Per Mertesacker Warum Stress auf den Magen schlägt

Durchfall, Durchfall, Durchfall, und schließlich Brechreiz: Wenn Druck und Anspannung steigen, reagiert der Körper - so hat es jetzt auch Per Mertesacker im SPIEGEL beschrieben. Wie kann man mit Stress besser umgehen?
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Der Brechreiz komme vier bis fünf Sekunden vor dem Anpfiff, erzählt Per Mertesacker im aktuellen SPIEGEL . "Ich muss dann einmal so heftig würgen, bis mir die Augen tränen." Um nicht aufs Spielfeld zu brechen, esse er vier Stunden vor den Spielen nichts. Es ist die letzte Reaktion seiner Verdauung auf den enormen Druck, der sich vor jedem Anpfiff aufbaut.

Rund 500 Spiele hat Mertesacker als Profifußballer absolviert. Jeder Spieltag begann mit dem gleichen Muster: Nach dem Aufstehen eilte er auf die Toilette, Durchfall. Durchfall auch nach dem Frühstück, dem Mittagessen, der Ankunft im Stadion. Noch nie hat ein Fußballer so offen über Folgen des Drucks gesprochen. Auch untereinander seien die Probleme kein Thema, sagt Mertesacker. Aber: Zur Toilette eilten am Spieltag alle.

Was Mertesacker beschreibt, ist die extreme Folge natürlicher Stressreaktionen. Steigt die Anspannung, bereitet sich unser Nervensystem auf einen Kampf vor. Das sorgt dafür, dass sich das Herz häufiger zusammenzieht und steigert die Durchblutung unserer Muskeln. Daneben bremst es jedoch auch die Verdauung aus, drosselt ihre Blutversorgung, um die Energie anders zu nutzen. Dadurch kann es passieren, dass sich der Körper entleert - in beide Richtungen.

"Rund 15 Prozent der Menschen können sich nicht an Stress gewöhnen"

Während Prüfungssituationen profitiert unser Körper von dieser Anspannung, Konzentration und körperliche Leistungsfähigkeit steigen. Nimmt der Stress jedoch schon vorher Überhand, wird er zum Problem. "Das kennen viele aus Prüfungsphasen. Im besten Fall muss man nur häufiger pinkeln, schlimmstenfalls kommen aber auch Durchfall und Brechreiz dazu. Bei anderen wiederum rast das Herz", sagt Markus Heinrichs von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Ab und an unter Stress zu leiden, ist nichts Ungewöhnliches. "Rund 15 Prozent der Menschen können sich jedoch kaum oder gar nicht an immer gleiche Stresssituationen gewöhnen", sagt Heinrichs. Darunter fällt zum Beispiel der Lehrer, der während seines Studiums merkt, dass ihm schlecht wird, wenn er vor die Klasse gehen muss. Jahre später zeigt sein Körper immer noch jedes Mal die gleiche Alarmreaktion.

"Man muss bei Ferndiagnosen vorsichtig sein. Aber es scheint, als hätte sich auch Per Mertesacker in den 15 Jahren als Profifußballer nicht an die immer wiederkehrenden Stresssituationen anpassen können", sagt Heinrichs. Was folgt, sind nicht nur die körperlichen Reaktionen - sondern auch die Angst vor ihnen.

Nach dem Anpfiff im Tunnel

"Was Mertesacker Sekunden vor dem Anpfiff beschreibt, ist kein wirkliches Erbrechen, sondern die Angst vor dem Erbrechen", sagt Heinrichs. Das erklärt auch, warum die Probleme mit dem Anpfiff verschwinden. "Buff, voll da", beschreibt Mertesacker seine Leistungsfähigkeit mit Spielbeginn. "Dann ist der Fokus auf das Spiel gelenkt", sagt Henrichs. Endlich kommen ihm die Stressreaktionen zugute, unter denen er vorher leidet.

"Das Tragische an der Geschichte: Er hätte den Leidensweg nicht gehen müssen", sagt Heinrichs, der die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für stressbedingte Erkrankungen leitet. "Er hat 15 Jahre lang unter Symptomen gelitten, die eigentlich behandelbar sind. Selbst körperliche Stressreaktionen wie Durchfall und Brechreiz lassen sich in den Griff bekommen."

Das Ziel einer solchen Therapie - etwa auch für den Lehrer mit Angst vor der Klasse - ist nicht, gar keinen Stress mehr zu empfinden. "Der Körper braucht die Reaktionen, den Anstieg von Stresshormonen, den schnelleren Puls. Wenn wir das nicht mehr haben, werden wir auch krank", sagt Heinrichs. Stattdessen zeichnet sich ein gutes Stressmanagement dadurch aus, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt: Wie viel Stressreaktionen brauche ich, um in einer Prüfungssituation gut zu funktionieren?

Verordnetes Genusstraining

"Wenn bei jemanden schon zwei bis drei Stunden vorher die Stresshormone erhöht sind, dann sind die Kosten zu hoch. Dann muss man lernen, den Stress zu regulieren", erklärt der Experte. Was dem Einzelnen hilft, ist individuell sehr unterschiedlich. "Es ist heute nicht mehr so, dass wir alle Betroffenen ins Autogene Training oder zum Achtsamkeitskurs schicken. Neben Entspannungsmethoden sind vor allem kognitive Techniken wichtig, die mit einem anderen Denken zu tun haben sowie mit Emotionskontrolle."

Eine Strategie beschreibt Mertesacker im SPIEGEL. Ihm hilft es, mit Freunden in Kanada fischen zu gehen oder sich im Harz zum Bolzen zu treffen. "Oft verordnen wir den Betroffenen zum Beispiel ein Genusstraining, bei dem sie wieder lernen, angenehme Dinge für sich zu erleben und die Situationen, die Stress auslösen, auch mal komplett außen vor zu lassen", sagt Heinrichs.

Aus Sicht des Psychologen war Mertesackers Schritt an die Öffentlichkeit sehr bewusst gewählt - und mutig. "Wichtig ist jetzt, dass sich daraus Konsequenzen ergeben - gerade, weil er selbst in die Jugendförderung wechseln möchte", sagt er. Schon die 12- bis 14-Jährigen in den Nachwuchsleistungszentren sollten aufgeklärt werden - über Stressreaktionen und darüber, wie sie sich verändern lassen.

Im Video: Was hilft gegen Stress?

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