Lärmforschung Wenn Geräusche bloß noch nerven

Unerträglicher Lärm: Tastaturen klappern, Kopierer surren, Kollegen telefonieren
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Unerträglicher Lärm: Tastaturen klappern, Kopierer surren, Kollegen telefonieren

2. Teil: Wann Musik stört - und wann nicht


Dass es sich bei diesem Effekt tatsächlich um ein Gedächtnisphänomen handelt und nicht um ein Problem der Wahrnehmung oder der Aufmerksamkeit, konnten Lärmforscher mittlerweile in zahlreichen Experimenten nachweisen. Gingen Versuchspersonen beispielsweise Aufgaben nach, die keine nennenswerten Anforderungen an das Erinnerungsvermögen stellten, waren sie immun gegenüber irrelevanten Sprachreizen.

Es zeigte sich auch, dass sich Menschen nicht an Hintergrundgerede gewöhnen können. Zudem spielt die Lautstärke keine Rolle, zumindest nicht bei einem "normalen" Geräuschpegel zwischen 40 und 70 Dezibel. Die Minderung der Erinnerungsfähigkeit dürfte also keine Folge von Stress oder Erschrecken sein, sondern ein kognitives Phänomen.

Forscher tauften es zunächst Irrelevant Speech Effect ("Effekt irrelevanter Sprache"). Heute sprechen sie jedoch eher vom Irrelevant Sound Effect (siehe "Kurz erklärt"), denn nicht nur Sprache, sondern auch Musik kann das Phänomen hervorrufen. Selbst Instrumentalstücke beeinträchtigen das Kurzzeitgedächtnis - vor allem, wenn Folgen aus voneinander abgesetzten Tönen in schnellem Tempo gespielt werden. Typisch ist dies für Musik in Stakkato-Spielweise, etwa bei Sätzen aus barocken Bläserkonzerten. Im Gegensatz dazu haben Legato-Stücke, die vor allem gleitende Übergänge prägen, keine nachweisbare Wirkung auf das kurzfristige Memorieren.

Besonders deutlich zeigen sich Lärmeffekte in Großraumbüros

Eine Arbeitsgruppe um den Psychologen Dylan Jones von der Cardiff University in Wales identifizierte im Jahr 1992 Zustandsänderungen (Changing State , siehe "Kurz erklärt") im Hintergrundschall als entscheidendes Merkmal. In ihren Experimenten schwächten wiederholte Laute ohne jeglichen Tempo- oder Lautstärkenwechsel - beispielsweise ein sich wiederholendes "Ah" - die Erinnerungsleistung keineswegs. Ob sich der Hintergrundschall in kurzer Zeit wandelt oder nicht, scheint somit das ausschlaggebende Kriterium zu sein.

Noch wissen Forscher nicht genau, warum das Kurzzeitgedächtnis so sensibel auf Hintergrundgeräusche reagiert. Doch liegen die Konsequenzen für den Arbeitsalltag auf der Hand: Wir benötigen den Kurzeitspeicher ja nicht nur dazu, uns kurzfristig Telefonnummern zu merken, sondern auch, um komplexe Sätze zu verstehen, im Kopf zu rechnen oder Fakten zu behalten.

Besonders deutlich zeigen sich Lärmeffekte in Großraumbüros. Hier sind mitunter 100 und mehr Arbeitsplätze auf einer großen Grundfläche angeordnet. Meist trennen Raumteiler die Schreibtische voneinander, was allenfalls einen gewissen Sichtschutz bietet, aber kaum akustische Abschirmung - Tastaturen klappern, Kopierer surren, Kollegen telefonieren. Und wie schon Alan Baddeley nachwies, beeinträchtigen Gespräche die kognitive Leistung besonders stark.

Was also tun? Als wirkungsvolle Methode erwies sich, die Schwankungen von Hintergrundsprache zu reduzieren. Spezielle Absorber - akustisch wirksame Decken, Bodenbeläge oder Stellwände aus porösem Material - dämpfen bestimmte Schallfrequenzen besonders effektiv. Von dieser Möglichkeit machte unsere Arbeitsgruppe zusammen mit Kollegen vom Institut für technische Akustik der RWTH Aachen Gebrauch - zumindest virtuell.

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