Nägelkauen stoppen "Willensanstrengung allein reicht nicht"

Immer wieder wandert die Hand zum Mund, malmen die Zähne auf den Nägeln, wie ferngesteuert. Neuropsychologe Steffen Moritz spricht über die Gründe des Nagelkauens und eine einfache Verhaltenstherapie, die er entwickelt hat.
Frau kaut Nägel: Eine einfache Therapie kann beim Aufhören helfen

Frau kaut Nägel: Eine einfache Therapie kann beim Aufhören helfen

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Steffen Moritz ist Professor für klinische Neuropsychologe am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Gemeinsam mit Kollegen hat er eine neue Therapie gegen Nägelkauen entwickelt.Selbsthilfe für Trichotillomanie und Nägelkauen:Infirmationen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf 

SPIEGEL ONLINE: Herr Moritz, warum kauen Menschen Nägel?

Moritz: Es gibt nicht die eine Ursache. Bei einigen Betroffenen ist es Zeichen von Nervosität und Anspannung. Auch brüchige oder Spaltnägel sind häufig Teil des Ursachengeflechts und werden abgekaut statt abgefeilt. Das kann sich dann verselbständigen. Manchmal ist es gekoppelt mit anderen psychischen Störungen oder Erkrankungen. Fingernägelkauen selbst ist jedoch keine echte Krankheit, sondern eine Verhaltensauffälligkeit, die auf weitere Störungen hinweisen kann aber nicht muss.

SPIEGEL ONLINE: Eine Menge Leute kauen Fingernägel. Bei Jugendlichen soll es jeder zweite sein.

Moritz: Genaue Zahlen gibt es nicht, da Fingernägelkauen nicht systematisch erfasst wird. Daher sind das Schätzungen. Die Zahlen schwanken auch von Land zu Land. Bei Jugendlichen wird das Fehlverhalten - je nach Studie - bei bis zu 45 Prozent der untersuchten Personen beobachtet. In der Regel wächst sich das beim Erwachsenen dann nach und nach heraus. Hier ist es etwa jeder Zehnte, der kaut oder knibbelt - also die Nagelhaut knabbert oder abbeißt.

SPIEGEL ONLINE: Warum kauen so viele Jugendliche Fingernägel?

Moritz: Darüber kann man nur spekulieren. Die Jugendzeit und Pubertät ist voller Umbrüche, Emotionen und Stress - das findet hier wie in anderem abweichenden Verhalten Ausdruck. Es ist für viele Störungen normal, dass sie eine Art Blütezeit haben und sich dann wieder legen. Erwachsene sind aber auch besser darin, es zu kaschieren. Frauen nutzen oft künstliche Nägel.

SPIEGEL ONLINE: Bei manchen ist es so schlimm, dass sie Schmerzen haben und leiden. Was für Hilfsangebote gibt es?

Moritz: Schwer Betroffene bleiben häufig auf sich gestellt - die Störung erscheint nicht gravierend genug, um damit zum Arzt zu gehen. Und es fühlt sich auch keiner so richtig zuständig. Am ehesten vielleicht noch die Kinderärzte. Die sind aber häufig nicht dafür ausgebildet, kognitive verhaltenstherapeutische Maßnahmen durchzuführen. Kinder sind dann schnell Versuchskaninchen für alle möglichen wissenschaftlich fundierten oder auch wenig fundierten Maßnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Fingernägelkauer stigmatisiert?

Moritz: Ja, Betroffenen wird es meist als Charakterschwäche ausgelegt, Kinder als schlecht erzogen angesehen. Unterschätzt wird dabei immer, dass die Leute oft keine Kontrolle im Sinne einer differenzierten Wahrnehmung über dieses Verhalten haben. Willensanstrengung alleine reicht nicht. Bei erwachsenen Kauern herrscht zudem das gängige Klischee vor, dass sie womöglich noch weitaus gravierendere psychische Erkrankungen haben, was nicht zwangsläufig so sein muss. Das liegt auch an den Medien, im Film werden Psychopathen gerne fingernägelkauend dargestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erfolgreich sind Methoden wie Bittertinkturen?

