Spuren im Gehirn Machen Smartphones den Menschen dümmer?

Nachts raubt es manchen den Schlaf, tagsüber lenkt es oft von der Arbeit ab. Trotzdem ist das Smartphone nicht mehr wegzudenken. Forscher untersuchen, wie sich seine Nutzung auf Gehirn und Lesegewohnheiten auswirkt.

Smartphones machen junge Leute nicht dümmer, sagen Forscher. Trotzdem hat die Technik Auswirkungen auf unser Gehirn
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Smartphones machen junge Leute nicht dümmer, sagen Forscher. Trotzdem hat die Technik Auswirkungen auf unser Gehirn


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Viele kennen das: Hier ein Bild liken, da einen Tweet absetzen, und, ach ja, die Mails wollen auch noch mal eben gecheckt werden. Die Arbeit rückt dabei meist in den Hintergrund. Warum? Wir sind abgelenkt.

Aktuell forschen Wissenschaftler auf der ganzen Welt zum Thema Smartphone und Gehirn. Sie wollen wissen, welche Spuren die Dauerpräsenz von Smartphones in den Köpfen hinterlässt und ob es deformierte Twitter- und Facebook-Gehirne überhaupt gibt.

Soziale Netzwerke haben im Leben vieler junger Menschen einen großen Stellenwert. Manchen rauben sie sogar den Schlaf. In Großbritannien veröffentlichte die Gesundheitsorganisation Royal Society for Public Health (RSPH) einen Report zu sozialen Netzwerken und der Gesundheit junger Menschen. Laut der Studie kontrollierte einer von fünf Jugendlichen nachts seine Netzwerke.

Zusätzlich beeinträchtigt das Smartphone die Leistung, wie der US-amerikanische Psychologe Adrian F. Ward herausfand. Allein die Nähe des eigenen Smartphones reichte bei Experimenten dafür aus, dass Menschen bei Testfragen schlechter abschnitten. Lag das Gerät in einem anderen Raum, konnten die Probanden mehr Fragen richtig beantworten. Ward schlussfolgert, dass ein nahes Handy vor allem das Arbeitsgedächtnis so in Beschlag nimmt, dass es weniger in anderen Feldern leistet.

Augen reagieren auf Geräusche

"Grundsätzlich wissen wir wenig darüber, wie digitale Medien das Gehirn und seine Aktivität verändern", sagt Nicole Wetzel, Professorin am Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. Sie und ihr Forscherteam untersuchen, wie Kinder auf das Klingeln eines Smartphones reagieren.

Im Fokus stehen Gehirne und Augen von Kindern. Denn die Pupillen reagieren nicht nur auf Licht, sondern auch auf kognitive Prozesse. "Wenn wir etwas Überraschendes hören, weiten sich unsere Pupillen", erläutert die Forscherin. Klingelt zwischendurch ein Handy, können die Forscher mit ihren Eye-Trackern erkennen, dass jemand von seinem eigentlichen Ziel abgelenkt wird.

Hauben mit Elektroden auf dem Kopf zeichnen bei den Versuchen gleichzeitig auf, welche Hirnareale reagieren, sobald ein Reiz eintrifft. Bestimmte Muster erlauben den Forschern Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie abgelenkt jemand ist. Das Ergebnis: "Wenn ein Störgeräusch eingespielt wird, reagieren die Kinder meist langsamer oder machen mehr Fehler."

Verändern Handys wirklich das Gehirn von Kindern?

Für Ulrike Cress, Direktorin des Leibniz-Instituts in Tübingen, sind digitale Medien weder gut noch böse. An dem Institut erforschen Wissenschaftler, wie Computer, Tablets und Internet das Lernen und Lehren verbessern können. Lesen sei, anders als Sehen und Sprechen, nicht biologisch angeboren, sondern muss erlernt werden. Dabei vollbringen Menschen Höchstleistungen.

Lesestress statt Lesevergnügen

In Versuchen sollten die Testpersonen Wikipedia-ähnliche Texte, die Links zum Weiterklicken enthielten, zum Lernen nutzen. Zum Vergleich erhielten die Testpersonen danach Texte ohne Verlinkungen. Das Ergebnis: Links lenken ab. "Schaut man auf das gleiche Wort, wenn es als Link markiert ist, wird die Pupille messbar größer", fasst Arbeitsgruppenleiter Peter Gerjets das Ergebnis zusammen.

Das Spannende: Links lenken sogar dann ab, wenn sie nicht angeklickt werden, berichtet Gerjets weiter. Auch wenn sich die Testpersonen stattdessen auf ihr Lernziel konzentrierten, wurde die Leistung schlechter. Die Erklärung: Der Link kann einen Impuls im Kopf auslösen, den Wunsch auf die neue Seite zu springen. Den muss das Gehirn unterdrücken. Das belastet das Arbeitsgedächtnis.

Doch Twitter- oder Facebook-Gehirn?

Laut Maryanne Wolf "huscht" man beim Lesen am Bildschirm eher über den Text, um Schlüsselwörter zu finden. Der Rest wird überflogen. Dieses oberflächliche Scannen sei auf Geschwindigkeit angelegt. Richtig in den Text eintauchen könne man dagegen eher auf Papier, glaubt die Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin aus Los Angeles, die sich auf die Unterschiede beim Lesen auf Papier und Bildschirm spezialisiert hat.

Wolf warnt, dass sich das Gehirn durch die neuen digitalen Lesegewohnheiten insgesamt daran gewöhnen könnte, flach und ungeduldig zu denken. Sie sieht die Gefahr, dass Menschen so einen Teil ihrer Fähigkeit zur Analyse komplexer Fragen verlieren.

Kitas verbieten Eltern das Handy

Trotzdem sei es nicht bedenklich, Kinder mit Apps lernen zu lassen. "Überforderung und Ablenkungspotenzial sind keine Argumente gegen ein Medium an sich, sondern gegen die ungesteuerte Nutzung", meinen Gerjets und Cress. Die Forscher sind sich aber alle einig: Die Wirkung der Technik auf das Gehirn muss noch weiter untersucht werden.

Der Braunschweiger Professor Martin Korte spricht von einem "Übergangszustand". Handys und Tablets machten junge Menschen nicht dümmer als ihre Eltern. "Wir haben kein Twitter-Gehirn, und wir haben auch kein Facebook-Gehirn", sagt er. Das Gehirn habe seinen Ursprung noch immer in der Steinzeit. Während der Mensch im Laufe seiner Entwicklung einige Kompetenzen verlieren wird, wird er, laut Korte, neue erlernen.


Zusammengefasst: Smartphones sind aus dem Leben vieler junger Menschen nicht mehr wegzudenken. Experten glauben, dass die Nutzung digitaler Medien nicht unbedingt dümmer macht. Forscher haben allerdings herausgefunden, dass das Smartphone ablenkt und damit die Leistung junger Menschen leiden kann.

ctl/dpa



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