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Blau- oder kaltblütig: Pseudowissenschaftliche Theorien zu Blutgruppen

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Psychologie Das Geschäft mit dem Blutgruppen-Wahn

Liebe, Charakter, Job: Viele Asiaten glauben, dass ihre Blutgruppe den Alltag beeinflusst. Europäer und US-Amerikaner setzen auf die Blutgruppen-Diät. Wissenschaftlich haltbar ist keine der Theorien - doch der Markt mit dem AB0-System brummt.
Von Ina Brzoska

Schuld ist die Blutgruppe. Als sich die junge Ha-mi in den smarten Young-bin verliebt, droht ein Wechselbad der Gefühle. Exzentrisch und egoistisch ist der Umschwärmte. Dass die etwas schusselige Ha-mi so leidet, wundert ihre beste Freundin überhaupt nicht, schließlich fließt durch Young-bins Adern Blut der Sorte Männer, die Frauen ausnutzen. "Hilfe, mein Freund hat Blutgruppe B" heißt die südkoreanische Kinoromanze - ein Kassenschlager, der Millionen Asiaten ins Kino lockte.

Man könnte den Plot als Blödsinn uninspirierter Filmemacher abtun, gäbe es in Asien nicht den weitverbreiteten Glauben, dass der Charakter im Blut liegt. In Bewerbungsgesprächen wird die Blutgruppe abgefragt, beim Dating ist sie unverzichtbar, und der Spielehersteller Nintendo berücksichtigt das AB0-System sogar bei einem seiner Spiele. Selbst der ehemalige japanische Premierminister Taro Aso bekannte sich auf seiner offiziellen Homepage zu Typ A und zählt dem Glauben nach damit zu den Menschen, die perfektionistisch und etwas ängstlich sind. Auch die westliche Welt ist anfällig für das Thema: In Deutschland etwa stößt die Theorie zur Blutgruppen-Diät auf großes Interesse.

Den Hype neu entfacht hat 1971 der japanische Psychologe und Journalist Nomi Masahiko. Nomis Deutung nach ist Typ A perfektionistisch und furchtsam, Menschen mit Blutgruppe B tendieren zum Egoismus. Fließt Blut der Gruppe 0 durch die Adern, soll es sich um einen neugierigen, großzügigen, aber sturen Menschen handeln, und AB-Typen haftet der Ruf an, geheimnisvoll und unberechenbar zu sein.

Blutgruppen-Rassismus

Allein: Nomis Thesen wurden wissenschaftlich nie belegt. Humangenetiker staatlich anerkannter Universitäten bezeichnen seine Theorien als Pseudowissenschaft. Ihre Begründung: Die Blutgruppe beruht auf Proteinen und hat nichts mit der Persönlichkeit zu tun. Trotzdem wurden Nomis Bücher Bestseller, jährlich erscheinen neue Ratgeber, die sich auf seine Theorien beziehen - gelesen werden sie von Millionen Asiaten. Für besonders kritisch halten Gegner des Blutgruppen-Glaubens die historische Komponente: In den dreißiger Jahren übernahm die japanische Militärregierung die Rassenideologie der Nationalsozialisten. Das Ziel war, bessere Soldaten zu züchten. Heute bekämpft das japanische Gesundheitsministerium den Glauben an besseres und schlechteres Blut, genannt Bura Hara, auf staatlicher Ebene.

Seit jeher ranken sich viele erfundene Geschichten um das Blut: Gruselige Vampir-Sagen faszinieren dabei ebenso wie Klatsch und Tratsch über sogenannte Blaublüter, der Volksmund spricht gerne davon, dass bestimmten Menschen Rhythmus oder Musik im Blut liegen. Und der sagenumwobene Lebenssaft soll auch noch ausschlaggebend dafür sein, was wir essen oder trinken sollen.

Der amerikanische Naturheilkundler Peter J. D'Adamo, Erfinder der Blutgruppendiät, glaubt nachgewiesen zu haben, dass der Status der Blutgruppe die körpereigene Chemie bestimmt. "Vier Blutgruppen - vier Strategien für ein gesundes Leben", heißt die deutsche Version des Buches, das 2000 in Deutschland herauskam. In zahlreichen Esoterik- und Astrologieforen werden seine Thesen diskutiert, seine Ernährungsempfehlungen finden sich in Frauenzeitschriften oder Fitnessratgebern.

Einträgliches Geschäft mit Diätprodukten

Die Theorie, die D'Adamo um die Blutgruppen dichtet, geht folgendermaßen: Angeblich verträgt jeder Mensch bestimmte Lebensmittel gut oder schlecht, weil er die eine oder andere Blutgruppe hat. Schuld sollen Lektine sein, Eiweiße, die besonders in Hülsenfrüchten, aber auch in vielen anderen Lebensmitteln vorkommen. Lektine haben das Potential, die roten Blutkörperchen zu verklumpen, weil auf ihrer Oberfläche die Blutgruppe in Form von Antigenen präsentiert wird.

Wissenschaftlich bewiesen sind seine Thesen nicht, bislang wurde keine Studie dazu in einem renommierten Fachblatt veröffentlicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Stiftung Warentest kritisieren D'Adamo daher scharf. Die Konsequenzen seiner Theorie wirken denn auch einigermaßen bizarr: D'Adamos Speisepläne basieren auf den jeweiligen Lebens- und Ernährungsformen unserer Vorfahren. Blutgruppe 0 bezeichnet er beispielsweise als dominanten Jäger-Höhlenbewohner-Typ, der viel Fleisch benötigt und eine aggressive Sportart wählen sollte - denn die Blutgruppe verrät angeblich auch, ob wir lieber durch den Wald sprinten oder beim Yoga entspannen sollten. Blutgruppe-A-Menschen hingegen sollen sanfte Vegetarier sein, und Vertreter der Blutgruppe B gehören zu den Milchprodukte essenden Nomaden.

Ernährungsexperten kritisieren, dass die vorgeschlagenen Diäten einer ausgewogenen Ernährung widersprechen. Vielen Menschen lieferte die Theorie die Rechtfertigung dafür, reichlich Fleisch zu essen, so die Kritik. "Außerdem empfiehlt D'Adamo Typ B, besonders viel Milch zu trinken", sagt Hans-Helmut Martin, Ernährungswissenschaftler beim Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB). In Asien, wo diese Gruppe am meisten verbreitet ist, gebe es aber deutlich öfter Milchunverträglichkeiten als in Europa.

Vor allem D'Adamos Lektine-Phobie liegt Ernährungsexperten schwer im Magen. Zwar können Lektine, die in Hülsenfrüchten und Getreide vorkommen, tatsächlich bewirken, dass rote Blutkörperchen verkleben. Dazu müsste der Mensch aber größere Mengen rohe Linsen, Erbsen oder Roggen verzehren. "Wurden solche Lebensmittel einmal erhitzt, sind sie überhaupt nicht mehr schädlich, sondern gesund", sagt Martin. Die Bedeutung der Lektine sei genauso überschätzt wie der ganze Hype um Blutgruppen.

D'Adamo allerdings hat seine Theorie zu einem einträglichen Geschäft ausgebaut: Zu Diättipps empfiehlt er diverse ergänzende Produkte - von der teuren Creme bis zur Calciumkapsel. Ernährungswissenschaftler Martin meint: "Es erscheint mir vor allem als Vermarktungskonzept gut zu funktionieren."

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