Weiblicher Zyklus Der Mythos von der prämenstruellen Zicke

Das Klischee hält sich hartnäckig: In den Tagen vor ihrer Menstruation sind Frauen besonders launisch. Forscherinnen schüren jetzt mit mehreren Studien Zweifel am prämenstruellen Phänomen.
Jetzt hör' mir mal zu: Forscher zweifeln am prämenstruellen Syndrom

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Foto: Corbis

"Wann würde eine Frau am ehesten jemanden töten? A: in der Woche vor ihrer Regelblutung, B: während ihrer Periode oder C: in der Woche danach?", fragt das Partyspiel "Therapy" überspitzt auf einer Quizkarte. Die richtige Antwort ist dem Spiel zufolge A: In den Tagen vor der Menstruation seien Frauen besonders launisch.

Klischee oder Realität? Diese Diskussion nimmt jetzt Fahrt auf. Während für Gynäkologen das prämenstruelle Syndrom, kurz PMS, ein gängiges Phänomen ist, zweifelt ein Forscherteam aus Kanada und Neuseeland nun an dessen Existenz.

PMS scheint keine Erfindung der modernen Medizin zu sein. Bereits Hippokrates berichtete von Frauen mit monatlichen Unruhezuständen, die sich vom Kopf in die Gebärmutter bewegen. Der Begriff umschreibt keine Erkrankung, sondern eher eine Sammlung von Beschwerden, die Frauen in den Tagen vor ihrer Monatsblutung erleben. Die Betroffenen sind demnach niedergeschlagen, reizbar, klagen über Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Rund jede vierte Frau leidet laut Experten unter solchen Stimmungstiefs.

Die Gruppe aus Medizinerinnen und Psychologinnen hält dagegen: In einer Übersichtsarbeit  zeigten sie, dass in den vergangenen 200 Jahren Forschung zum weiblichen Zyklus nur einige wenige Studien überhaupt eine Verbindung zwischen der Stimmung von Frauen und ihrem Monatszyklus nachweisen konnten. Wie gut eine Frau gelaunt ist, hat nichts mit ihrem Zyklus zu tun, schließen sie aus den Ergebnissen.

47 Studien mit 4000 Frauen analysiert

Für ihre Arbeit hatten die Forscherinnen 47 englischsprachige Studien mit den Daten von mehr als 4000 Frauen analysiert, die noch nicht wegen vorperiodischen Beschwerden beim Arzt in Behandlung waren. Die Ergebnisse überraschen: Nur in sieben der 47 Studien waren die Frauen in den Tagen vor der Menstruation deutlich häufiger niedergeschlagen.

In 18 Studien, also bei mehr als einem Drittel, fanden die Forscher keinen Zusammenhang zwischen der Stimmung der Frauen und irgendeiner Zyklusphase. Ebenso viele Studien bezeugten, dass schlechte Stimmung mit den Tagen vor der Regel verbunden ist, aber auch in der Woche während oder nach der Periode gehäuft vorkommt. Vier Studien zeigten sogar nur eine Verknüpfung zwischen schlechter Laune und diesen Phasen.

Das Fazit der Forscherinnen: PMS ist ein Mythos. Leserinnen eines neuseeländischen Online-Frauen-Magazins sehen das anders. Auf Chatelaine empörte sich eine Nutzerin über die PMS-Studien : "Ich kenne meinen Körper und ich weiß mit Sicherheit, dass meine Laune eine Menge mit meinem Menstruationszyklus zu tun hat", schreibt sie.

Forschungsfrage: Fühlen Sie sich selbstbewusst?

In einer weiteren Studie mit 76 Frauen  bestätigten die Forscherinnen und andere Kollegen jedoch das Ergebnis der Übersichtsarbeit. Sechs Monate lang sollten die Teilnehmerinnen täglich auf einem mobilen Computer einschätzen, ob sie sich selbstbewusst und energiegeladen fühlen oder eher ängstlich und reizbar. Zusätzlich wurden sie gefragt, wie es ihnen gesundheitlich geht, wie viel Stress sie haben und wie sehr sie von ihrer Familie und Freunden unterstützt werden.

