Interview zu Amokläufern "Hass auf die Umwelt - und sich selbst"

Der Attentäter von München hat seine Tat lange vorher geplant - das ist typisch für Amokläufer, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Hätte man den jungen Mann noch stoppen können? Und hatte er den Amokplan aus einem Buch?
Trauer nach Amoklauf von München

Trauer nach Amoklauf von München

Foto: Johannes Simon/ Getty Images

Ein junger Mann tötet neun Menschen, dann sich selbst. Außerdem werden 35 Menschen verletzt, drei davon schweben noch immer in Lebensgefahr. Warum? Es sind schwierige Fragen, auf die Ermittler in München derzeit Antworten finden müssen. Nach und nach beginnen sie dabei mehr über die mörderischen Pläne von David. S. herauszufinden - und darüber, wie lange er seinen Angriff im Olympia-Einkaufszentrum vorbereitet hat.

Mehrere Jahre lange habe sich der Attentäter von München mit dem Thema Amok befasst. Die konkreten Planungen für die Tat vom Freitagabend habe er dann im vergangenen Sommer begonnen. So beschrieb es der Chef des Bayerischen Landeskriminalamtes, Robert Heimberger, auf einer Pressekonferenz am Sonntag.

Die Pistole, einst zur Theaterwaffe umfunktioniert, später aber wieder reaktiviert, habe er im Netz gekauft. Auf dem Computer des jungen Mannes habe man ein Manifest gefunden, in dem sich der Attentäter mit seinen Plänen befasst habe, so die Ermittler. Einen politischen Hintergrund habe die Tat nicht. Doch habe David S. die Bluttat des Norwegers Anders Breivik als Vorbild genommen, ebenso den Amoklauf von Winnenden. Er habe den Ort sogar besucht und dort Fotos gemacht.

Orientierung an anderen Taten - das ist typisch für Attentäter dieser Art, das wissen Experten. Unter den Sachen des Jungen fand sich auch das Buch "Amok im Kopf" des US-Psychologen Peter Langman. Wir haben mit dem Mann gesprochen, der das deutsche Vorwort zum Buch geschrieben hat.

Foto: Hertie School of Governance

Klaus Hurrelmann, 72, ist Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Er arbeitet am Schnittpunkt von Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitik: Ihn interessieren vor allem Interventionsstrategien zur Prävention von sozialen und gesundheitlichen Benachteiligungen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte dem Attentäter das Buch "Amok im Kopf" als Vorlage für seine Bluttat gedient haben?

Klaus Hurrelmann: Das ist gut möglich. Das Buch analysiert zehn Amokläufe. Und in allen diesen Fällen haben die Täter ihre Taten exakt und über einen langen Zeitraum vorbereitet. Sie haben das Verhalten bisheriger Täter studiert. So kann es zu der paradoxen und dramatischen Situation gekommen sein, dass sich der Täter von München, wenn er das Buch tatsächlich gelesen hat, von den geschilderten Fällen hat inspirieren lassen - auch wenn das Buch nicht allzu viele konkrete Details liefert.

SPIEGEL ONLINE: Das Buch beschreibt drei verschiedene Merkmale, die Amokläufer gemeinsam haben. Welche sind das?

Hurrelmann: Es gibt den Typ des traumatisierten Täters. Der hat Verletzungen, Demütigungen, Zurückweisungen über einen langen Zeitraum erlebt - bis es irgendwann aus ihm herausbricht. Das könnte bei dem jungen Mann aus München eine starke Rolle gespielt haben. Ein zweiter Typ hat mit Persönlichkeitsspaltung zu tun. Das sind Täter, die mal in der realen Welt und mal außerhalb leben, das aber nicht voneinander unterscheiden können.

SPIEGEL ONLINE: Am verbreitetsten ist nach Autor Langman aber ein dritter Typ.

Hurrelmann: Das sind die Psychopathen. Die leben in einer Wahnwelt und handeln dort. Sie können das aber in ihrem realen Leben verankern. Das heißt, sie bleiben auch handlungsfähig in der echten Welt - und die Umwelt kann nur schwer erkennen, wie es ihnen geht. Auch das dürfte auf den Münchner Täter zutreffen.

Videokommentar: "Depressive dürfe nicht stigmatisiert werden"

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SPIEGEL ONLINE: Die Ermittler haben erklärt, der Täter habe möglicherweise eine psychische Erkrankung "aus dem depressiven Formenkreis" gehabt. Erscheint ihnen das plausibel?

Hurrelmann: Man muss vorsichtig mit dem Begriff Depression sein. Hier handelt es sich um die Kombination verschiedener Faktoren. Langman beschreibt gestörte Persönlichkeiten, spricht sogar von zerstörten Persönlichkeiten. Spätere Attentäter hatten über eine lange Zeit keine funktionierende Persönlichkeit mehr. Sie hassten ihre Umwelt - und sie hassten sich selbst. In der überwiegenden Zahl ging der Amoklauf mit einer Selbsttötung zu Ende. Oder die Täter provozierten eine Tötung durch andere, um sich endgültig zu vernichten.

SPIEGEL ONLINE: Die extreme Mehrzahl der Amokläufer ist männlich. Warum?

Hurrelmann: Männer gehen anders als es Frauen mit Druck von außen um. Das trifft gerade auch auf solche jungen Täter zu, deren Persönlichkeit oft noch nicht vollständig ausgebildet ist. Alles, was ihre Identität in Zweifel stellt, ihre Belastbarkeit, ihre Handlungs- und Leistungsfähigkeit, ihre soziale Integration, fressen sie nicht nur in sich hinein - sie geben es auch nach draußen. Frauen verarbeiten solche Belastungen eher für sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Welche Warnsignale in der Planungsphase eines Amoklaufs gibt es? Und wie kann man darauf reagieren?

Hurrelmann: Die Taten werden langfristig geplant. Dazu gehören auch die Beschaffung der Waffe, die Wahl des Ortes und ein Plan für das Verhalten des Attentäters. Dabei hinterlassen die Täter Spuren, auch wenn in Elternhaus und Schule womöglich erst zu spät erkannt werden. In den Schulen ist in den letzten Jahren da viel geschehen. Es gibt Leitlinien, es gibt Listen von Risikofaktoren wie Zurückgezogenheit, aggressiven Bemerkungen, abgebrochene Freundschaften. Manche Spuren sind aber eben auch erst nach der Tat lesbar - weil sich die Täter bemühen, sie zu verwischen.

SPIEGEL ONLINE: Wie nach jedem schrecklichen Ereignis dieser Art wird aktuell auch wieder über angeblich gewaltverherrlichende Computerspiele diskutiert. Zurecht? Immerhin spielte David S. wohl zeitweise intensiv "Counter-Strike".

Hurrelmann: Die Spiele werden immer suggestiver, immer intensiver. Wir wissen, dass Gewaltspiele schwache Persönlichkeiten total in ihren Bann ziehen können. Die Forschung schätzt, dass sich zwei bis drei Prozent der jungen Männer eines Altersjahrgangs total darin verlieren. Die haben Probleme zu unterscheiden, ob sie sich in der Spielewelt oder der realen Welt befindet. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Bei 97 bis 98 Prozent gibt es keine oder sogar positive Effekte auf die Persönlichkeit - weil es eine gesunde Abfuhr von Energien gibt. Aber eine Diskussion ist schon berechtigt, damit schwache Persönlichkeiten nicht eines Tages ganz wegkippen.

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