Psychodermatologie Wenn Stress unter die Haut geht

Psychische Belastungen können manche Hauterkrankungen massiv verschlimmern. Forscher ergründen, wie Sorgen und Ärger Neurodermitis und andere Entzündungen fördern - und leiten daraus Ratschläge für Betroffene ab.
Von Angelika Bauer-Delto
Foto: Corbis

Am 17. Januar 1995 um 5.46 Uhr bebte im Süden Japans die Erde. In nur 20 Sekunden löschte die Naturkatastrophe von Kobe mehr als 6000 Menschenleben aus und vernichtete die Häuser von rund 300.000 Personen. Die gewaltige Zerstörung ging auch an der Psyche der Betroffenen nicht spurlos vorbei. Wie zahlreiche Studien belegen, litten in den zerstörten Gebieten plötzlich viel mehr Menschen an stressbedingten Kreislauferkrankungen als in verschonten Gegenden.

Doch die seelischen Strapazen schlugen den Betroffenen nicht nur aufs Herz: Wie Atsuko Kodama vom Osaka Medical Center for Cancer and Cardiovascular Diseases 1999 beobachtete, hat die Katastrophe auch den Hautzustand vieler Menschen mit Neurodermitis deutlich verschlechtert. Mehr als ein Drittel litt vermehrt unter juckenden, entzündlichen Ekzemen.

Menschen mit Hautproblemen wissen: Ärger, Sorgen und Anspannung können die Beschwerden verschlimmern. Besonders entzündliche Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Schuppenflechte (Psoriasis) - eine Autoimmunkrankheit, die eine starke Schuppung der Haut hervorruft - verschlechtern sich gerade dann, wenn eine wichtige Prüfung bevorsteht oder Streit in der Familie herrscht. Die Wurzel liegt dabei in vielen Fällen schon in der Kindheit, wie Edita Simoni und ihre Kollegen von der Universität von Rijeka (Kroatien) 2010 zeigten. Die Forscher befragten Patienten mit Psoriasis und gesunde Kontrollprobanden zu traumatischen Erfahrungen in ihrer Kindheit. Tatsächlich berichteten die von Schuppenflechte Geplagten deutlich häufiger über belastende Erlebnisse. Viele litten erstmals in der Pubertät unter der schuppenden Haut. Möglicherweise verstärkt die emotionale Instabilität in dieser Lebensphase die negativen Auswirkungen traumatischer Erfahrungen, mutmaßen die Forscher.

Stresssystem in Schieflage

Doch auf welchen Wegen gehen seelische Strapazen "unter die Haut"? Laut Medizinern und Psychologen bringt chronischer Stress die körpereigene Abwehr aus der Balance - insbesondere, wenn geeignete Bewältigungsstrategien fehlen. Geraten wir in eine stressige Situation, reagieren Nerven-, Hormon- und Immunsystem mit einem komplizierten Anpassungsmechanismus. Einerseits schüttet der Körper vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin aus. Sie steigern Herzschlagrate und Blutdruck - was uns auf eine etwaige Flucht vorbereitet. Zusätzlich setzen die Hormone Entzündungsprozesse in Gang: Zellen des Immunsystems wandern aus dem Blut ins Gewebe, um dort potenzielle Krankheitserreger zu attackieren.

Wenig später kommt das Hormon Cortisol ins Spiel. Eine Aufgabe des Stresshormons besteht darin, die durch Adrenalin und Noradrenalin verursachten Entzündungen wieder zurückzufahren. Chronische Belastungen, vor allem in der Kindheit, können die Balance dieser beiden Stressreaktionen verschieben. So kann es passieren, dass der Körper irgendwann nicht mehr genug Cortisol produziert. Sind die Betroffenen dann starken psychischen Strapazen ausgesetzt, werden die resultierenden Entzündungen nicht mehr gedämpft - ein Freifahrtschein für Neurodermitis und Co.