Nur einige der abgefragten Variablen, mit denen die Forscher die Stimmung erfassten, hingen überhaupt mit dem Zyklusverlauf zusammen - dann aber meist auch nur mit der Regelblutung. In der Zeit vor der Menstruation waren die Teilnehmerinnen nicht deutlich negativer gestimmt. Viel mehr hing ihre Laune vom Stress, dem sozialen Umfeld und der körperlichen Gesundheit ab.

"Das Konzept PMS vermittelt zudem das Bild, als wäre jegliche Stimmung von Frauen mit ihren Hormonen verknüpft", kritisieren Gillian Einstein von der kanadischen University of Toronto und ihre Kolleginnen. In einer dritten Studie  kamen sie abermals zu einem gegenteiligen Ergebnis. Zwar hingen der Östrogen- und Progesteronspiegel der Studienteilnehmerinnen vereinzelt mit der Stimmungslage zusammen. Erlebter Stress und die Gesundheit beeinflussten die Laune der Frauen jedoch deutlich stärker.

Also nur ein Märchen? Wahrscheinlich auch nicht ganz

Ist PMS also tatsächlich ein Märchen? Die Psychologin Almut Dorn hat sich auf gynäkologische Themen spezialisiert und berichtet anderes aus ihrer Praxis: "Einigen Frauen geht es drei Wochen im Monat gut, in der Woche vor ihrer Periode hingegen kommen sie nicht mit ihrem Alltag zurecht. Dabei haben sie keine stressigere Arbeit und die gleiche Unterstützung durch die Familie wie zuvor." Dorn sträubt sich gegen eine kategorische Einteilung in "gibt es" und "gibt es nicht".

"Wenn eine Patientin bei mir über prämenstruelle Beschwerden klagt, kann ich ihr doch nicht sagen 'Das gibt es nicht'." Ähnlich sieht es auch der gynäkologische Endokrinologe Michael Ludwig, der seit 16 Jahren Frauen behandelt - auch solche mit PMS. Die Ergebnisse bedeuten für ihn nicht, dass keine Symptome vor der Periode existieren. "Die Forschung hat auch gezeigt, dass die Einnahme der Pille weder die Libido, noch das Gewicht, die Haut oder gar die Stimmung verändert. Faktisch kommen aber immer wieder Frauen in die Praxis und berichten von eben jenen Veränderungen, die sie auf die Einnahme des Verhütungsmittel zurückführen", sagt Ludwig.

Statistische Maße - keine individuelle Fallgeschichten

"Wir berichten von statistischen Maßen, nicht von individuellen Fallgeschichten", entgegnet Einstein. "Sicherlich gibt es auch Frauen, die in den Tagen vor ihrer Periode eine negative Stimmung oder körperliche Beschwerden haben." Manche Frauen würden womöglich unter einer Prämenstruellen Dysphorischen Störung (kurz: PMDS) leiden. Dabei handelt es sich um eine schwere Form von PMS, die ab 2013 sogar im neuen Psychiater-Handbuch DSM-5 steht. Schätzungen zufolge tritt sie bei bis zu acht von 100 Frauen auf.

Die Forscherinnen rütteln nicht so sehr am prämenstruellen Phänomen selbst, sondern vielmehr am Klischee, das darum entstanden ist. Die meisten Frauen haben wohl schon Sätze wie "Warum so zickig, kriegst du deine Tage?" gehört. Die Forscherinnen sehen statt einem körperlichen ein gesellschaftliches Problem: PMS sei ein Phänomen der westlichen Kultur und entstehe durch die negative Einstellung der Frauen zu ihrer Periode. "Frauen müssen ihre Menstruation geradezu verstecken", meinen die Wissenschaftlerinnen. Viele würden sich inzwischen von ihrem Frauenarzt gezielt die Pille verschreiben lassen, um die Regelblutung zu verkürzen oder damit diese ganz ausbleibt.

Aber auch das erlebt Psychologin Almut Dorn anders: "Nicht wenige Frauen wollen ihre Periode haben. Für sie hat das was mit Weiblichkeit zu tun."

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