Körperdysmorphe Störungen Warum bin ich so hässlich?

Die Nase zu groß, die Beine zu dick, die Haare zu unordentlich - Menschen mit einer körperdysmorphen Störung empfinden sich als so hässlich, dass ihr Leben davon bestimmt wird. Gleichzeitig ahnen sie oft nicht, dass sich ihr Leiden behandeln lässt.
Junge Frau vor dem Spiegel: Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen treibt Betroffene in die soziale Isolation

Junge Frau vor dem Spiegel: Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen treibt Betroffene in die soziale Isolation

Foto: Corbis

Einen "bad hair day" hat jeder mal. Doch das leichte Gefühl der Unzufriedenheit beim Blick in den Spiegel ist nicht mit dem vergleichbar, was Louise K. tagtäglich empfindet. "Meine Haare sind nie in Ordnung!" Bevor sie sich aus dem Haus traut, wäscht sich Louise K. an manchen Tagen fünf- bis sechsmal hintereinander ihre Haare, richtet sie mit Gel und Haarspray, wäscht sie wieder. Manchmal greift sie zur Schere, um angeblich zu lange Strähnen auf Maß zu bringen." Anfangs geht das noch ganz kontrolliert, dann schneide ich wahllos drauflos." Täglich verbringt sie drei bis vier Stunden vor dem Spiegel.

Louise K. leidet seit ihrer Pubertät an einer körperdysmorphen Störung (KDS). "Ich bin nie mit meinem Aussehen zufrieden, entdecke immer neue Mängel. Aber am schlimmsten sind meine Haare", sagt sie. Zuletzt wollte sie das Haus nicht mehr verlassen, öffnete nicht mal dem Postboten. Die gelernte Zahnarzthelferin setzte ihren Job aufs Spiel, ließ Termine platzen, weil sie nicht vom Spiegel wegkam.

Das Schicksal von Louise K. teilen laut Studien  rund zwei Prozent aller Menschen. In der Öffentlichkeit und selbst unter vielen Ärzten ist die zwangähnliche Störung allerdings kaum bekannt. Auch Betroffene wissen meist nicht, dass sie an einer psychischen Störung leiden.

Jeder Körperteil kann zum Objekt der Scham werden. Am häufigsten geraten Kopf und Gesicht in den Fokus. Bis zu acht Stunden täglich verbringen Betroffene damit, Haut, Haare, Zähne, Nase oder die Gesichtsform zu inspizieren und zu versuchen den scheinbaren Makel zu kaschieren. Auch Figur, Brust, Beine, Gesäß und - bei Männern - die Muskulatur empfinden manche als unerträglich. "Die meisten quält allerdings eine globale Unzufriedenheit mit ihrem Äußeren", sagt Alexandra Martin, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Bergischen Universität Wuppertal.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass man vor allem in der Pubertät mit seinem Aussehen hadert. Das kann vor einem wichtigen Date in stundenlangen Umkleide- und Schminkorgien ausarten - ohne dass ein psychisches Problem vorliegt.

Menschen mit KDS aber empfinden sich geradezu entstellt. Damit verbunden sind Zwänge, die ihr Leben extrem einschränken.

"Ich konnte nicht raus, weil der Wind meine Haare zerzauste"

"Manche trauen sich wochen- und monatelang nicht aus dem Haus", sagt Ulrike Buhlmann, Leiterin der KDS-Spezialambulanz an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster . "Andere tragen stundenlang Make-up auf oder bearbeiten einen angeblichen Defekt solange, bis eine Wunde entsteht." Louise K. verzichtete irgendwann auf ihre geliebten Spaziergänge. "Ich konnte nicht raus, weil der Wind meine Haare zerzauste", erzählt sie. Im Bett lag sie starr auf dem Rücken aus Angst, ihre Frisur zu zerstören.

Viele treibt die Ablehnung des eigenen Körpers in die soziale Isolation. Laut US-amerikanischen Studien sind etwa 70 Prozent Single und 61 Prozent arbeitslos. Etliche entwickeln eine Depression. Fast 70 Prozent der KDS-Betroffenen werden von Suizidgedanken gequält, mehr als 20 Prozent unternehmen einen Selbstmordversuch.

Entlastung für ihr Leiden suchen KDS-Betroffene oft bei Plastischen Chirurgen oder Hautärzten. "Jeder fünfte KDS-Patient unterzieht sich einer Schönheitsoperation, aber die erhoffte Erleichterung bringt diese meist nicht", sagt Buhlmann. "Betroffene sind danach entweder unzufrieden mit dem Ergebnis oder fokussieren sich auf einen anderen angeblichen Makel."

Auslöser der Störung verorten Wissenschaftler in den Genen und in der Biografie. "Hänseln, Mobbing oder Missbrauch in der Kindheit sind Risikofaktoren ebenso wie übertriebenes Achten auf Äußerlichkeiten in der Familie", sagt Psychologe und Verhaltenstherapeut Christian Stierle, der seit Jahren KDS-Patienten an der Schön Klinik in Bad Bramstedt behandelt. "Dadurch entsteht eine große Erwartungsangst, dass man wegen des Aussehens von anderen abgelehnt wird."

Louise K. kennt diese Angst allzu gut. Ihre Mutter legte als Friseurmeisterin immer größten Wert auf perfekte Haare. "Ich musste eine Brille tragen und war korpulent, also nicht gerade ein Vorzeigekind. Aber ich hatte lange blonde, lockige Haare." Dafür bekam sie Anerkennung. Für ihre Anstrengungen und Leistungen nicht. Nach 25 Jahren voller Einschränkungen, Depressionen und einem Suizidversuch fand Louise K. schließlich heraus, dass sie unter einer Krankheit leidet, die einen Namen hat und behandelbar ist.

"Den meisten KDS-Patienten kann mit einer kognitiven Verhaltenstherapie sehr gut geholfen werden", sagt Alexandra Martin. In der Therapie lernen sie, ihr Aussehen neu zu bewerten, sich nicht mehr ständig im Spiegel kontrollieren zu müssen und Situationen zu meistern, die sie immer vermieden haben. Sie lernen auch, ihren Selbstwert aus anderen Quellen als Äußerlichkeiten zu schöpfen. "Nach durchschnittlich 20 Sitzungen bessert sich bei etwa Dreiviertel der Patienten die Symptome", sagt Martin. Sie wagen sich ohne stundenlange Rituale wieder unter Menschen und haben ihr Aussehen im Griff, nicht umgekehrt.

BBC-Doku über Dysmorphophobie
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