Onlinesucht "Im Wasser kann man keine E-Mails checken"

Viele Menschen kommen nicht mehr davon los: E-Mails. Doch gibt es so etwas wie eine E-Mail-Sucht? Und was ist, wenn einen schon der Signalton einer neuen Nachricht nervös macht? Ein Suchtforscher gibt Antworten.

Zu viele E-Mails? "Nicht alles, was nach Sucht aussieht, ist auch eine Sucht"
Corbis

Zu viele E-Mails? "Nicht alles, was nach Sucht aussieht, ist auch eine Sucht"

Ein Interview von


Zur Person
  • Privat
    Hans-Jürgen Rumpf ist Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung. 2011 leitete er die PINTA-Studie zur erstmaligen Erfassung der Häufigkeit von Internetabhängigkeit in der Bevölkerung. Demzufolge sind etwa ein Prozent der 14- bis 64-Jährigen online-süchtig, das sind etwa 560.000 Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rumpf, gibt es so etwas wie E-Mail-Sucht?

Rumpf: Es gibt eine Reihe von Aktivitäten im Internet, die im Verdacht stehen, süchtig zu machen. Das sind Multiplayer-Spiele wie World of Warcraft, soziale Netzwerke, Google-Suchen nach Downloads oder Pornografie.

SPIEGEL ONLINE: Bei jedem Onlinesüchtigen ist die Ausprägung also anders?

Rumpf: Ja. Es sind typischerweise die Aktivitäten, die Belohnungseffekte besitzen: bei Spielen Spannung und Erfolgserlebnisse, bei Facebook Likes für ein Foto oder einen Beitrag. Eine klassische Sucht, die nur auf E-Mailen bezogen ist, ist eher untypisch. Wenn Sie aber beim Checken Ihres Posteingangs Belohnungseffekte aufgrund positiver Nachrichten erleben, kann das in die gleiche Richtung gehen.

SPIEGEL ONLINE: Ich kenne Leute, die von sich sagen, dass sie süchtig nach News sind und alle halbe Stunde Nachrichtenseiten checken.

Rumpf: Man muss differenzieren. Nicht alles, was nach Sucht aussieht, ist auch eine Sucht. Man muss den Begriff Sucht auch vor Verwässerung schützen. Eine echte Sucht hat immer negative Konsequenzen. Bei Onlinesucht verbringt man immer mehr Zeit im Netz, sodass Dinge im realen Leben zu kurz kommen oder darunter leiden, zum Beispiel die Schule, der Beruf oder die Partnerschaft.

SPIEGEL ONLINE: Muss es immer die Suche nach der Belohnung sein? Oder kann das Onlineverhalten auch angstgetrieben sein - beispielsweise wenn man dauernd seine E-Mails abruft, aus Sorge, möglicherweise etwas zu verpassen?

Rumpf: Angst führt eher zu einem Vermeidungsverhalten. Ich glaube, fast alle Menschen in normalen Beschäftigungsverhältnissen checken auch nach der Arbeit nochmal ihre E-Mails. Natürlich gibt es da den Reiz, womöglich etwas verpasst zu haben. Viele Jugendliche checken ihre WhatsApp-Nachrichten sofort. Aber das muss nicht gleich eine Sucht sein, und man kann das alles noch so hinbekommen, dass man im normalen Leben nicht beeinträchtigt ist.

SPIEGEL ONLINE: Vielen Menschen fällt es aber schwer oder ist es sogar unmöglich, ihre E-Mails nicht mehr zu checken. Selbst nach Feierabend, am Wochenende oder Urlaub können Sie dann nicht mehr abschalten.

Rumpf: Es ist bekannt, dass durch die neuen Medienformen die Stressbelastung bei der Arbeit enorm zugenommen hat. Das sind aber Veränderungen in den Arbeitsbedingungen - keine Sucht.

