Psychotherapie für Flüchtlinge Angst vor dem Messer im Rücken

Sie haben oft Schreckliches erlebt, sind traumatisiert und können die deutsche Sprache nicht: Wie therapiert man Flüchtlinge und Migranten in Deutschland? In Berlin suchen Experten nach der Antwort.

Von Jelena Malkowski


Alleinreisende minderjährige Flüchtlinge
DPA

Alleinreisende minderjährige Flüchtlinge

Das Zentrum für interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie (Zipp) ist kein sonderlich bekannter Bereich der altehrwürdigen Berliner Charité. Die Flüchtlingskrise aber hat die Aufmerksamkeit auf das Institut und die dazugehörige Arbeitsgruppe transkulturelle Psychiatrie gelenkt: Hier arbeiten Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter und Ethnologen daran, Therapien für Geflüchtete und Migranten anzubieten.

Jetzt werden drei neue Projekte voraussichtlich mit 1,1 Millionen Euro bewilligt. "So viel Geld stand uns in den letzten zwölf Jahren nicht zur Verfügung ", sagt die Psychologin Ulrike Kluge, die das seit 2002 bestehende Zentrum leitet. Das Geld wird dringend benötigt, denn es kommen immer mehr Patienten in die Institutsambulanz.

Die Menschen, die nach langer Flucht in Deutschland ankommen, haben nicht nur einen anderen kulturellen und sprachlichen Hintergrund. Sie sind häufig auch schwer traumatisiert durch ihre Erlebnisse im Heimatland, durch die Flucht und die Anpassung an eine ganz neue Umgebung. Sie brauchen Hilfe.

In ihren Heimatländern sähe die aber mitunter ganz anders aus. Wie eine wirksame und kulturell akzeptable Behandlung aussieht, ist daher höchst individuell.

Die Psychologin Sanja Hodzic, die bereits seit Jahren am Zipp arbeitet, behandelt derzeit Abdalkhlig aus Libyen. Der blasse, dunkelhaarige Mann mit schiefer Nase stellt sich mit einem offenen Lächeln vor. Vor ein paar Jahren ist er für eine Nasen-OP nach Deutschland gekommen und wegen des Bürgerkriegs in seinem Heimatland hiergeblieben.

Heute ist seine vierte Therapiesitzung. Trotz der sprachlichen Barriere besteht er darauf, ohne Dolmetscher mit Hodzic zu sprechen. "Sprachlich wäre es mit Dolmetscher besser", sagt sie. "Aber er ist stolz, nicht mehr andauernd auf andere angewiesen zu sein, also unterstütze ich ihn darin."

Hodzic fragt langsam und bedächtig und arbeitet mit Gesten und Worten, die auch Abdalkhlig selbst nutzt. Er antwortet in kurzen, einfachen Sätzen und sucht oft die richtigen Worte. Statt zu erzählen, wie er sich fühlt, spricht er mehr davon, was aktuell mit ihm geschieht: Oft wache er nachts auf - mit der Hand auf der Brust zeigt er, wie er dann nach Atem ringt. Er träume von "Messer in Rücken, Brüder, Cousins".

"Sie sind der Älteste, oder?", fragt Hodzic. Abdalkhlig bejaht, mit 32 ist er der älteste Bruder einer Familie, die noch in Libyen ist. Einige Familienmitglieder wurden getötet und auch Abdalkhlig hat Gewehrkugeln im Körper. Hodzic nickt. Sie vermutet, dass ihn Schuldgefühle plagen, da er seine Rolle als Ältester und Beschützer der Familie aus der Ferne nicht ausfüllen kann.

"Bei uns ist das übrigens anders"

Ulrike Kluge kennt ähnliche Fälle. Im Dezember begutachtete sie einen jungen Mann aus dem Nahen Osten, der im Alter von zehn Jahren nach dem Tod seines Vaters das Gefühl hatte, als Ältester die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen zu müssen. "Wie er darüber sprach, wirkte es in unserem deutschen Kontext zunächst absurd", sagt Kluge.

Manche Betreuer gerieten in Konflikt mit dem Mann und seiner Männlichkeitsbetrachtung, weil er "sich so machohaft" aufführte. Für ihn aber war dieses Auftreten wichtig. Er versuchte damit, seine Schuldgefühle zu kompensieren, die er hatte, weil er seine Mutter später nicht vor dem gewalttätigen Stiefvater hatte beschützen können, erklärt die Psychologin. "Manchmal entstehen Konflikte zwischen unseren Regeln und Werten und denen aus anderen Kontexten", so Kluge. "Statt sich in Konflikten zu verstricken, sollte man in solchen Fällen lieber ruhig und sachlich sagen: 'Bei uns ist das übrigens anders'."

Ulrike Kluge (l.), Zipp-Team der Charité Berlin
Philipp Jester

Ulrike Kluge (l.), Zipp-Team der Charité Berlin

Um Patienten richtig zu verstehen, sind auch Dolmetscher wichtig: Am Zipp arbeiten sie eng mit den Therapeuten zusammen und stammen oft selbst aus der Kultur, für die sie übersetzen. In den Sitzungen können sie den Therapeuten daher raten, Fragen anders zu stellen oder ihnen hinterher kulturelle Eigenheiten erklären.

Keine festen Normen und Werte

Eine taiwanesische Sprach- und Kulturmittlerin etwa schlug Kluge einen unkonventionellen therapeutischen Zugang für eine chinesische Patientin vor. Die Frau war Opfer von Menschenhandel und jahrelanger sexueller Gewalt geworden. Um ihre Familie symbolisch mit nach Deutschland nehmen zu können, riet die Dolmetscherin zu einer Reise zum Herkunftsort der Patientin. Tatsächlich fuhr die Chinesin trotz voriger großer Angst noch einmal zurück an den Todesort ihrer Eltern in China und ließ eine Ahnentafel anfertigen. Auf diese Weise konnte sie für sich angemessen trauern.

So individuelle Ansätze lassen sich allerdings kaum auf andere Patienten übertragen: "Manchmal ist der kulturelle Hintergrund für die Behandlung relevant, manchmal sind Konflikte mit der Herkunftstradition aber auch ausschlaggebend für die Migration", sagt Kluge.

Bei einer Untersuchung zur Krankheitsauffassung von Deutschen und Türken in Istanbul und Menschen mit türkischem Hintergrund in Berlin fand sie heraus, dass das Bildungsniveau für die Vorstellungen und subjektiven Erklärungen psychischer Krankheiten eine ebenso große Rolle spielte wie die Herkunft. Bei ihren Patienten setzt sie daher keine festen Normen und Werte voraus und meint: "Vielfalt kann Normalität sein."



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.