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12. April 2013, 12:32 Uhr

"Normal" von Allen Frances

Beichte eines Psychiater-Papstes

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Er machte viele Gesunde zu psychisch Kranken - jahrelang. Jetzt hat sich der US-Psychiater Allen Frances, einer der ehemaligen Autoren des Katalogs für psychiatrische Störungen DSM, gegen seine eigene Zunft gerichtet: In seinem neuen Buch "Normal" legt er eine bemerkenswerte Beichte ab.

Je weiter die Psychiatrie voranschreitet, desto weniger Normale bleiben übrig. Einer Studie zufolge erfüllen schon mehr als achtzig Prozent der jungen Erwachsenen die Kriterien für eine psychische Störung. Das sei irre, sagt der US-amerikanische Psychiater Allen Frances. "Die diagnostische Inflation hat dafür gesorgt, dass ein absurd hoher Anteil unserer Bevölkerung heutzutage auf Antidepressiva, Neuroleptika, Anxiolytika, auf Schlaf- und Schmerzmittel angewiesen ist", schreibt er in seinem soeben erschienenen Buch "Normal - Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen".

Vor einer Abschaffung der seelischen Gesundheit haben Kritiker schon vorher gewarnt. Doch mit Frances, 70, meldet sich jetzt jemand zu Wort, der sein ganzes Berufsleben selbst daran beteiligt war, normale Menschen in seelisch Kranke zu verwandeln.

Umstrittener Leitfaden

Allen Frances leitete die Abteilung für Psychiatrie an der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina und pries als bezahlter Redner Produkte der pharmazeutischen Firmen an. Zusätzlich war er bei der American Psychiatric Association (Apa) darin eingebunden, neue seelische Leiden zu erfinden. Die Apa ist mit weltweit 36.000 Mitgliedern die größte Psychiatervereinigung und gibt die Bibel der Seelenheilkunde heraus, das "Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen" (DSM).

Das dicke Handbuch listet Verhaltensweisen auf, die nach Meinung der Apa als offizielle psychische Erkrankung zu gelten haben. Was im DSM steht, beeinflusst auch den ICD-10, jenen Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit dem Ärzte und Psychologen hierzulande abrechnen.

Das DSM bestimmt, wo die Grenze zwischen normal und gesund verläuft. Und das ist eine Grenze, die bisher mit jeder neuen Ausgabe des DSM in den Bereich des Normalen verschoben wurde. Frances hatte an der dritten Auflage (DSM-III) mitgewirkt und war Vorsitzender der Kommission, die die derzeit noch gültige vierte Auflage (DSM-IV) earbeitet hat. In diesem Zeitraum ist die Anzahl der verschiedenen Diagnosen von 182 auf 297 gestiegen. Diese Epidemie der Seelenleiden sei dem Fortschritt der Psychiatrie geschuldet, hieß es immer. Je genauer man forsche, desto mehr Krankheiten entdecke man.

Aus Schüchternheit wird Phobie

Nun aber räumt Insider Frances mit diesem Märchen auf. In Wahrheit seien psychische Störungen aus "praktischer Notwendigkeit, Zufall, allmählicher Verwurzelung, Präzedenz und Trägheit" in das DSM gelangt. "Kein Wunder also", so Frances, "dass die Störungen nach dem DSM ein ziemliches Sammelsurium ohne innere Logik sind und sich teilweise gegenseitig ausschließen."

Als Beispiel beschreibt Frances, wie er und seine Mitstreiter die banale Schüchternheit in die "soziale Phobie" verwandelt haben, heute die dritthäufigste psychische Störung. "Wir hatten alle den Kopf tief im Sand und verschätzten uns grob", räumt er ein. Und leider sei es ihm nicht gelungen, "drei neue falsche Epidemien bei Kindern vorherzusagen oder gar zu verhindern: Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und bipolare Störung". Dabei seien die Kinder heute gar nicht gestörter als früher, gesteht Allen Frances. "Was sich verändert hat, sind die Etiketten".

Laut Frances haben die Psychiater aus ihren Pannen mitnichten gelernt, im Gegenteil, sie würden es von Mai an noch toller treiben. Dann nämlich soll die fünfte Ausgabe des Leitfadens erscheinen, das DSM-5 - aus "der diagnostischen Inflation wird eine Hyperinflation", warnt Frances. Tatsächlich listet das DSM-5 viele neue Diagnosen auf, die die Gefahr bergen, gewöhnliches Verhalten in krankhafte Zustände umzuwandeln.

Gegner fragen sich, warum Frances so lange schwieg

Die normale Trauer wird zur schweren Depression. Schlecht gelaunte, reizbare Kinder haben Aussicht, eine disruptive Launenfehlregulationsstörung (DMDD) attestiert zu bekommen. Die Völlerei gilt künftig ebenfalls als psychische Krankheit namens Fressgelage-Störung ("Binge Eating"-Störung). Tobemarie und Zappelphilip werden erwachsen, weil die Kriterien für ADHS keine Altersbeschränkung mehr haben. Allen Frances prophezeit "Fehldiagnosen bei vielen gesunden Erwachsenen, die mit ihrer mangelnden Konzentration auf die Arbeit unzufrieden sind".

Die Beichte des bekannten Psychiaters könnte helfen, die Seelenheilkunde in vernünftige Bahnen zu lenken. Ärzte und Psychologen sollten jenen Menschen helfen, die tatsächlich seelisch krank sind, und die anderen in Ruhe lassen. Seine Gegner allerdings fragen sich, warum Frances so lange geschwiegen hat.

Er wird just in dem Augenblick vom Saulus zum Paulus, wo seine Tantiemen für ein DSM-IV-Begleitbuch in Höhe von 10.000 Dollar pro Jahr versiegen. Über diese Einkünfte schweigt Frances sich in seinem Buch ebenso aus wie über Details zu seinen Verbindungen zur pharmazeutischen Industrie. Zwei Nachfragen lässt er offen. Er könne nicht einmal einen Computer bedienen und habe keine Unterlagen mehr.

Am Ende kann Allen Frances sich an den Namen keiner einzigen Pharmafirma erinnern, von der er die ganzen Jahre Honorare kassierte. Vielleicht liegt es daran, dass der Psychiater selbst von der Hyperinflation der Diagnosen eingeholt worden ist. Die normale Altersvergesslichkeit wird im neuen DSM als "leichte kognitive Störung" geführt.

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