SPIEGEL ONLINE: Was aber, wenn ich schon beim Hören des Signaltons einer E-Mail eine nervöse Erregung verspüre?

Rumpf: Das Phänomen nennt man klassische Konditionierung: Jene Signale, die zu einem bestimmten Ereignis geboten werden, werden gleichbedeutend zum Ereignis selbst. Vor so einem Mechanismus kann man sich kaum schützen. Man müsste die beruflichen Signale von den privaten trennen, sprich: für berufliche E-Mails andere Signaltöne als für private einstellen. Oder man nutzt ein anderes E-Mail-Programm nur für die berufliche Kommunikation.

SPIEGEL ONLINE: Wie trainiert man sich so eine Konditionierung wieder ab?

Rumpf: Konditionierungsprozesse lassen sich löschen. Wichtig ist, dass man am Ball bleibt. Es hilft nichts, wenn man die E-Mails zwei, drei Mal ignoriert, dann aber rückfällig wird. Dadurch verstärkt sich nur der Lerneffekt. Man muss sich selber Regeln setzen. Also zum Beispiel eine Deadline, nach der man keine E-Mails mehr checkt. Es gibt Schutz-Software, die verhindert, dass man Programme ab einer bestimmten Uhrzeit aufrufen kann, oder die sogar alles herunterfährt. So etwas wird zum Teil genutzt, um die Suchtgefahr zu mindern.

SPIEGEL ONLINE: Aber selbst wenn das E-Mail-Programm aus ist - die Gedanken an die Mails sind es noch lange nicht.

Rumpf: Das sind dann tatsächlich schon Züge von Suchtverhalten. Auch hier braucht es Geduld. Man sollte sich in der Zeit schöne Dinge vornehmen. Am besten solche, die mit dem Onlineverhalten inkompatibel sind. Zum Beispiel Schwimmen. Im Wasser kann man keine E-Mails checken. Hält man das eine Weile durch, und erfährt man durch das neue Verhalten Belohnungseffekte, nehmen die Gedanken daran ab. So kann man sich das konditionierte Verhalten wieder abtrainieren.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt viele Arbeitgeber, die verlangen, dass man seine E-Mails rund um die Uhr prüft. Was würden Sie einem betroffenen Arbeitnehmer raten?

Rumpf: Ja, das ist ein großes Problem. Sprechen Sie offen mit dem Arbeitgeber. Machen Sie ihm klar, dass Sie Erholungsphasen brauchen, um leistungsfähig zu sein. Versuchen Sie, mit ihm zusammen eine Regelung zu finden.

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-facebook-10000154386 30.10.2014
1.
emails checken im Wasser geht mit einem wasserdichten Handy von Sony oder Samsung
Flying Rain 30.10.2014
2. Ich muss ehrlich
Ich muss ehrlicj zugeben das ich echt oft am hänge...um SpOn zu lesen ;_;"
x33o 30.10.2014
3. Panasonic Toughbook
.. damit könnens auch im Wasser Mails checken.
mipez 30.10.2014
4.
Der gute Herr verhaspelt sich in seinen eigenen Aussagen. Im Endeffekt schlägt nur eine Sinnhaftigkeit ein: "Ich sage was Sucht ist und was nicht und das stimmt auch so."
cherrypicker 30.10.2014
5. Geht's noch?
Zitat: "Es gibt viele Arbeitgeber, die verlangen, dass man seine E-Mails rund um die Uhr prüft. Was würden Sie einem betroffenen Arbeitnehmer raten?" Ich würde dem Arbeitnehmer raten, dass ihn der Arbeitgeber dann auch rund um die Uhr bezahlen soll. Wer nach Feierabend noch Mails abruft, ohne dass es eine Bereitschaftsdienstregelung gibt, der ist in meinen Augen nicht ganz bei Trost. Für Notfälle gibt es das Telefon und alles andere kann bis zum nächsten Tag warten. Macht euch mal locker ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.