Lärmbelästigung Die Welt hat keinen Lautstärkeregler

Jens Lubbadeh ist nicht gesellschaftsfähig: Andere Menschen sind ihm einfach zu laut. Nicht mal auf einer einsamen Insel findet er Ruhe. Leidensbericht eines Leisetreters.
Lieber Musik statt Umweltlärm: Lärm macht aggressiv, doch ständig einen Kopfhörer tragen, ist auch keine Lösung

Lieber Musik statt Umweltlärm: Lärm macht aggressiv, doch ständig einen Kopfhörer tragen, ist auch keine Lösung

Foto: DPA

Die kleine Elefantin über mir trampelt wieder. Von der linken Zimmerhälfte nach rechts. Dann wieder zurück. Und wieder von links nach rechts. Bamm, bamm, bamm, bamm - bamm, bamm, bamm, bamm. Immer in Vierersalven. Kurz, schnell und unbarmherzig.

Leider wohnt die Elefantin über meinem Schlafzimmer. Tut mir leid, dass ich so über meine Nachbarin rede. Eigentlich ist sie gar nicht übergewichtig, manche Leute laufen einfach so. Warum ich sie nicht einfach bitte, leiser zu sein? Was soll ich ihr sagen? "Entschuldigen Sie, aber könnten Sie vielleicht aufhören zu laufen und nur noch fliegen, so wie Dumbo, der kleine Elefant?"

Das Problem bin ich

Eigentlich hatte ich mir geschworen, nur noch in Dachgeschosswohnungen zu ziehen. Habe ich auch einige Jahre lang gemacht, aber die Lösung ist das nicht. Es gibt einfach keine, denn das Problem bin ich.

Wenn es nicht die Nachbarn sind, nerven mich die Autos vor der Tür. Oder die Flugzeuge, die über Hamburg kreuzen. Oder die nächste Baustelle, denn in der Stadt der ewig unvollendeten Elbphilharmonie wird immer irgendwo irgendwas gebaut, abgerissen oder saniert. In der U-Bahn sind's die Handyschnacker, im Büro die klackernden Absätze, im Jeansladen die Technomusik und im Kino die Weingummitütenraschler. Ich bin eigentlich nicht gesellschaftsfähig.

Ich dachte ja, im Urlaub auf dem Land wäre es stiller. Weit gefehlt, denn Bauern und Gärtner stehen darauf, ihr Arsenal an verbrennungsmotorbetriebenen Kettensägen, Heckenschneidern und Motorsensen so richtig aufzudrehen. Irgendwo wird immer gerade ein Rasen gemäht. Teilweise geht es sogar noch hemmungsloser zu als in der Stadt. Liegt es daran, dass die Leute mehr Raum haben? Mehr Platz für den Krach?

Es ist nicht einmal so, dass Lärm mich weniger stört, wenn er von niedlichen Tieren produziert wird. Einmal meinte ich schon, mein Stilleparadies gefunden zu haben - in einer Bambushütte am Strand von Phú Quoc Island, Vietnam. Aber als um drei Uhr morgens die Gecko-Familie im Dachgebälk über mir ihr nächtliches Schnalzkonzert begann, wusste ich, dass auch hier nicht das Paradies war.

Wie schädlich ist Lärm?

Lärm ist gesundheitsschädlich, das ist längst erwiesen: Bluthochdruck, Herzinfarkte, Schlaganfälle können bei chronischem Lärm die Folge sein. Sogar dann, wenn wir uns subjektiv nicht gestört fühlen: "Auch Personen, die am Morgen sagen, dass sie der Lärm beim Schlafen nicht gestört hat, haben eine gestörte Schlafstruktur, die gesundheitliche Folgen haben kann", sagt Wolfgang Babisch, Lärmforscher am Umweltbundesamt.

Wie schädlich muss der Lärm dann erst sein, wenn er uns stört? Ich sorge mich nicht nur um mein Herz-Kreislauf-System, sondern auch um meine Psyche. Wäre ich in der Stille ein anderer Mensch? Fröhlicher, weniger aggressiv? Ich werde es nicht herausfinden, denn die Welt hat keinen Lautstärkeregler. Ich kann auch nicht ständig mit Ohrstöpseln herumlaufen, und an Lärm können wir uns nicht gewöhnen.

Mein akustisches Mimosentum wurde erst so richtig schlimm, nachdem ich mehrere Jahre lang mit einer gehörlosen Frau zusammengelebt habe. Die Augen können wir schließen. Die Ohren leider nicht. Wie habe ich sie manchmal darum beneidet, dass sie ihre Ruhe hatte. Nur nachts nicht, denn sie reagierte extrem empfindlich auf Erschütterungen. Wenn ich mich nur einmal im Bett umdrehte, war das für sie genauso störend wie meine Elefanten-Nachbarin für mich.

Auch ich bin Verursacher

Soviel zum Empfänger-Problem. Doch wie sieht es mit dem Sender aus? Wenn ich laut bin, ist mir das immer sehr unangenehm. Ich hatte mal einen Fahrradanhänger, der geklappert hat wie Hölle. Damit durch die Stadt zu fahren, über Kopfsteinpflaster, war mir unendlich peinlich. Und wenn ich frühmorgens auf dem Weg zum Flughafen meinen Rollkoffer zaghaft durch das totenstille Treppenhaus ziehe, verspüre ich fast schon körperlichen Schmerz bei dem Krach, den ich verursache.

Anders scheint es meinen Mitmenschen zu gehen, ich habe eine Rangliste der lautesten Nervensägen. Platz drei: die Laubbläser im Park. Platz zwei: jene Leute, die Baugerüste auf- und abbauen. Sie legen die schweren Rohre nicht einfach in den Container, was für Rohre und Mitmenschen das Beste wäre. Nein, sie müssen sie schmeißen. Und mit Abstand die Nummer eins: Harley-Davidson-Fahrer. Wenn sie durch die Straßen dröhnen, knattern, explodieren, weckt das sogar bei meiner friedfertigen Freundin Gewaltphantasien. Wenn in Hamburg der Motorrad-Gottesdienst am Michel  stattfindet oder die Harley-Days , müssen wir die Stadt verlassen, sonst droht der Nervenkollaps.

Meine einzige Hoffnung ruht auf AC/DC und dem Alter und der dann vielleicht eintretenden Schwerhörigkeit, die mir ein regelbares Hörgerät beschert. Ruhe auf Knopfdruck. Welt aus.

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