Kinder- und Jugendpsychiater "Abhängigkeit von sozialen Medien gibt es nicht"

Von Michael Schulte-Markwort
WhatsApp, Instagram, Facebook: Experten warnen vor der Suchtgefahr des Internets. Der Kinder- und Jugendpsychiater Schulte-Markwort kontert: "Hören wir auf, unseren Kindern Probleme einzureden."
Foto: Maskot/ Getty Images/Maskot

"100.000 Teenager sind süchtig nach sozialen Medien", schrieben kürzlich die "Süddeutsche Zeitung", die "Welt" und "Focus", "Süchtig nach Instagram und Co.", hieß es beim ZDF. Auch SPIEGEL ONLINE berichtete, dass die Krankenkasse DAK auf Basis einer telefonischen Befragung von 12- bis 17-Jährigen vor Social-Media-Sucht warne.

Diese Nachricht bestätigte vor allem zwei Vorannahmen:

  • 1. Wir wissen alle, wie gefährlich soziale Medien für unsere Kinder sind.
  • 2. Kinder und Jugendliche werden immer kränker.

Als Kinder- und Jugendpsychiater finde ich es empörend, mit welcher Leichtfertigkeit die Verantwortlichen dieser Studie die Ergebnisse interpretieren. Es ist wohl richtig, dass 2,6 Prozent der untersuchten Kinder Probleme im Umgang mit sozialen Medien haben. Nur diese Zahl zu kommunizieren, ist allerdings nachlässig. Und bedient elterliche Ängste.

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Foto: Nina Grützmacher

Professor Michael Schulte-Markwort, Jahrgang 1956, ist Kinder- und Jugendpsychiater am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und leitet dort das Zentrum für psychosoziale Medizin. Er beschäftigt sich viel mit dem Thema Burn-out bei Kindern und Jugendlichen und den Folgen elterlichen Ehrgeizes.

Immer wieder erlebe ich, dass Kollegen mit großem Aufwand und zum Teil seit vielen Jahren vor den schwerwiegenden Folgen unserer digitalen Welt auf die Kinder warnen: 2012 erschien von dem Psychiater Manfred Spitzer das Buch "Digitale Demenz - wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen" und 2015 veröffentlichte der Suchtexperte Bert Te Wildt "Digital Junkies - Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder".

Allein: Weder sind unsere Kinder in diesen fünf Jahren verdummt, noch spielt Internetabhängigkeit eine große Rolle.

Heimlichkeit ist normal

Um eines deutlich zu sagen: Die Diagnose einer Abhängigkeit von sozialen Medien gibt es gar nicht. Trotzdem wurde eine solche im Fall der DAK-Studie so interpretiert, weil 34 Prozent angaben, soziale Medien zu nutzen, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen. 14 Prozent nutzen soziale Medien demnach häufig heimlich, 13 Prozent sind unfähig, die Nutzung zu stoppen.

Aber mal ehrlich: Halten wir es für verdächtig, wenn sich Zeitungs- oder Briefleser dadurch ablenken möchten? Machen Kinder nicht so einiges heimlich, ohne dass wir nach irgendeinem Zusammenhang mit Sucht suchen? Und: Wie suspekt finden wir es, dass 87 Prozent aller Kinder die Nutzung stoppen können?

Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass unsere Kinder einsamer werden. Wir alle verändern die Welt, haben weniger direkten Kontakt, sind dafür aber schneller und unmittelbarer im Austausch. Sind wir alle deshalb psychisch auffällig?

Selbst für die im amerikanischen Klassifikationssystem DSM-V erstmals verankerte Diagnose des Internet Gamings gibt es keine ausreichende Häufigkeit , sodass die Autoren vorschlagen, die Diagnose wieder zu streichen.

So kompetent sind unsere Kinder

Für mich als Kinder- und Jugendpsychiater ist das eine erfreuliche Entwicklung und bestätigt meine täglichen, klinischen Erfahrungen: Kinder werden durch ihren Medienkonsum im Internet nicht sozial inkompetenter - im Gegenteil. Sie können sehr gut zwischen analoger und digitaler Welt unterscheiden und wünschen sich beides.

Die Kompetenz der Kinder zeigt sich unter anderem daran, dass Jugendliche, die nachts ihren Account nicht ausschalten können, zu mir in die Sprechstunde mit der Bitte kommen, ich möge ihnen helfen, das Smartphone ausschalten zu können.

Auch auf unseren Stationen in der Klinik haben wir - übrigens ebenso wie Schulen - kaum Probleme mit der Handynutzung.

Telefonitis - oder doch nur Pubertät?

Vor 20 Jahren hatte ich oft mit Eltern zu tun, die sich darüber beschwert haben, dass das Festnetz-Telefon von der jugendlichen Tochter jeden Nachmittag über Stunden belegt war, sodass die Familie weder selber telefonieren konnte noch erreichbar war. In dieselbe Zeit fielen elterliche Klagen, die mit dem Fernsehkonsum ihrer Kinder nicht einverstanden waren.

Was für eine absurde Idee, wenn wir von einer Telefonabhängigkeit gesprochen hätten - obwohl es durchaus mitunter genauso aussah, wie die heutige Nutzung der sozialen Medien. Eine Fernsehabhängigkeit wurde damals schon verschiedentlich postuliert, aber bei all diesen Phänomenen war immer klar, dass es sich um jugendliche, exzessive Verhaltensweisen handelte, die nicht in das Erwachsenenalter übergingen.

Vor 15 Jahren habe ich einen psychotherapeutischen Workshop erlebt, in dem darauf hingewiesen wurde, dass Rapmusik das Gehirn der Jugendlichen krank machen würde. Alle negativistischen Annahmen über die immer schlimmer und kränker werdende Jugend haben sich seit der Antike nicht bestätigt. Das gilt auch heute.

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Schulte-Markwort, Prof. Dr. Michael

Kindersorgen: Was unsere Kinder belastet und wie wir ihnen helfen können

Verlag: Knaur TB
Seitenzahl: 368
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Suchterkrankungen - von denen übrigens besonders viele Männer betroffen sind - nehmen nicht zu. Als sich die Jugendsuchtabteilung im UKE vor zehn Jahren darauf einrichtete, im weitesten Sinn PC-abhängige Jugendliche zu behandeln, gingen alle Prognosen davon aus, dass man sich alsbald nicht vor diesen digitalen Monstern würde retten können. Aber auch das ist nicht eingetreten.

Wir sollten endlich aufhören, unseren Kindern Probleme einzureden. Die Bewältigung der heutigen Welt ist für sie schon schwer genug.

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