Lernen, wie man psychische Belastungen im Alltag erfolgreich bewältigt

Im Jahr 2008 entdeckten Forscher um Eva Peters von der Charité in Berlin die Bedeutung eines weiteren biochemischen Stresssystems für psychosomatische Hautkrankheiten - der so genannten Neuropeptid-Neurotrophin-Achse. Die Wissenschaftler hatten Mäuse, die unter einer Art Neurodermitis litten, einen ganzen Tag lang Furcht einflößendem Lärm ausgesetzt. Anschließend untersuchten sie die Haut der Tiere auf diverse Entzündungsmarker. Wie Peters und ihre Kollegen bemerkten, vermehrte sich unter Stress eine bestimmte Sorte von Nervenzellen besonders rasch. Die Neurone setzten verschiedene Botenmoleküle frei, darunter den Eiweißstoff "Substanz P". Dieser wiederum rief Mastzellen auf den Plan - Akteure des Immunsystems, die daraufhin unter anderem Histamin ausschütteten. Der Stoff, der auch bei Allergien eine Rolle spielt, verursacht quälenden Juckreiz und lässt die Haut anschwellen. Offenbar ist er mit dafür verantwortlich, wenn in Phasen psychischer Turbulenzen neue Ekzeme sprießen.

Wissenschaftler suchen nun nach Möglichkeiten, die Substanz P unschädlich zu machen. "Ein Medikament, das den Stoff in seiner Wirkung hemmt, könnte ein wichtiger Therapiebaustein sein, um die Entzündungsreaktionen in der Haut zu bremsen", hofft Peters. Doch mit Medikamenten allein ist es oft nicht getan. Als Ergänzung zu dermatologischen Behandlungsverfahren setzen Mediziner und Psychologen heute vermehrt auf Entspannungsverfahren und psychotherapeutische Maßnahmen wie Verhaltenstherapie. "Der Bedarf ist hoch", betont Uwe Gieler von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Gießen. Denn chronische Hautkrankheiten gehen oft auch mit psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen einher.

Besonders die Nächte werden zur Qual

Nicht selten münden die seelischen und körperlichen Beschwerden in einen Teufelskreis: Stress fördert entzündliche Hautreaktionen und verstärkt den Juckreiz. Die Betroffenen kratzen sich, was die Entzündung aber noch verschlimmert. So werden besonders die Nächte zur Qual. Die Patienten schlafen schlecht, sind weniger leistungsfähig und empfinden Belastungen im Alltag oft als besonders gravierend. Durch die sichtbaren Hautveränderungen fühlen sie sich zudem oft stigmatisiert - wiederum mit Folgen für die Gesundheit.

Wege aus dieser Zwickmühle weisen spezielle Schulungsprogramme, wie sie unter anderem von der Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung (AGNES) für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern entwickelt wurden. In mehreren Sitzungen klären spezialisierte Trainer über die Erkrankung auf - etwa über typische Auslöser und wie man sie vermeiden kann. Die Patienten lernen, wie sie ihre Haut richtig pflegen und was sie gegen den Juckreiz tun können. Auch Stressmanagement und Entspannungsverfahren stehen auf dem Schulungsplan.

"Solche Programme sind gut evaluiert", betont Gieler. So ergab die "German Atopic Dermatits Intervention Study" (GADIS) mit mehr als 800 von Neurodermitis geplagten Kindern und Jugendlichen, dass ein sechswöchiges AGNES-Training den Hautzustand deutlich verbessert. Sowohl die geschulten Heranwachsenden als auch ihre Eltern konnten anschließend besser mit der Erkrankung umgehen, ihre Lebensqualität stieg enorm. Auch ein Jahr nach der Schulung blieben die Effekte erhalten. Zu lernen, wie man psychische Belastungen im Alltag erfolgreich bewältigt, kann offenbar wesentlich dazu beitragen, sich in seiner Haut wohl zu fühlen.

Angelika Bauer-Delto ist freie Medizinjournalistin in Eggenstein-Leopoldshafen.

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