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07. Mai 2017, 10:58 Uhr

Panikstörungen

Angst, der alte Gorilla

Von Manuel Stark

Wenn Isabell nachts aufwachte, überfiel sie oft Todesangst. Zum Schutz vor den Panikattacken schlief sie kaum noch. In einer Therapie lernt die Studentin, dass sie ihre Gefühle steuern kann.

Es beginnt immer gleich: Isabells Herz hämmert schneller. Immer härter drischt es gegen ihre Brust. Dann hört sie das Blut. Es rauscht wild durch ihre Adern. Verzweifelt ringt sie nach Luft. Sie scheint nur noch aus einem einzigen Gefühl zu bestehen: Panik.

Zehn Minuten dauert der vermeintliche Todeskampf, dann hört es auf. Isabell bleibt erschöpft zurück, ihre Kleidung ist schweißgetränkt.

Die 23 Jahre alte Studentin aus Würzburg ist eine von mehr als drei Millionen Betroffenen in Deutschland, die an einer akuten Panikstörung leiden. "Es gibt keine einzelne Ursache dafür, sondern eine Ursachen-Kaskade", sagt Peter Zwanzger, Chefarzt für Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik in Wasserburg am Inn. "Zum einen gibt es die individuelle Veranlagung, zum anderen spielen auch psychologische Faktoren eine Rolle."

"Jede Panik ist anders"

Bei einer Panikstörung handle es sich zwar nicht um eine Erbkrankheit, dennoch könne eine bestimmte erbliche Veranlagung ihr Aufkommen begünstigen oder erschweren. Zu den psychologischen Faktoren zählt Zwanzger beispielsweise Kindheitstraumata, aber auch alltägliche Erfahrungen wie Angst um den Arbeitsplatz oder Trennung vom Partner. "Jede Panik ist anders, genau wie jeder Mensch", erklärt er. "Es gibt keinen klassischen Fall, aber klassische Symptome."

Isabells Panikattacken kommen jedes Mal scheinbar ohne Grund, mal am Tag, häufig in der Nacht. Jede kündigt sich ihr durch eine viel bewusstere Wahrnehmung ihrer Körperfunktionen an. "Es ist richtig unheimlich. Ich höre mein eigenes Herz laut schlagen, spüre mein Blut fließen", erzählt sie. Sie sitzt auf ihrem Bett. Hier überkommt die Panik sie am häufigsten. Wenn sie nachts aufsteht, weil sie auf die Toilette muss oder Durst hat, erwacht auch die Angst.

"Mein ganzer Körper funktioniert schneller, lauter, aktiver", beschreibt Isabell diese Momente. "Am Anfang fühle ich mich, als hätte ich zu viel Sport gemacht. Aber anstatt wieder runterzukommen, dreht mein Körper weiter auf, bis ich glaube, jeden Moment zu kollabieren. Und dann, noch ein Stück weiter, kommt der Punkt, an dem ich sicher bin: Ich sterbe."

Todesangst durch Adrenalinsturm

Die Todesangst, die Isabell beschreibt, entsteht physiologisch gesehen durch die Ausschüttung von Stresshormonen. "Adrenalin überschwemmt bei einer Panikattacke den Körper und führt häufig zu abwechselnden Hitze- und Kälteschauern sowie zu Herzrasen", erklärt Katharina Domschke, ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Freiburg. Eine heftige Panikattacke sei eine Art "Adrenalinsturm", der durch den Körper tose. Solche Mengen des neuronalen Botenstoffs werden normalerweise nur ausgeschüttet, wenn unser Leben in Gefahr ist.

Bei einer Panikattacke reichen schon subtile Vorstellungen aus, damit das vegetative Nervensystem die Hormone ausschüttet, so Domschke. Dass Isabell ihre Attacken oft im Zustand zwischen Schlafen und Wachsein erleidet, ist für die Ärztin verständlich. Das vegetative Nervensystem reagiere dann empfindlich. Auch die Todesangst sei üblich: "Viele Betroffene haben das Gefühl, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren und geraten immer weiter in Panik", erklärt die Ärztin.