Moritz: Sie können helfen, bei manchen bringen sie aber auch nichts, weil sie die Tinktur nicht regelmäßig auftragen. Manche finden den Geschmack auch nicht abschreckend genug oder gewöhnen sich daran. Verhaltenstherapeuten raten daher zum Habit Reversal Training (HRT) - zu deutsch Reaktionsumkehr . Das ist eine Methode, die wissenschaftlich erprobt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert sie?

Moritz: Die Betroffenen sollen sich erst einmal bewusst werden, in welchen Situationen sie kauen. Dann sollen sie sich in diesen Situationen eine Handlungsalternative antrainieren, die konträr zum Kauen steht: zum Beispiel die Faust ballen oder sich auf die Hände setzen (siehe Kasten).

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine neue Methode entwickelt.

Moritz: Ja, die Entkopplungstherapie ist eine Variante des HRT. Der entscheidende Unterschied: Statt eines konkurrierenden Verhaltens wird das Kauverhalten zunächst nachgeahmt aber final so abgeändert, dass es sozusagen zu einem "Happy End" führt.

Konkret heißt das: In der Situation, in der der Betroffene typischerweise kauen würde, macht er nicht etwas völlig anderes wie Fäusteballen oder sich auf die Hände setzen, sondern er führt seine typische Handbewegung aus wie immer. Am Ende steckt er aber nicht die Finger in den Mund, sondern "fälscht" kurz davor die Bewegung ab - zum Beispiel zum Hals oder zum Bauch.

Wichtig ist eine ruckartige Bewegung am Ende, um sich selbst das Signal zu geben, dass man vom alten Verhaltensmuster abgewichen ist und es davon entkoppelt hat. In einer kontrollierten wissenschaftlichen Studie haben wir zeigen können, dass das der Hälfte der Betroffenen stark geholfen hat.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Medikamente gegen Fingernägelkauen?

Moritz: Leider werden gelegentlich Beruhigungsmittel oder Antipsychotika verschrieben. Davon ist abzuraten. Es gibt auch keine stichhaltigen Belege, dass die etwas bringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn das Kind kaut?

Moritz: Man sollte bei Nägelkauen wie bei anderen Verhaltensauffälligkeiten nicht gleich überreagieren und die Kinder vom Alternativmediziner bis zum Zwangsspezialisten schicken. Verunsicherung und Stigma können Folge sein.

Finden Sie heraus, ob es einfach eine lästige Angewohnheit oder ein Stresssymptom ist. Wenn man den Stress mindert, legt sich das Kauen oft von selbst. Auch eine regelmäßige Maniküre kann etwas bringen. Reißen Nägel ein, sollen Kinder diese abfeilen statt abkauen.

Geben Sie keine Medikamente und rennen Sie nicht gleich mit dem Kind zum Psychologen, außer es liegen andere schwerwiegende Probleme parallel vor. Man sollte erst mal mit dem Hausarzt sprechen. Wenn die Selbsthilfe-Anleitungen für das Verhaltenstraining oder die Bittertinkturen nichts bringen, kann man im nächsten Schritt und bei hohem Leidensdruck einen Psychologen zurate ziehen.

Hilfe beim Nägelkauen - das Habit Reversal Training

Die verhaltenstherapeutische Methode besteht aus vier Schritten:

1. Beobachtung Herausfinden, wann man kaut und warum. Rufen Sie sich ins Bewusstsein, in welchen Situationen Sie typischerweise Fingernägel kauen. Notieren Sie sich Ihre Ergebnisse.

2. Ersatzhandlung Sobald Sie wieder das Bedürfnis verspüren zu kauen, tun Sie etwas, das mit Nägeln und Kauen nichts zu tun hat. Machen Sie beispielsweise mit Ihren Händen eine Faust, setzen Sie sich auf Ihre Hände oder quetschen Sie einen Softball.

3. Motivation Machen Sie sich immer wieder die Gründe klar, warum es lohnt, mit dem Nägelkauen aufzuhören.

4. Festigung Gehen Sie in Gedanken mehrmals täglich die Situationen durch, in denen Sie Fingernägelkauen. Stellen Sie sich dann vor, wie Sie stattdessen die Ersatzhandlung durchführen. Das Üben im Geist festigt die neue Ersatzhandlung.

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