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Erythrophobie Panik vor dem Erröten

Kris hat Angst zu erröten: Der 29-Jährige leidet an Erythrophobie. Die seltene Störung treibt Betroffene in die soziale Isolation - sie fürchten, von ihren Mitmenschen abgelehnt zu werden. Wie man lernt, mit solchen Ängsten umzugehen, erläutert der Arzt Bernard Croissant.

SPIEGEL ONLINE: Herr Croissant, Sie sind Experte für Angsterkrankungen. Wovor fürchten sich die Menschen?

Croissant: Es gibt verschiedenste Ausprägungen. Ich behandle alles von Panikstörungen bis zu Agoraphobien, also der Angst vor bestimmten Orten, an denen Hilfe nur schwer möglich erscheint. Der Großteil unserer Angstpatienten aber leidet unter sozialen Phobien.

SPIEGEL ONLINE: Also Furcht vor Mitmenschen?

Croissant: Es geht hauptsächlich um Bewertungsängste. Menschen mit einer sozialen Phobie fragen sich: Mache ich mich lächerlich? Machen die sich über mich lustig? In der Schule an die Tafel gehen, Reden halten in kleineren Gruppen - das sind Situationen, die Angst auslösen: Die Angst, negativ bewertet zu werden. Das kann dazu führen, dass sich die Betroffenen total zurückziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Angst krankhaft?

Croissant: Das hängt vom persönlichen Leidensdruck ab. Ängste sind ein wichtiger Teil des Lebens und haben ihre Funktion, sie schützen uns. Die Phobie ist eine extreme Angst und stark ausgerichtet auf bestimmte Situationen - die soziale Phobie eben auf den sozialen Kontext.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht der Rückzug aus?

Croissant: Wichtige Kriterien sind Vermeidung und Vorwände. Krank machen, andere Termine haben, nicht mehr in die Uni gehen, berufliche und private Kontakte vernachlässigen sind beliebte Strategien.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel?

Croissant: Die Erythrophobie, die Angst zu erröten, ist zwar kein häufiges Phänomen, aber mit einem außerordentlich hohen Leidensdruck verbunden. Sie beeinträchtigt stark, weil andere durch das mögliche Erröten die eigene Unsicherheit sofort wahrnehmen könnten. Die Angst, rot zu werden, führt dazu, anderen Menschen aus dem Weg zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Art Abkapselung.

Croissant: Die bis zur totalen sozialen Isolation führen kann. Es droht der Verlust von Freundschaften und Freizeitaktivitäten, aber auch des beruflichen Status. Das ist wirklich dramatisch und kann unbehandelt in Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit oder Frührente münden.

SPIEGEL ONLINE: Werden Ängste mit den Jahren größer?

Croissant: Angsterkrankungen bessern sich selten von allein. Die persönliche Bewältigungsstrategie, also die Vermeidung sozialer Kontakte, verhindert das Lernen von positiven Erfahrungen. Ängste haben also eher die Tendenz sich auszuweiten und zu verschlimmern.

SPIEGEL ONLINE: Ist die soziale Phobie ein Phänomen der heutigen Zeit?

Croissant: Anonymität und Leistungsdruck sind Risikofaktoren und führen zu sozialer Desintegration. Das scheint vor allem bei Schülern und Studenten eine größere Rolle zu spielen. Gesundheitsberichte zeigen eine erhebliche Zunahme psychischer Erkrankungen, darunter vorrangig Angsterkrankungen und Depressionen. Das ist auf jeden Fall ein Phänomen der jüngeren Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie hilfreich oder schädlich ist das Internet?

Croissant: Das Internet kann hilfreich sein. Es gibt Sozialphobiker, die so noch in der Lage sind zu kommunizieren. Manche über Skype, manche nur über E-Mail oder Chats. Langfristig hilft das aber nicht, weil der Offline-Kontakt nicht geübt wird. So kann die Isolation sogar gefördert werden. Um Hilfe zu finden, sind soziale Netzwerke und Foren aber ein großer Vorteil, viele stoßen so auf unsere Klinik.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten nach einem verhaltenstherapeutischen Ansatz: Bei dem Konfrontationsmodell geht es darum, sich seinen Ängsten auszusetzen. Ist das nicht abschreckend?

Croissant: Nur wenn man sich Ängsten stellt, lernt man, dass sie auch wieder abnehmen. Wir nennen das Habituation, eine Art Gewöhnungsprozess. Angst auszuhalten und zu spüren, dass nichts Schlimmes passiert, ist eine sehr wertvolle Erfahrung für unsere Patienten. Wenn man ein paar Mal erlebt hat, dass Ängste wieder weggehen, ist die Angst vor der Angst nicht mehr da.

SPIEGEL ONLINE: Wie übt man, keine Angst zu haben?

Croissant: Wir üben nicht, keine Angst zu haben, sondern mit Angst anders umzugehen, wodurch sie langfristig weniger wird. Dies tun wir genau in den Situationen, die Angst bereiten. In der Schule, am Arbeitsplatz, in Menschenmengen, im Flugzeug. Natürlich nur, wenn der Patient einverstanden ist. Der Patient bestimmt alles, er soll sein eigener Experte werden. Später sind wir ja auch nicht mehr da.

SPIEGEL ONLINE: Ist Angst heilbar?

Croissant: Angsterkrankungen lassen sich in einem stationären intensivtherapeutischen Setting in vier bis fünf Wochen gut behandeln. Von heilen möchte ich nicht sprechen, denn Ängste sind ja etwas Natürliches. Es ist gesund, vor einem Abgrund Angst zu haben. Das Ziel ist ein normaler Umgang mit Ängsten. Die Ängste sind also am Ende noch da, aber sie schränke nicht mehr ein.

Das Interview führte Anne Backhaus
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