Psychologie Warum wir überall Gesichter sehen

Auf dem Mars, im Käsetoast oder in der Hausfassade: Menschen erkennen Gesichter an Orten, an denen eigentlich keine sein sollten. Sogar im Mutterleib verfolgen Babys entsprechende Muster.

DPA

Das kennt fast jeder: Plötzlich sieht man irgendwo ein Gesicht, wo eigentlich keines ist. Das Phänomen ist ein beliebtes Phänomen auf Fotografien: Auf Twitter folgen mehr als 600.000 Menschen der Seite "Faces in Things" ("Gesichter in Dingen"). Dort werden Bilder von grimmig dreinschauenden Putzmobs oder langnasigen Kleiderhaken veröffentlicht.

In der Fachsprache heißt der Effekt Pareidolie. Forscher beschäftigen sich seit Jahren mit dem Phänomen. "Pareidolie ist phänomenologisch und experimentell ausgiebig untersucht worden", sagt Rainer Mausfeld von der Universität Kiel. Kanadische und chinesische Forscher gewannen beispielsweise 2014 den Ig-Nobelpreis, der für kuriose und gleichzeitig seriöse Forschung vergeben wird. Sie hatten untersucht, was bei Pareidolie im Gehirn passiert.

"Para" steht im Griechischen für neben oder gegen und "Eidolon" für Bild oder Form. Pareidolie beschreibt beispielsweise auch, warum Menschen in Wolken Formen erkennen. Verantwortlich dafür ist die Autovervollständigung in unserem Gehirn: Um all die Eindrücke, die täglich auf uns einwirken, verarbeiten zu können, ist es darauf ausgerichtet, Dinge wiederzuerkennen. So können wir Situationen schneller einordnen und in Sekundenbruchteilen reagieren.

Schon Säuglinge nehmen Gesichter wahr

Der emeritierte Wahrnehmungspsychologe Mausfeld erklärt, was hinter dem Effekt steckt: Für den Menschen und seine sozialen Interaktionen sei es extrem wichtig, Gesichter auch als solche zu erkennen, sagte er. "Für sozial organisierte Lebewesen ist es das wichtigste Konzept zum Andocken an 'meinesgleichen'." Schon Säuglinge seien in der Lage, Gesichter wahrzunehmen.

Vor einigen Monaten hatten britische Forscher berichtet, dass Babys bereits im Mutterleib eine Vorliebe für Gesichter haben. Sie hatten Schwangeren im letzten Drittel der Schwangerschaft mit Licht Muster auf die Bauchdecke projiziert, die stark vereinfacht und schematisiert an ein Gesicht erinnerten. Die ungeborenen Babys verfolgten die "Gesichter" durch Drehung ihres Köpfchens, wenn die Wissenschaftler das Lichtbild über die Bauchdecke bewegten. Projizierten die Forscher das Lichtbild verkehrt herum auf die Bauchdecke, taten die Babys das nicht.

Bei Gesichtern ist das Gehirn großzügig

Da Gesichter für das Zusammenleben so wichtig sind, entscheidet das Gehirn recht großzügig, ob ein bestimmter Anblick als Gesicht zu werten ist. Der Psychologe Mausfeld drückt es so aus: "Die Aktivierungsbedingungen für das uns biologisch vorgegebene Konzept 'Gesicht' sind sehr breit angelegt und umfassen geometrische Konstellationen, die nur sehr grob mit einem wirklichen Gesicht Ähnlichkeit haben."

Deshalb können Menschen beispielsweise in einer Hausfassade ein Gesicht erkennen, ein Auto lächeln oder den Betonpoller grimmig gucken sehen. Manchmal hat Pareidolie aber auch extreme Folgen: So wurde im Jahr 2004 eine angebissene, zehn Jahre alte Käsebrotscheibe für 28.000 US-Dollar versteigert, auf der mit etwas Fantasie das Antlitz der Jungfrau Maria zu erkennen war.

Das wohl bekannteste Beispiel ist das "Gesicht auf dem Mars". Die Nasa-Sonde "Viking 1" hatte 1976 Fotos von der Oberfläche des Roten Planeten gemacht. Auf einem der Bilder war deutlich ein Gesicht zu erkennen - inklusive Augen, Nase und Mund. Verschwörungstheoretiker sahen das als Beweis für intelligentes Leben auf dem Mars.

Das Interesse war so groß, dass die Nasa rund 25 Jahre später eine weitere Sonde auf das Gesicht ansetzte. Die wesentlich höher aufgelösten Fotos des "Mars Global Surveyor" zeigten deutlich: Das Gesicht ist eine Felsformation, die aus einem anderen Winkel aufgenommen keinerlei menschliche Züge trägt. 2006 nahm die Esa-Sonde "Mars Express" das Gebilde in 3D auf - und entzog damit jeglicher Legendenbildung die letzte Grundlage.

Valentin Frimmer, dpa/brt

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