Lärmforschung Wenn Geräusche bloß noch nerven

Unerträglicher Lärm: Tastaturen klappern, Kopierer surren, Kollegen telefonieren
Corbis

Unerträglicher Lärm: Tastaturen klappern, Kopierer surren, Kollegen telefonieren

3. Teil: Wenn das Kurzzeitgedächtnis leidet


Wir simulierten am Computer zwei unterschiedliche Situationen, in denen Gespräche von einem zum anderen Büro übertragen wurden. In einem Fall trennte eine doppelte Wand die Büros, die die Lautstärke dämpfte und nur relativ tiefe Schwingungen passieren ließ; Frequenzen zwischen 1000 und 4000 Hertz drangen kaum durch. Die Folge: Konsonanten waren gar nicht mehr oder jedenfalls deutlich schlechter zu hören. Sie helfen, den Sprachstrom zu segmentieren - sind sie nicht mehr wahrnehmbar, verschmelzen die Vokale zu einem unverständlichen Sprachbrei.

Zum Vergleich simulierten wir eine dünne Wand, die das Gerede über das ganze Frequenzspektrum verteilt relativ gleichmäßig abschwächte. So litt die Verständlichkeit insgesamt sehr wenig, und nur die Gesamtlautstärke nahm ab.

Dann konfrontierten wir Probanden mit den beiden akustischen Situationen. Per Kopfhörer erklangen deutsche Sätze in den zwei beschriebenen Varianten - als leises, unverständliches sowie als leises, noch verständliches Gerede (je rund 35 Dezibel). Derweil sollten sich die Versuchspersonen Zahlen einprägen und später in der korrekten Reihenfolge wiedergeben. In anderen Durchgängen hörten sie beim Memorieren zusätzlich entweder nichts oder die ungefilterten Sätze in der ursprünglichen Lautstärke (55 Dezibel).

Ergebnis: Die gefilterte leise Hintergrundsprache beeinträchtigte die kognitiven Leistungen der Probanden wesentlich geringer als ungefilterte Sprache der gleichen Lautstärke (siehe Kasten oben). Subjektiv empfanden die Versuchsteilnehmer die beiden Varianten jedoch als gleich störend.

An Schulen spielen die akustischen Bedingungen eine wichtige Rolle

Die kognitive Leistung war zudem unabhängig davon beeinträchtigt, ob die Hintergrundsprache normale Zimmerlautstärke hatte (55 Dezibel) oder eher einem Flüstern entsprach (35 Dezibel). Selbst bei niedrigem Pegel war der störende Changing State wahrnehmbar. Dennoch gaben die Versuchspersonen an, sie hätten sich durch die leise gesprochenen Sätze deutlich weniger abgelenkt gefühlt.

Auch in Schulen und Kindertagesstätten spielen die akustischen Bedingungen eine wichtige Rolle: Diese Lernumwelten stellen oftmals eher "Lärmumwelten" dar. Der hohe Geräuschpegel im Klassenzimmer oder Gruppenraum ist nachweislich einer der wesentlichsten Belastungsfaktoren im Lehrer- und Erzieherberuf. Erste Studien wiesen den Irrelevant Sound Effect bereits bei Erstklässlern nach. Bei Zweitklässlern verschlechterte sich die Merkleistung des Kurzzeitgedächtnisses durch Hintergrundgerede sogar um bis zu 40 Prozent.

Die Befunde sind gravierend, weil das lärmempfindliche kognitive System für den Spracherwerb und das Lesenlernen große Bedeutung hat. Beim Buchstabieren beispielsweise ist es wichtig, die einzelnen Phoneme akustisch klar und deutlich unterscheiden zu können. Gleichzeitig muss das Kurzzeitgedächtnis noch über genügend Kapazität verfügen, um die einzelnen Laute miteinander zu verknüpfen. Baddeley und Kollegen betrachten die phonologische Schleife als "Sprachlernsystem", das im Lauf der Evolution aus der Notwenigkeit entstand, den Lautklang neuer Wörter schnell und dauerhaft zu lernen.

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