Die Folge: Angst vor der Angst. Die Furcht vor den Panikattacken steigerte sich bei Isabell so weit, dass sie nachts nicht mehr schlafen gehen wollte. Sie sah sich Serien an oder las Bücher, oft so lange, bis sie vor Erschöpfung wegdämmerte. Wo andere aus Angst vor Alpträumen den Schlaf scheuen, fürchtete sie sich vor dem Aufwachen. "Es gab Wochen, in denen ich während sieben Tagen zusammen weniger als 20 Stunden geschlafen habe", erzählt Isabell. "In der Uni war ich unkonzentriert, privat zu kaputt, um etwas mit Freundinnen zu machen. Es dauerte nur ein paar Wochen, dann war ich allein."

Besser wurde es dadurch nicht. Im Gegenteil, die Attacken kamen immer häufiger.

Peter Zwanzger kennt viele Fälle, in denen die Angst vor der Angst das Leben bestimmt. "Angststörungen führen häufig zu einem Vermeidungsverhalten ", sagt der Psychiater.

Daher ist es in der Therapie so wichtig, sich den Reizen zu stellen, die die Angst auslösen. Diese Konfrontationen finden üblicherweise in einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) statt. Dort gelte es, die Kontrolle über die Gefühle zu erlangen, erklärt Zwanzger. "Der Betroffene muss lernen, dass der schnelle Herzschlag nicht für eine Gefahr steht, sondern sich bald wieder verlangsamt. So kann er den Zyklus der sich selbst steigernden Angst unterbrechen."

Medikamente und Psychotherapie

In einer KVT lernen Patienten, wie sie mit Panikattacken besser umgehen können. Eine Übung, die Katharina Domschke empfiehlt, ist, einige Symptome hervorzurufen und nachzustellen: Etwa Schwindelgefühl mithilfe eines Drehstuhls, oder schnellen Herzschlag durch Sportübungen. Wenn die Panikattacke kommt, können sich die Patienten an die Übungen erinnern und aus dem Gedächtnis abrufen, dass sich der Körper auch in einem anderen Kontext so angefühlt hat, und das hilft.

Ist die Angst vor der Angst schon zu heftig ausgeprägt, könne auch die Einnahme von Medikamenten helfen, sagt Domschke. "In der modernen Medizin verwenden wir Antidepressiva, die nicht abhängig machen und gut verträglich sind", sagt die Ärztin. Trotzdem brauche es zusätzlich immer die Psychotherapie. "Die beste Lösung ist, beides zu nutzen."

Peter Zwanzger empfiehlt Antidepressiva nur dann, wenn die Angst vor der Angst den Alltag beherrscht oder so groß ist, dass die Patienten sich sonst nur schwer auf die Psychotherapie einlassen. "Im Laufe eines Lebens kann es trotzdem immer wieder zu Angstepisoden kommen", sagt Zwanzger. Betroffene lernen durch die KVT deswegen Techniken, um die Panik unter Kontrolle zu halten.

Angst tut sich schwer gegen Lachen

Auch Isabell ging ein halbes Jahr lang zur Therapie. Sie traf sich einmal in der Woche mit einer Psychologin und lernte von ihr Sportübungen und "Seelenmantras". So nennt Isabell die Sätze, die sie eingeübt hat und vor sich her sagt wie ein Gebet, wann immer eine Attacke kommt.

"Alter Affe Angst", ist so ein Satz. Während sie ihn aufsagt, stellt sich Isabell die Angst als einen Gorilla vor, setzt ihm einen lächerlich großen Hut auf oder verziert ihn mit Lippenstift und Nickelbrille. "Das lenkt mich ab und hilft mir, mich zu beruhigen." Angst tut sich schwer gegen Lachen.


Dieser Text gehört zum Projekt "Was Angst macht" der Deutschen Journalistenschule. Die Schüler der Lehrredaktion 55K wollen die Krankheiten damit fassbar machen und sie in all ihren Schattierungen zeigen.

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