Eltern als Leitwölfe Was tun, wenn das Rudel tollt?

Eltern, seid endlich wieder Leitwölfe! Das fordert der prominente Familientherapeut Jesper Juul. Sie wissen nicht, wie Sie Ihre Kinder in den Griff kriegen? Schicken Sie dem Coach Ihre Fragen.
Gemeinsames Spiel: "Jede und jeder im Rudel zählt"

Gemeinsames Spiel: "Jede und jeder im Rudel zählt"

Foto: Imago

Darf die Tochter länger aufbleiben? Sollte der Sohn seine Mütze aufsetzen? Sind 200 Gramm Gummibärchen am Abend okay? Manche Fragen beantworten Eltern ohne großes Nachdenken, manche überfordern sie. Sie zaudern, weil sie ihr Kind nicht zurückweisen möchten, und nehmen sich zurück, weil sie gefallen wollen.

Eines gelingt Eltern dabei nicht: gute Führung. Das bescheinigt zumindest der dänische Familientherapeut Jesper Juul Vätern und Müttern in seinem neuen Buch "Leitwölfe sein".

Es falle ihnen schwer, so der Erziehungsexperte, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, Nein zu sagen und Verantwortung für die Kinder zu übernehmen. Im SPIEGEL-Gespräch sagt Juul: "Sich bei ihnen beliebt zu machen ist ein sehr egozentrisches Projekt, das dem Kind überhaupt nichts an Werten vermittelt. Es ist so, als würde man ihm nur Süßigkeiten geben anstelle von nahrhaftem Essen."

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Foto: Beltz

Jesper Juul:
Leitwölfe sein

Liebevolle Führung in der Familie.

Beltz; 224 Seiten; gebunden; 16,95 Euro.

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Dabei sei klare Führung entscheidend für eine gesunde Entwicklung des Kindes - und der Familie: "Kinder brauchen Eltern als Leitwölfe, damit sie sich im Dickicht des Lebens zurechtfinden", schreibt Juul. "Wir sehen heute viele Familien, in denen die Eltern so große Angst haben, ihren Kindern zu schaden oder sie zu verletzen, dass die Kinder zu Leitwölfen werden. Und die Eltern streifen orientierungslos durch den Wald."

Woran können sich Kinder orientieren?

Juul, Autor von 25 Büchern über Erziehung, Familienleben und Pubertät, beschreibt in diesem Buch hintergründig, wie sich das Elternbild und damit auch die Beziehung zu den Kindern in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Während die Rollen und Aufgaben zwischen Vater und Mutter lange Zeit klar verteilt waren - er arbeitet, sie kümmert sich um Kinder und Haushalt -, gibt es heute viele ungeklärte Fragen. Zwar begrüßt Juul den Abschied sowohl vom autoritären als auch vom antiautoritären Führungsstil. Kein Führungsstil sei aber keine Alternative.

In Juuls Augen sind viele Väter und Mütter heute viel zu sehr damit beschäftigt, für ihre Kinder da sein zu wollen - am liebsten immer und ausnahmslos. Ein Trend, der sich in vielen Familien beobachten lässt. Nach Dienstschluss spielt die Mutter - oder der Vater - mit dem Nachwuchs Fußball, kontrolliert Hausaufgaben, brät Bio-Fleisch und überwacht das Flöteüben. Am Abend werden Kostüme genäht, Elternabende besucht und Sorgen über die Kinder ausgetauscht. Auch am Wochenende fehlt oft die gegenseitige Abgrenzung.

Auf der Strecke bleibt dabei Juuls Diagnose zufolge etwas Elementares: Orientierungspunkte für die Kinder. Denn sie lernten nicht mehr, dass ihre Eltern Grenzen haben, die sie nicht überschreiten dürfen. Gleichzeitig seien die Eltern dauerüberfordert und gestresst, weil sie ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen vernachlässigten.

Warum Eltern auch ablehnen müssen

Ein Beispiel einer Mutter, von der Juul in seinem Buch berichtet, bringt das Dilemma auf den Punkt: Die Frau erzählt, dass ihre dreijährige Tochter abends partout nicht ins Bett gehen wolle und immer wieder zu den Eltern laufe. Die Mutter ist verzweifelt, sie weiß nicht, wie sie sich durchsetzen soll, ohne ihre Tochter zurückzuweisen. Für Juul steht fest: Die Mutter kann sich nicht durchsetzen, weil ihre Position unklar ist. Sie hat sich keine Antwort auf die Frage gegeben, ob sie Zeit für sich haben will oder Zeit mit ihrer Tochter.

Wenn die Entscheidung für die Erwachsenenzeit ausfalle, sei die Lösung einfach, so Juul. Die Antwort müsse lauten: "Ich will nicht mit dir spielen, ich will nicht mit dir lesen. Ich will meine Ruhe haben. Geh in dein Zimmer." Wenn er so etwas sage, schreibt Juul, fragten die Eltern immer: "Aber fühlt das arme Kind sich dann nicht abgelehnt?" Die Antwort laute: "Ja, hoffentlich. Darum geht es ja."

Das Buch ist trotz der eingestreuten Fallbeispiele weniger ein herkömmlicher Erziehungsratgeber als eine Gesellschaftsanalyse. Juul versucht zu ergründen, wo die Probleme heutiger Eltern und ihrer Kinder liegen und woher diese kommen. Auch Lösungen hält der Erziehungsexperte parat, wobei er sich in "Leitwölfe sein" vor allem auf die Haltung der Erwachsenen gegenüber ihren Kindern konzentriert.

"Leitwölfen in einer modernen Gesellschaft geht es darum, sowohl die persönliche Integrität derer, die sie führen, als auch die eigene nicht zu verletzen", schreibt Juul. "Jede und jeder im Rudel zählt."

Leseraufruf

Sind Sie schon ein Leitwolf oder können Sie noch etwas lernen? Haben Sie ein Erziehungsproblem, das Jesper Juul für Sie lösen soll?Leseraufruf: Erziehungsproblem "Leitwolf" Eine Auswahl leiten wir an Jesper Juul weiter, seine Antworten veröffentlichen wir in der kommenden Woche auf SPIEGEL ONLINE.Stand 8.2.2016: Der Leseraufruf ist beendet, bitte schicken Sie uns keine weiteren Fragen.(Einsendung gilt als Zustimmung zur Veröffentlichung)

Zur Autorin

Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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