Psychische Belastung Mitarbeiter häufig gestresster als ihre Chefs

Sie tragen Verantwortung, müssen schnell Entscheidungen treffen und sollen dabei noch ihre Angestellten motivieren: Dass Manager unter Stress leiden, gilt als ausgemacht. Doch eine neue Studie zeigt, dass Chefs offenbar häufig weniger gestresst sind als ihre Untergebenen.
Entspannt im Büro: Leitende Angestellte empfinden weniger Stress, je mehr Kontrolle sie besitzen

Entspannt im Büro: Leitende Angestellte empfinden weniger Stress, je mehr Kontrolle sie besitzen

Foto: Corbis

Wer ein ganzes Unternehmen steuert, der muss unter Druck stehen, sollte man meinen. Neue Studienergebnisse von US-Wissenschaftlern legen allerdings nahe, dass offenbar das Gegenteil der Fall sein könnte: Viele Chefs sind umso weniger gestresst, je mehr sie das Gefühl von Kontrolle besitzen. Insgesamt zeigten Menschen in leitenden Positionen in Untersuchungen weniger Anzeichen von Stress als einfache Angestellte. Das zumindest berichten jetzt Forscher der Harvard University im Fachblatt "PNAS" .

Gary Sherman und seine Kollegen hatten 148 Teilnehmer eines Weiterbildungsprogramms für Führungskräfte, speziell aus dem öffentlichen Dienst und dem Militär, mit einer zufälligen Auswahl von 65 Arbeitnehmern und Selbständigen aus dem Großraum Boston verglichen. Die Teilnehmer wurden als Führungskraft registriert, wenn sie Verantwortung für Mitarbeiter trugen. Alle sollten in einem Fragebogen angeben, wie stressig und belastend sie ihren Arbeitsalltag empfanden. Zusätzlich gaben sie Speichelproben ab, in denen die Forscher die Menge des Stresshormons Cortisol bestimmten.

Überraschenderweise lagen die Werte der Manager sowohl beim Cortisol als auch beim subjektiv empfundenen Stress unter denen der Vergleichsgruppe, wie die Auswertung ergab. Um diesen Effekt besser zu verstehen, schlossen die Wissenschaftler eine zweite Studie an, in der sie ausschließlich Führungskräfte erfassten - in diesem Fall jedoch aus unterschiedlichen Managementebenen. Registriert wurden die Gesamtzahl an Untergebenen, der Grad an Autorität der Führungskraft und die Anzahl der Mitarbeiter, die dem Manager direkt unterstellt waren.

Werden stressresistente Menschen eher zur Führungskraft?

Wieder zeigte sich: Je höher der Rang einer Führungskraft, desto geringer waren der subjektive und der gemessene Stress. Ausnahmen gab es jedoch dann, wenn der Manager sehr vielen Mitarbeitern direkt Anweisungen geben musste, ohne die Aufgaben delegieren zu können. Die Wissenschaftler schlussfolgern aus diesen Ergebnissen, dass das Gefühl von Kontrolle dem Stress entgegenwirkt und ihn zumindest zum Teil abpuffern kann.

Allerdings lasse sich aus den vorliegenden Daten nicht ablesen, ob die geringere Stressbelastung der Führungskräfte tatsächlich dem Job geschuldet ist oder einfach eine bestimmte persönliche Veranlagung widerspiegelt, die erst dazu geführt hat, dass jemand eine Führungsposition erreichen konnte.

Die Befunde passen aber zu dem, was sich in früheren Studien bereits in Versuchen mit Affen gezeigt hat: Auch hier geht ein höherer Rang in der Gruppenhierarchie häufig mit einem eher niedrigen Cortisolspiegel einher. Das gelte vor allem dann, wenn es nur wenig Konkurrenz um die Führungsposition gebe, erläutern die Forscher.

Ein solches Szenario passe sehr gut zur aktuellen Studie, da die meisten der untersuchten Führungskräfte ebenfalls einen recht sicheren, stabilen Job innehatten. Als nächstes soll nun untersucht werden, ob weniger Stabilität oder mehr Konkurrenz im Unternehmen einen Einfluss auf den beobachteten Zusammenhang haben.

dba/dpa/dapd
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