SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. September 2013, 10:06 Uhr

Körpersprache

Warum einem Wörter auf der Zunge liegen

Von

Wie hieß der noch mal? Wie nennt man das gleich? Manche Begriffe sind sicher im Gehirn gespeichert und können doch nicht abgerufen werden. Je älter man wird, desto öfter liegen einem Wörter auf der Zunge. Was dabei im Kopf geschieht und welche Strategien helfen.

Wer in einem hellhörigen Haus wohnt, lernt seine Nachbarn zwangsläufig gut kennen. Letztens war dem Bewohner im Stockwerk über mir offenbar romantisch zumute, er legte etwas Kuschelrockiges auf. Darin bestand nun eine doppelte Quälerei für mich: Erstens war die Musik sehr schmalzig. Und - schlimmer - zweitens: Wie hieß bloß der Sänger? Alle Eckdaten gab mein Gedächtnis mühelos preis: Achtziger, miese Frisur, Lady in Red, Name bestand aus drei Teilen - aber aus welchen, verdammt?

Psychologen nennen dieses frustrierende Erlebnis Tip-of-the-Tongue-Phänomen. Das Wort oder ein Name liegt einem auf der Zunge, will aber nicht raus. Man hat den Begriff nicht vergessen, sondern kann im Moment einfach nicht darauf zugreifen. Harvard-Forscher verglichen das vergebliche Wühlen im Gedächtnis einmal mit dem Moment, kurz bevor man niest. Und das Gefühl, wenn einem das Wort wieder eingefallen ist, mit der Erleichterung nach dem Niesen.

Im Alter lässt die Sprachfähigkeit nach

Aber bis es so weit ist, steht man einige Qualen durch. "Oh nein, ich werde alt", dachte ich sofort. Und Tatsache ist: Ältere Menschen haben häufiger Schwierigkeiten, Wörter zu finden als junge. Das bestätigte die Gedächtnisforscherin Deborah Burke vom Pomona College in mehreren Studien.

Dafür hat sie auch eine Erklärung gefunden: Das semantische System im Gehirn stellen sich Forscher heute als ein weit verzweigtes neuronales Netz aus miteinander verbundenen Knoten vor. In diesem werden Informationen zu Sprache gespeichert. Sowohl die Bedeutungen von Begriffen als auch deren Klang sind dort abgebildet. Beim Zungenspitzenphänomen wird zwar die lexikalische Bedeutung des gesuchten Begriffs aktiviert, was das starke Gefühl auslöst, dass man diesen kennt. Die phonologische Information aber, also der Klang des Wortes, wird nur unvollständig abgerufen, vermutet Deborah Burke. So kommt es, dass einem oft nur die erste Silbe des gesuchten Wortes einfällt, die man dann hilflos mit weiteren zu ergänzen versucht.

Verschüttetes Wissen

Als Burke ihre Probanden mit Umschreibungen nach dem Wort pylon (auf deutsch Pfeiler) fragte, stammelten die von pirates und pilots (Piraten und Piloten). Mit zunehmendem Alter werden im Gehirn die Verbindungen zu den phonologischen Abbildungen von Wörtern schwächer, und man findet sich immer häufiger orientierungslos im eigenen Gedächtnis wieder, wie auf der Suche nach dem Auto, das man doch gleich hier irgendwo geparkt hatte.

Burke bestätigte bei ihren Untersuchungen auch die alte Grundregel für das Gedächtnis: "Use it or lose it." Ihre Versuchspersonen erlebten das Zungenspitzenphänomen vor allem dann, wenn sie nach Wörtern gefragt wurden, die sie nur selten benutzten. Denn das Gedächtnis arbeitet pragmatisch: Die Verbindungen zwischen Nervenzellen werden trainiert oder vernachlässigt und können dementsprechend gut oder schlecht Signale übertragen. Was man oft braucht, lässt sich deshalb leicht abrufen. Was man nicht so häufig braucht, wird verschüttet.

Es empfiehlt sich, den Namen eines verschütteten Schnulzensängers nicht einfach hochzugoogeln, sondern abzuwarten, bis das Gehirn ihn "herausniest". Ich hätte nicht gedacht, dass Chris de Burgh ein so befreiendes Gefühl in mir auslösen könnte.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung