Nach der Psychotherapie "Schaffe ich das jetzt allein?"

Jemand, der zuhört, hilft, fordert - und da ist, wenn es einem schlecht geht. So erleben viele Patienten ihre Psychotherapeuten. Endet die Behandlung, gilt es, diese Lücke zu füllen.
Neue Wege gehen

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Foto: imago

Petra Hartmann (Name geändert) war bereits mehrere Male in psychotherapeutischer Behandlung, weil sie unter Depressionen litt. Im Sommer 2015 hat sie ihre letzte Verhaltenstherapie abgeschlossen. "Ich habe mich damals schon gefragt, ob ich es jetzt allein schaffe", erinnert sie sich. Nach mehreren Jahren mit psychotherapeutischer Begleitung war sie das erste Mal wieder auf sich selbst gestellt.

"Das Ende der Psychotherapie kann eine besonders sensible Phase sein, insbesondere, wenn die Patientin oder der Patient negative Vorerfahrungen mit Trennung oder Abschied gemacht hat", sagt Kerstin Sude, stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV).

"Meist thematisiert man das Ende in den letzten acht bis zehn Sitzungen, abhängig von der Therapielänge. Man fragt, wie es dem Patienten bei dem Gedanken geht und wägt gemeinsam ab, ob man eine Verlängerung beantragt oder nicht", sagt Sude, die als Psychotherapeutin in Hamburg arbeitet.

Etwas Wehmut

Auch Petra Hartmann konnte in den letzten Sitzungen Wünsche äußern, woran sie speziell arbeiten wollte. Trotzdem: "Endgültig loslassen war schon seltsam. Da kam auch etwas Wehmut oder Angst auf. Vorher wusste ich, da ist immer jemand da, mit dem ich Dinge besprechen kann", beschreibt die ehemalige Patientin aus Saarbrücken ihre Gefühle.

Worauf müssen sich Patienten also einstellen? "Es kann sein, dass zum Ende der Therapie die Anfangssymptomatik noch mal auftritt", sagt Kerstin Sude. "Das ist durchaus ein typisches Phänomen. In einem solchen Fall kann man beruhigen und sagen: Das ist vorübergehend, das wird besser!" Eine Krise zum Ende hin bedeutet nicht, dass die Therapie erfolglos war. Gerade in solchen Fällen sei es wichtig, gemeinsam mit den Patienten Bilanz zu ziehen. Das führe die Fortschritte vor Augen.

Wer sich auf die Zeit ohne psychotherapeutische Hilfe vorbereiten will, kann gemeinsam mit dem Therapeuten eine Notfallliste erstellen. Kerstin Sude erklärt: "Es werden dann beispielsweise Frühwarnzeichen festgehalten, die ein Patient vor einer möglichen Krise spürt oder eine Vertrauensperson, die im Notfall kontaktiert werden kann."

Auch Fragen zur Selbstfürsorge gehörten dazu: Habe ich mich oder den Sport vernachlässigt? Habe ich zu viele Überstunden gemacht? All dies hilft, für den Fall eines Rückschlags vorbereitet zu sein oder es erst gar nicht so weit kommen zu lassen.

Nicht in Watte packen

Petra Hartmann geht in ihrem engeren Umfeld offen mit ihrer Depression und der Psychotherapie um. Entsprechend sprach sie mit ihrer Familie auch über das Ende der Therapie. Dies müsse jeder individuell entscheiden, sagen Psychotherapeuten. Für Angehörige gilt: "Man sollte einen Patienten nach der Therapie nicht in Watte einpacken. Kleine Rückschläge sind durchaus normal", sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP). Sinn einer Therapie sei es, dass der Betroffene gelernt hat, damit umzugehen.

Petra Hartmann findet zudem Rückhalt und Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe: "Durch die Erfahrungen der anderen bekommt man einen veränderten Blick auf die eigenen Probleme." Zudem sei es schön, anderen Menschen helfen zu können. Roth-Sackenheim empfiehlt: "Auch in Onlineforen oder Sozialen Netzwerken kann man sich austauschen, sodass nicht immer ein echtes Treffen nötig ist." Ebenso könnten kirchliche Seelsorger oder telefonische Krisendienste nach einer Therapie Ansprechpartner werden, sagt Sude.

Schwierige Phasen erlebt Petra Hartmann trotz allem hin und wieder. Bisher kommt sie aber ohne therapeutische Hilfe aus. "Im Nachhinein bin ich auch ein bisschen stolz auf mich, dass ich bestimmte Dinge allein gemeistert habe", sagt sie. "Ich merke, dass ich jetzt adäquat auf Situationen reagieren kann ohne gleich in Panik zu verfallen und sei es auch nur bei Streitigkeiten mit dem Nachbarn."

Mira Fricke, dpa/wbr
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