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04. September 2014, 12:29 Uhr

Achtsamkeit mit Nebenwirkungen

Verdammt, entspann dich!

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Auf der Suche nach Entspannung kommen Stressgeplagte kaum an Achtsamkeitsübungen vorbei. Doch Meditation und ähnliche Techniken sind nicht für jeden geeignet, manche führen zu Frust und Schmerz.

Wenn ein LKW vorbeifährt, fühlt es sich plötzlich an, als würde er durch dich hindurchfahren. Du verlierst das Gefühl für die Zeit: kein damals, kein demnächst, nur noch jetzt. Angst erfüllt dich. Oder eine tiefe Depression. Oder komplette Leere. Du verlierst die Verbindung zu dir selbst: Worte kommen aus deinem Mund, aber du weißt nicht, wer sie spricht.

Was nach einem Drogentrip klingt, sind Erfahrungen von US-Amerikanern, die intensiv meditieren, ganz ohne zusätzliche Substanzen. Ihre einziges Rauschmittel: Achtsamkeit. Auch in Deutschland gibt es den Trend zur fernöstlichen Besinnung auf sich selbst und das Leben im Jetzt. Meditationskurse, Internetstreams oder Apps mit Achtsamkeitsübungen sollen die gestresste Seele ins Gleichgewicht bringen oder einem Abkippen vorbeugen. Die Erwartungen an die Übungen sind hoch. Dabei ist das Konzept kein Alleskönner und auch nicht für jeden sinnvoll, warnen Experten .

Dass Emotionen hochkommen, ist normal

"Ich glaube die Leute beginnen mit dem Meditieren und denken, dass sie glückselig werden und ihr Geist ruhiger wird, je länger sie da sitzen. Sind die überrascht, wenn sie feststellen, dass es gar nicht so läuft", sagte die Neurowissenschaftlerin Willoughby Britton von der Brown University an der US-Ostküste in einem Interview mit der Internetplattform Buddhist Geeks. Sie hat im Rahmen des "Dark Night Project" die Erfahrungsberichte von Dutzenden Meditationstrainern und ihren Schülern gesammelt. Wer weit genug gehe in seiner spirituellen Praxis, werde diese Dinge erleben, sagte ein Trainer zu ihr. Das gehöre einfach zum kontemplativen Pfad dazu.

"Dass Emotionen hochkommen oder eine innere Unruhe die Menschen plagt, ist ganz normal", sagt auch der Psychologe Johannes Michalak, Professor an der Universität Hildesheim und Leiter der dortigen Hochschulambulanz. Er forscht zu Achtsamkeitstrainings und wendet fernöstliche Methoden in der Psychotherapie an. Für viele sei es schon eine große Herausforderung 30 Minuten da zu sitzen und die Aufmerksamkeit immer wieder ins Hier-und-Jetzt und zum Atem zurückzuholen.

Falscher Ehrgeiz kann zu Frust führen

"Das verlangt Demut. Viele kämpfen richtig und werden während der Übung oft damit konfrontiert, dass es schwer fällt, den Fokus zu behalten", sagt er. Falscher Ehrgeiz kann dann zu Frust führen. Einige verfallen ins Grübeln, andere haben plötzlich angstmachende Gedanken. Und wer nicht abschweift, merkt womöglich besonders deutlich, wie unruhig er eigentlich ist und was in seinem Körper vorgeht. Manche spüren dann mitunter Schmerzen intensiver.

"Deshalb ist es wichtig, solche Übungen und Meditation nicht alleine durchzuführen, sondern in einer Gruppe, in der man sich austauschen kann und mit einem Trainer, der ebenfalls Ansprechpartner dafür ist", betont Michalak. Nachwirkungen in dem Ausmaße wie bei den Teilnehmern des "Dark Night Project" hat er allerdings noch nicht beobachtet.

Auch seine Kollegen nicht: "Achtsamkeit ist eine derart sanfte Methode, dass das Schädigungspotenzial sehr gering ist", betont etwa der Psychologe und Psychotherapeut Gerhard Zarbock. Da sei es weitaus gefährlicher, wenn man einen schlechten Marathontrainer habe. "Höchstwahrscheinlich war es nicht die Achtsamkeit, die die Symptome bei den Befragten hervorrief, sondern die Dosis", sagt Zarbock, der sich schon seit seiner Jugend mit Zen und Meditation beschäftigt.

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