Psychologie-Mythen Macht Hirnjogging wirklich schlauer?

Messung der Hirnaktivitäten: Macht Hirnjogging schlau?
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Messung der Hirnaktivitäten: Macht Hirnjogging schlau?

7. Teil: Neuroforscher haben bewiesen, dass der freie Wille eine Illusion ist


Wenige Ideen aus der Hirnforschung haben so viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren wie die Behauptung, es gebe keinen freien Willen. Für viele entscheidet sich dieses Problem am Determinismus, also der Vorstellung, dass zukünftige Ereignisse durch aktuell herrschende Bedingungen bereits vorherbestimmt sind. Schon lange streiten sich Philosophen darüber, ob der menschliche Geist durch natürliche oder göttliche Gesetze determiniert ist. Immanuel Kant etwa schlug im 18. Jahrhundert eine Lösung vor, die den Menschen als Natur- und als Vernunftwesen begreift.

Gemäß neuerer philosophischer Entwicklungen im 20. Jahrhundert folgen wieder mehr Fachleute einer sogenannten kompatibilistischen Sicht: Nicht ob wir determiniert sind oder nicht, sondern was uns determiniert, ist essentiell. Demnach sind diejenigen Entscheidungen frei, die wir selbst im Einklang mit unseren Wünschen und Überzeugungen treffen und nicht etwa durch Zwang. Die unlösbare Frage, ob jeder Zustand des Universums eindeutig durch den vorherigen Zustand und die Naturgesetze festgelegt ist, verliert dann an Bedeutung.

Eine andere Frage ist, inwieweit uns das Unterbewusstsein unsere Entscheidungen diktiert. Insbesondere eine Serie von Experimenten des Neurowissenschaftlers Benjamin Libet interpretieren manche Hirnforscher und Philosophen in diesem Sinn als Widerlegung der Willensfreiheit: Wir dächten zwar, wir hätten bewusste Kontrolle über uns selbst - in Wirklichkeit bestimmten aber unbewusste Gehirnprozesse unser Handeln.

In seinem bekanntesten Experiment maß der Wissenschaftler von der University of California in San Francisco 1983 mittels Elektroenzephalografie (EEG) die Hirnströme seiner Probanden. Schon bevor sie nach eigenen Angaben einen bewussten Drang verspürten, ihren Finger zu bewegen, trat ein elektrisches Signal auf, das die Bewegung vorhersagen konnte - ein sogenanntes Bereitschaftspotential. Liest man Libets Originalarbeiten, dann stolpert man jedoch über das Vorhandensein dieses Signals auch dann, wenn die Versuchspersonen den Finger nicht bewegten. Es kann daher nicht eins zu eins das Verhalten vorhersagen.

Eine Gruppe um den Berliner Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes wiederholte das Experiment 2008 im Magnetresonanztomografen und kam zu einem noch frappierenderen Fazit. Die Entscheidung stehe im Gehirn nicht Zehntelsekunden, sondern häufig bereits geschlagene zehn Sekunden fest, bevor sie ins Bewusstsein dringe.

Davon abgesehen, dass der gemessene spontane Drang, einen Knopf zu drücken, für den Alltag ziemlich irrelevant ist, bleiben wichtige Kennzeichen freier Willensbeschlüsse bei diesen Untersuchungen außen vor: Menschen planen ihre Handlungen oft lange im Voraus, manchmal brechen sie diese auch mittendrin ab. Beides war in den Experimenten verboten. Gerade das langfristige Planen von Handlungen hat sich in vielen psychologischen Studien als sehr wichtig herausgestellt, um Verhalten zu beeinflussen. Wer sich Situationen erst vor dem inneren Auge vorstellt oder bestimmte Verhaltensregeln formuliert, führt eine intendierte Handlung mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich aus.

Das Libet-Experiment und seine Nachfolger ignorieren den Zeithorizont menschlicher Entscheidungen. Sie haben der Debatte um die Willensfreiheit noch kein Ende bereitet, auch wenn manche Wissenschaftler etwas anderes behaupten.



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