Lärmforschung Wenn Geräusche bloß noch nerven

Unerträglicher Lärm: Tastaturen klappern, Kopierer surren, Kollegen telefonieren
Corbis

Unerträglicher Lärm: Tastaturen klappern, Kopierer surren, Kollegen telefonieren

4. Teil: Schlechte Schwingungen im Klassenzimmer


2010 untersuchten wir in einer Feldstudie, wie sich Lärm auf die Leistungsfähigkeit von rund 400 Zweitklässlern auswirkt. Wir teilten die Kinder anhand der raumakustischen Qualität ihrer Klassenzimmer in drei Gruppen ein. Um zu prüfen, wie sie Laute verarbeiten, sollten die Grundschüler entscheiden, welches von drei vorgesprochenen Wörtern sich von den anderen hinsichtlich des Anfangs- oder Endlauts unterschied. Aus einem Lautsprecher auf dem Lehrerpult erklangen reale oder auch Fantasiebegriffe. Die Lautstärke entsprach dem Reden eines Lehrers, der mit erhobener Stimme spricht.

Resultat: Die jungen Probanden aus "ruhigen " Klassenzimmern waren besser darin, die Laute zu unterscheiden, als Schüler aus geräuschvollen. Dieses Ergebnis ließ sich nicht durch Unterschiede in der allgemeinen Intelligenz oder im Anteil von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache erklären und ist daher offenbar eine Folge der schlechteren Akustik.

In schwierigen Hörsituationen muss man störende Geräusche ausblenden

Schüler aus akustisch ungünstigen, halligen Räumen fühlten sich durch Lärm im Unterricht stärker belästigt. Das Verhältnis zu ihren Klassenkameraden und Lehrern war ihren Angaben zufolge ebenfalls weniger gut.

In schwierigen Hörsituationen muss man störende Geräusche ausblenden und "Lücken" im sprachlichen Input kontinuierlich ergänzen. Aufmerksamkeit, Hör- und Sprachfähigkeiten werden hierbei stark beansprucht. Die Entwicklung der dazu nötigen Fähigkeiten dauert bis ins Jugendalter an. Kinder verstehen Sprache daher grundsätzlich schlechter als Erwachsene, wenn viele Hintergrundgeräusche vorhanden sind, die die akustische Klarheit beeinträchtigen. Zahlreiche Studien belegen: Je jünger die Kinder, desto wichtiger sind optimale Bedingungen für das Sprachverstehen.

Maria Klatte untersuchte im Jahr 2010 die Auswirkungen unterschiedlicher "Lärmwelten" auf das Sprachverstehen. Im Rahmen einer Simulationsstudie verschlechterte sich die Hörleistung von Probanden in einem eher halligen Klassenzimmer, wenn Hintergrundgeräusche eingespielt wurden. Die Verstehensleistung von Grundschulkindern ging um durchschnittlich 21 Prozent zurück, die von Erwachsenen nur um 14 Prozent. In einem ansonsten identischen, aber besser gedämmten Raum mit kurzen Nachhallzeiten sorgten dieselben Hintergrundgeräusche nur für eine Verschlechterung von 6 beziehungsweise 2 Prozent (siehe Kasten links).

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