PTBS nach Flugzeugabsturz Traumatisierte erinnern sich anders

Für die Reisenden war es der Horror, für Forscher ist es eine einmalige Gelegenheit: Psychologen befragten Überlebende eines Flugzeugabsturzes. Die Art, sich zu erinnern, könnte demnach traumatische Störungen beeinflussen.
Blick aus dem Fenster (Symbolbild): Wie gehen verschiedene Menschen mit einer Extremsituation um?

Blick aus dem Fenster (Symbolbild): Wie gehen verschiedene Menschen mit einer Extremsituation um?

Foto: © Nguyen Huy Kham / Reuters/ REUTERS

Am 24. August 2001 startet der Air Transat Flug 236 von Toronto nach Lissabon. Es ist ein ganz normaler Linienflug. Doch mitten über dem Atlantik kommt plötzlich eine Durchsage der Crew: Alle Passagiere sollen schnellstmöglich Rettungswesten anziehen, die Maschine muss notlanden. Das Flugzeug hat ein Leck, die Tanks sind leer. Nacheinander fallen die Triebwerke aus, Sauerstoffmasken springen aus den Decken in der Kabine. Das Licht versagt.

306 Passagiere und die Crew erleben Todesangst.

Etwa 120 Kilometer gleitet das Flugzeug ohne Antrieb durch die Luft. Der Pilot steuert eine Azoreninsel an. Mit knapp 360 Kilometer pro Stunde rast das Flugzeug dort auf einen Militärflughafen zu. Die Reifen platzen beim Aufsetzen. Doch der Flieger kommt zum Halten. Alle Fluggäste und das Personal überleben, nur wenige sind körperlich verletzt. Doch welche Auswirkungen hatte das Drama auf die Psyche der Fluggäste?

Jetzt hat sich eine Psychologin und Forscherin aus Kanada dem Thema gewidmet. Margaret McKinnon war mit ihrem Mann selbst an Bord des Flugzeugs, auf dem Weg in die Flitterwochen. Mit fünf weiteren Forschern wollte sie herausfinden, bei wem das Unglück zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung führte und bei wem nicht.

"Die Flugzeugkatastrophe bietet trotz des extremen Unglücks für die Passagiere und Crewmitglieder auch eine noch nie dagewesene Möglichkeit, die Erinnerung an eine lebensbedrohliche Erfahrung mit Rahmenbedingungen, die einem Laborexperiment gleichkommen, zu erheben", schreiben die Studienautoren. Denn: Alle Passagiere haben das Gleiche erlebt. Die traumatische Situation kann nicht allein ausschlaggebend dafür sein, dass die einen erkranken und die anderen nicht.

Wie lebhaft erinnern sich die Passagiere an das Unglück?

Über Zeitungsanzeigen konnten McKinnon und ihr Forscherteam 15 Passagiere des Fluges für ihre Studie gewinnen. Die Teilnehmer wurden gebeten, sich detailliert an die dramatischen 30 Minuten zu erinnern. Zusätzlich sollten sie sich in einem späteren Teil der Befragung der Terroranschläge vom 11. September 2001 entsinnen sowie ein persönliches, aber emotional neutrales Ereignis aus dem gleichen Jahr beschreiben.

Die Forscher analysierten anschließend, wie lebhaft und akkurat sich die Probanden jeweils erinnerten. Dabei unterschieden sie zwischen Inhalten, die direkt mit der jeweiligen Situation zusammenhingen und das Gefühl vermittelten, dass die Person das Ereignis in Gedanken erneut durchlebt, den sogenannten internalen Details und andererseits den externalen Inhalten. Dazu zählen Wiederholungen, Aspekte ohne Bezug zu dem Ereignis oder Details von einem anderen Erlebnis.

Die Berichte der Überlebenden wurden mit denen von 15 etwa gleichaltrigen Erwachsenen verglichen, die nicht in dem Flugzeug saßen. Neben dem Terroranschlag von 9/11 und einem neutralen Ereignis sollte die Kontrollgruppe eine andere emotional belastende Situation in ihrem Leben wiedergeben.

Die Art des Erinnerns könnte ausschlaggebend sein

Egal, ob psychisch erkrankt oder nicht, beide Passagiergruppen erinnerten sich ähnlich lebhaft, detailreich und korrekt an die Notlandung. Die weitverbreitete Annahme, eine besonders lebendige Erinnerung begünstige eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) konnten die Forscher folglich nicht bestätigen. Insgesamt berichteten die Passagiere von 83 Details, die auch durch offizielle Dokumente und mindestens einen weiteren Passagier bestätigt wurden. Sie gaben deutlich mehr Einzelheiten wieder als die Probanden der Kontrollgruppe über ihre emotional belastende Situation.

Dass nicht die Erinnerung an das Trauma ausschlaggebend für eine PTBS ist, darauf deutet auch ein weiterer Befund der Studie hin: Sechs der 15 befragten Passagiere erfüllten die Kriterien für die traumatische Störung. Doch sie unterschieden sich nur in einem Aspekt von den gesund gebliebenen Passagieren. Sie gaben in ihren Rückblicken mehr externale, also unbedeutende Aspekte wieder als die psychisch unversehrten Passagiere - und zwar auch, wenn sie sich an den Terroranschlag 9/11 oder an etwas weniger emotional Aufwühlendes erinnern sollten.

Die Unfähigkeit, unbedeutende Einzelheiten in einem Ereignisbericht wegzulassen, ist demnach zwar charakteristisch für Passagiere, die eine PTBS entwickelt haben. Aber sie ist nicht an die traumatische Notlandung geknüpft. Sie war womöglich schon da, bevor das Unglück passierte oder zumindest bevor die Störung ausbrach. Diese Abweichung im Erinnerungsvermögen könnte den Forschern zufolge ein Risikofaktor dafür sein, dass jemand, dem ein emotional belastendes Ereignis widerfährt, später psychisch erkrankt. Das Fazit der Studienautoren: "Nicht, was, sondern wem es passiert ist, beeinflusst den Beginn einer Posttraumatischen Belastungsstörung."

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