Mentales Training "Sei dein größter Fan!"

Bei der Fußballweltmeisterschaft der Frauen, die am 26. Juni in Frankfurt eröffnet wird, zählt die deutsche Elf zu den Favoriten. Der Psychologe Arno Schimpf verrät im Interview mit "Gehirn und Geist", wie er die Spielerinnen zu Siegertypen machen will.

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Frage: Herr Doktor Schimpf, was ist Ihre Hauptaufgabe als Sportpsychologe bei der deutschen Frauen-Nationalelf?

Arno Schimpf: Der Auftrag lautet, die Spielerinnen mental stark zu machen, damit sie ihre Leistung dann abrufen können, wenn es darauf ankommt. Beim Elfmeterschießen im Training trifft fast jede Spielerin ohne Probleme. Aber die mentale Situation ist eine ganz andere, wenn der Ball beim Stand von 1 : 1 in der 88. Minute ins Tor muss.

Frage: Wie genau tragen Sie dazu bei, dass die Spielerinnen dann die Nerven behalten?

Schimpf: Ich beginne stets mit intensiven Einzelgesprächen. Daraus entwickle ich einen Steckbrief zu jeder Spielerin, der alles enthält, was aus sportpsychologischer Sicht wichtig ist. Grundvoraussetzung für den Erfolg ist Begeisterung – für die Sache und für sich selbst. Das bedeutet, sich jeden Morgen auf das Training oder den Wettkampf zu freuen und an sich selbst zu glauben. Das Motto lautet: Sei dein größter Fan!

Frage: Wie begeistert man Sportler für sich selbst?

Schimpf: Eine bewährte Methode ist das so genannte Reframing. Ich mache den Spielerinnen bewusst, zu welcher Elite sie gehören. Sie leben in Wohlstand, haben optimale Trainingsbedingungen und professionelle Betreuung – kurz: Sie haben alle Voraussetzungen für eine positive Einstellung. Wenn ihnen das bewusst wird, lassen sie sich nicht so leicht von Nebenschauplätzen ablenken. Das ist die Grundlage für Motivation – sie entwickeln Lust daran, kontinuierlich an der eigenen Leistung zu arbeiten.

Frage: Wann ist jemand hinreichend motiviert?

Schimpf: Als ich die Aufgabe übernommen habe, habe ich alle Teammitglieder gefragt: Was macht ihr am 17. Juli 2011? Alle haben gesagt: Da wollen wir Weltmeister werden! Diese gemeinsame Vision ist die Basis. Aber bis dahin muss jeder bereit sein, dieses Ziel zum Lebensmittelpunkt zu machen. Das Training hat für diese Zeit Priorität – vor Familie, Studium oder Ausbildung.

Frage: Gab es im Vorfeld Spielerinnen, die dazu nicht bereit waren?

Schimpf: Nein. Im Frauenfußball ist die Begeisterung für den Fußball noch maßgeblich, denn die Spielerinnen bekommen bei Weitem nicht so viel Geld wie ihre männlichen Kollegen. Deshalb spielen sie noch eher aus Freude am Kicken und brennen darauf, zur ersten Elf zu gehören. Bei den Männern betrachten manche den Fußball eher als Möglichkeit, Geld zu verdienen – und das können sie auch, wenn sie auf der Bank sitzen.

Frage: Was braucht ein Sportler von psychologischer Seite noch, um erfolgreich zu sein?

Schimpf: Neben Begeisterung und Motivation zählt zu einer nachhaltigen psychologischen Betreuung zum Beispiel das punktgenaue Aktivieren der Leistungsressourcen durch mentale Techniken.

Frage: Was bedeutet das?

Schimpf: Zur Ressourcenaktivierung greifen wir zum Beispiel auf Filmaufnahmen zurück. Zunächst suche ich gemeinsam mit der Spielerin nach ihren größten Erfolgserlebnissen und stelle aus diesen Szenen eine DVD zusammen, bei einer Torfrau beispielsweise, wie sie im entscheidenden Moment einen Elfer gehalten hat. Dann untersuchen wir, welche Gedanken sie vor und während dieser Erlebnisse hatte, um motivierende Wörter oder Sätze zu finden. Zum Schluss wird das Ganze mit der persönlichen Lieblingsmusik unterlegt. Diese DVDs sind sehr beliebt: Die Spielerinnen können sich "ihren" Film vor dem Spiel noch einmal anschauen oder sich die Szenen während des Spiels wieder ins Gedächtnis rufen – zum Beispiel, wenn sie in der 88. Minute zum Strafstoß antreten.

Frage: Lehren Sie für solche Situationen auch Techniken zum Stressabbau?

Schimpf: Ja, alle Spielerinnen erlernen eine Methode der Tiefenentspannung, meist Autosuggestion und Selbsthypnose. Das machen wir zunächst im Team, dann in Einzelsitzungen, um nach individuell passenden Wörtern, Sätzen oder Bildern zu suchen, die die Spannungsregulation und mentale Stärke unterstützen. Zum Beispiel könnte sich eine Torfrau eine Mauer vorstellen, an der alles abprallt.



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