Psyche und Gesundheit "Frauen leiden unterm Pendeln mehr als Männer"

Viele Menschen verbringen täglich Stunden auf dem Arbeitsweg. Welche gesundheitlichen Folgen das haben kann und wie man das Pendeln möglichst angenehm gestaltet, erklärt ein Psychologe.
S-Bahn in Berlin (Archivbild)

S-Bahn in Berlin (Archivbild)

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Herr Zacher, unter Ärzten und Psychologen hat das Pendeln eher einen schlechten Ruf. Warum?

Zacher: Pendeln hat positive und negative Seiten. Um mit dem Positiven zu beginnen: Erwerbstätige können sich beruflich eher selbst verwirklichen, wenn sie durchs Pendeln einen Job ausüben, den es an ihrem Wohnort nicht gibt.

Zur Person
Foto: Universität Leipzig/ Swen Reichh

Hannes Zacher forscht und lehrt an der Universität Leipzig als Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie.

SPIEGEL ONLINE: Und die Nachteile?

Zacher: Bei längeren Strecken leidet die physische und psychische Gesundheit. Pendeln kann sehr passiv sein. Die Zeit, die in Zügen oder Bussen verbracht wird, empfinden Menschen oft als verschenkt. Hitze im Sommer, Lärm und Enge sind zudem Stressfaktoren. Im Winter steigt im öffentlichen Nahverkehr das Risiko, sich mit einer Erkältung anzustecken, wenn alle niesen und husten. Wer täglich lange im Auto oder im Zug sitzt, den plagen möglicherweise eher Rückenschmerzen.

SPIEGEL ONLINE: Was stört denn besonders beim Pendeln?

Zacher: Akuten Stress bereiten Probleme, die man selbst nicht beheben kann - Züge, die zu spät kommen oder ausfallen; Baustellen, die Staus verursachen. Die körperliche Reaktion darauf ist bei Pendlern messbar: Der Puls rast, der Blutdruck steigt. Hat jemand sowieso schon Herzprobleme, ist das sehr ungesund.

SPIEGEL ONLINE: Was hilft, wenn man sich gerade über eine Verspätung aufregt?

Zacher: Man kann zumindest versuchen, die negativen Gefühle abzumildern, sich auf etwas Positives zu konzentrieren und die Situation zu akzeptieren. Wenn sich der Zug um zehn Minuten verspätet, geht die Welt nicht unter! Falls es möglich ist, hilft ein Plan B: Kommt zum Beispiel die Bahn nicht, gehe ich eben bis zur nächsten Station zu Fuß und steige dort ein. Aktiv sein und den Arbeitsweg zumindest teilweise mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu bewältigen, ist auch wegen der körperlichen Gesundheit empfehlenswert.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit für den Arbeitsweg ist zu viel?

Zacher: Schwierig wird es, wenn die einzelne Strecke mehr als 45 Minuten Zeit beansprucht. Das ist natürlich ein Mittelwert. Manche leiden schon unter 20 Minuten, andere pendeln zwei Stunden, ohne dass es ihnen viel ausmacht. Im Durchschnitt leiden Ältere mehr unterm Pendeln als Jüngere und Frauen mehr als Männer.

SPIEGEL ONLINE: Wieso stört es Frauen mehr, wenn sie pendeln?

Zacher: Weil sie immer noch mehr im Haushalt machen und sich mehr um die Kinder kümmern. Die Zeit, die durch das Pendeln wegfällt, belastet sie deshalb stärker. Es verstärkt den Konflikt, gleichzeitig einen Beruf auszuüben und sich um die Familie zu kümmern. Die Lebenssituation hat insgesamt einen wichtigen Einfluss: Wenn jemand kleine Kinder hat oder zum Beispiel kranke Eltern pflegt, dann wird der Zeitverlust durchs Pendeln noch negativer empfunden.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal liegen Arbeits- und Wohnort so weit auseinander, dass Berufstätige zum Wochenstart und -ende pendeln. Ist das ähnlich stressig wie tägliches Pendeln?

Zacher: Wer nur das Wochenende mit Partner oder Familie verbringen kann, hat nicht nur die Belastung durchs Pendeln, sondern ist oft schlicht abwesend. Nur über Skype am Familienleben teilzunehmen, ist schwierig. Da kann die Balance zwischen Beruf und Familie schnell kippen. Solche Pendler sind dann auch häufiger geschieden. Sitzt jemand jede Woche im Flugzeug, kommt die Belastung durch die UV-Strahlung als gesundheitliches Risiko dazu. Meiner Einschätzung nach wiegen aber die sozialen Probleme schwerer.

SPIEGEL ONLINE: Manche Menschen entscheiden sich ohne Zwang dafür, längere Strecken zu pendeln, etwa weil sie in der Stadt arbeiten, aber auf dem Land wohnen wollen. Die dürfen sich doch eigentlich nicht beklagen.

Zacher: Es spielt eine Rolle, ob das Pendeln selbstgewählt ist oder nicht. Wer das Gefühl hat, die Kontrolle über eine Situation zu haben, kommt damit besser zurecht. Trotzdem können auch diese Menschen unterm Pendeln leiden.

SPIEGEL ONLINE: In der Bahn oder im Auto zu sitzen, ist ja nicht zwingend verlorene Zeit, man kann sie sinnvoll nutzen.

Zacher: Das ist ein wichtiger Punkt. In der Bahn kann man lesen, im Auto einem Hörbuch lauschen. Vielleicht sogar eine neue Sprache lernen. Bei einigen Berufen ist es möglich, im Zug zu arbeiten. Eventuell erkennt der Arbeitgeber sogar einen Teil der mit dem Pendeln verbrachten Zeit als Arbeitszeit an. Allerdings tun sich Arbeitgeber nach meiner Erfahrung damit bislang schwer.

SPIEGEL ONLINE: Was können Arbeitgeber tun, um Pendlern das Leben etwas leichter zu machen?

Zacher: Wichtige Meetings nicht gleich frühmorgens ansetzen. Dann erzeugt es weniger Druck, wenn sich Pendler mal um ein paar Minuten verspäten. Flexible Arbeitszeiten helfen natürlich. Und wenn es an manchen Tagen möglich ist, Arbeit von zu Hause zu erledigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie eigentlich zur Arbeit?

Zacher: Ich brauche nur zehn Minuten mit der Straßenbahn oder eine halbe Stunde zu Fuß. In letzter Zeit gehe ich die Strecke häufiger, weil ich bereits einen Großteil meiner Aufgaben im Sitzen erledige und so mehr Bewegung in meinen Alltag kommt.