Jesper Juul antwortet Warum macht der Siebenjährige in die Hose?

Beim Spielen pinkelt ein siebenjähriger Junge immer wieder in die Hose. Niemand weiß Rat. Der Pädagoge Jesper Juul empfiehlt: Überlassen Sie dem Kind die Verantwortung für seinen Körper.
Junge spielt allein: Wer sich mit sieben Jahren noch in die Hose macht, hat es schwerer, von seinen Freunden akzeptiert zu werden

Junge spielt allein: Wer sich mit sieben Jahren noch in die Hose macht, hat es schwerer, von seinen Freunden akzeptiert zu werden

Foto: Corbis

Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an den Familientherapeuten Jesper Juul geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und dem Pädagogen geschickt. Hier antwortet er in einer losen Serie.

Eine Großmutter fragt: Mein siebenjähriger Enkelsohn macht immer noch in die Hose und zwar "klein" und "groß". Das passiert meistens, wenn er intensiv beschäftigt ist, zum Beispiel beim Bauen von Lego. Er ist ein fröhliches, aufgewecktes und kontaktfreudiges Kind. Alle Versuche seitens der Kinderärztin und der Physiotherapeutin ihm zu helfen, sind bisher fehlgeschlagen. Und es scheint, als ob er selbst gar nicht motiviert ist, dass sich etwas verändert.

Inzwischen ist das Problem zu einem Selbstläufer geworden: Die Beziehung zwischen seiner Mutter (meiner Tochter) und ihm ist belastet und er ist zunehmend von seinen Freunden isoliert (sie lachen ihn aus). Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie trotz dieser begrenzten Informationen einen Hinweis geben könnten, in welche Richtung eine Veränderung dieser Situation möglich wäre.

Jesper Juul antwort: Ich hoffe, dass Sie meine Antwort auch Ihrer Tochter zeigen, daher schreibe ich an Sie beide. Die Fakten sind folgende: Ihr Sohn/Enkel macht in die Hose, und Sie als Mutter und Großmutter sind es leid, ihn und seine Kleidung immer wieder sauber machen zu müssen. Er verliert seine Freunde und je älter er wird, desto mehr negatives Feedback wird er von seiner Umgebung bekommen.

Mein Vorschlag ist, dass Sie ihm all das ruhig und freundlich erklären. Dann sagen Sie: "Du bist alt genug, um ins Badezimmer zu gehen, wenn du in die Hose gemacht hast, deine dreckigen Sachen auszuziehen, dich zu waschen und dir saubere Kleidung anzuziehen. So wirst du es ab jetzt machen. Ich kann mir vorstellen, dass sich das schrecklich für dich anhört und ich finde es auch nicht schön, dir das zu sagen. Aber ich habe versucht, dafür zu sorgen, dass du nicht mehr in die Hose machst. Das ist mir aber nicht gelungen. Jetzt bist du verantwortlich für deinen eigenen Körper. Sag mir bitte Bescheid, wenn ich dir helfen kann."

Zur Person
Foto: Anja Kring

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul ist Autor von mehr als 25 Büchern über Kindererziehung, Familienleben und Pubertät. Eines seiner Standardwerke ist "Das kompetente Kind". Der Pädagoge meint: "Kinder müssen nicht großgezogen werden, sie brauchen empathische Führung, während sie älter werden."

Viele Familien haben diesen Ansatz im Lauf der Jahre verfolgt und bei den meisten von ihnen hat es geklappt. Der Schlüssel zum Erfolg ist aber, dass die Erwachsenen es ernst meinen (und nicht nur halbherzig eine neue Strategie ausprobieren). Sie müssen zum einen in die Fähigkeiten ihres Kindes vertrauen und zum anderen selbst so verantwortungsvoll sein, zuzugeben, dass sie mit ihren Bemühungen gescheitert sind.

Immer wieder höre ich, dass es als "schlechte Angewohnheit" oder "mangelnde Aufmerksamkeit" angesehen wird, wenn ältere Kinder in die Hose machen. Das könnte stimmen. Ihr Junge könnte aber auch eines von zahlreichen Kindern sein, die sich so verhalten, weil sie sich in der Familie nicht wohl fühlen.

Die Haltung seiner Mutter wirft in mir die Frage auf, ob sie es im Umgang mit Kindern (oder Leuten?) immer besonders genau nimmt und alles korrekt sein muss? Möglicherweise ist das Verhalten des Sohnes sein Weg, sich ihrer Ordnung zu widersetzen?

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn Kinder aufgrund eines Symptoms zu einer Einzeltherapie geschickt werden. Meiner Erfahrung nach ist es viel besser, die gesamte Familie zu beraten. Nicht um die Eltern zu beschuldigen, sondern um mit ihnen einen neuen und besseren Weg zu finden, wie sie mit ihrem Kind in Kontakt treten können.

Wenn sich Mutter, Großmutter, zwei Therapeuten und viele andere so auf die "Gewohnheit" des Kindes fokussieren, warum sollte es dann die Verantwortung dafür übernehmen? Kinder haben ebenso wie Erwachsene den Hang, sich so lange an Symptome zu klammern, bis die wahren Ursachen entdeckt werden. Und das ist sinnvoll. Aber alle Erwachsenen in dem Leben des Jungen, die sich mit seinem Problem beschäftigen, haben dieselben Theorien und dieselben Herangehensweisen. Damit waren sie jedoch nicht erfolgreich. Das könnte darauf hindeuten, dass sie falsch liegen, sich etwas anderes einfallen lassen müssen und flexibler sein sollten.

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Foto: Beltz

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