen als wichtig gelten lassen.

Wenn Sie beobachten, dass Ihre Kinder sich immer wieder aufgrund eines bestimmten Themas streiten, sollten Sie einen ruhigen Moment ohne Konflikt abwarten und sich dann ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch nehmen.

Besprechen Sie die Streitsituationen mit Ihren Kindern und suchen Sie gemeinsam nach alternativen Wegen, um die Probleme zu lösen. Kinder brauchen sehr oft Hilfe dabei, die eigenen Grenzen kennenzulernen und diese auch im Umgang mit anderen zu bewahren. Dieses "Training" unter Geschwistern kann eine sehr wertvolle Quelle für ihr Selbstwertgefühl und ihre sozialen Kompetenzen sein.

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Eine Mutter fragt: Ich schäme mich entsetzlich dafür, aber inzwischen ist es so weit, dass ich meine Kinder wochentags zum spätestmöglichen Zeitpunkt aus der Betreuung abhole. Nur um das tägliche Theater und Geschrei auf ein Minimum zu reduzieren.

Mein Sohn, 5, und meine Tochter, 4, sind in Kombination für mich/uns praktisch nicht mehr handelbar. Ständig fühlt sich einer benachteiligt, werden kleinste Ungerechtigkeiten zum großen Drama inklusive Geschrei. Obwohl wir erklären, predigen, schreien, strafen und wieder erklären, prügeln beide (aber insbesondere der Junge) aus kleinster Frustration auf den anderen ein. Die Aggression und Gewaltbereitschaft dabei macht mich oft sprachlos.

Das Zubettgehen oder morgens das Verlassen des Hauses sind ein einziges Schimpfen, Ermahnen, Drohen. Immer öfter erleben wir eine Spirale gegenseitiger Grenzüberschreitungen, gleichzeitig stumpfen die Kinder scheinbar ab - mittlerweile interessiert es keines der Kinder mehr wirklich, wenn ich laut werde. Der Großteil der gemeinsamen Zeit ist anstrengend, laut, konfrontativ, provokativ - einfach furchtbar. Und vor allem so fürchterlich weit weg davon, wie wir uns Familie wünschen.

Sicherlich kann nicht immer Harmonie herrschen, aber unser Familienleben ist ein einziger Kampf. Und irgendwie sind wir alle die Verlierer. Es geht so unglaublich viel gemeinsame Zeit verloren, die niemals wiederkommt. Nicht selten weine ich abends deshalb. Abgesehen davon habe ich ehrlich Angst, dass diese Aggressivität und Gewaltbereitschaft mit zunehmendem Alter zu einem immer gravierenderen Problem wird.

Liegt es also an mir/uns? Was können wir nur tun? Ich weiß nicht mehr weiter.

Jesper Juul antwortet: Ich stimme Ihnen zu: Die Situation ist furchtbar. Alle leiden aufgrund der unzureichenden Führung in der Familie. Was Sie dringend brauchen, ist eine gute, mehrere Monate dauernde Familienberatung, bis Sie Ihre Führungsrolle wiedergefunden haben und sich darin wohlfühlen.

Mein Rat ist: Seien Sie sehr sorgfältig bei der Auswahl des Beraters. Viele fokussieren sich hauptsächlich auf die Symptome (nämlich das Verhalten des Kindes) und kümmern sich weniger darum, was eine gute Elternschaft bedeutet. Sollte Ihre Situation nach zwei bis drei Sitzungen unverändert sein, suchen Sie sich einen anderen Therapeuten.

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