Kinder mit älteren und jüngeren Geschwistern Aufwachsen als Sandwichkind

Sanfte Vermittler oder ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit? Sandwichkinder bekommen sehr unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben. Ist da was dran?
Geschwister (Symbolbild)

Geschwister (Symbolbild)

Foto: Sally Anscombe/ Getty Images

Das erste Kind hat die Eltern anfangs ganz für sich, das Nesthäkchen wird von allen verwöhnt. Dazwischen liegen die Sandwichkinder.

Ob die Geschwisterposition Charakter oder Intelligenz beeinflusst, interessiert die Forschung immer wieder. "Die neueren Resultate sprechen eher dafür, dass die Geburtenreihenfolge einen relativ kleinen oder auch überhaupt keinen Effekt auf die Persönlichkeit der Kinder hat", sagt aber Ralph Hertwig, einer der Direktoren am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Allerdings würden Eltern sowohl Zeit als auch Geld nicht auf alle Kinder gleich verteilten - zum Nachteil der Sandwichkinder. Das ist keine bewusste Entscheidung der Eltern, sondern ergibt sich ganz automatisch, sagt Hertwig. "Die Sandwichkinder genießen nie anhaltend die exklusive Aufmerksamkeit der Eltern." Das Erstgeborene habe eine solche Phase während der ersten Entwicklungsstufe, das Letztgeborene gegen Ende, wenn die Geschwister schon aus dem Haus sind.

Wie sich das auswirkt, ist schwer nachzuweisen. "Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Bindung gegenüber der Familie, besonders im Erwachsenenalter, bei Sandwichkindern weniger stark ist", sagt Hertwig. So würden die mittleren Kinder etwas seltener mit den Eltern telefonieren oder mailen. "Man findet auch Hinweise, dass Sandwichkinder ein geringeres Selbstwertgefühl haben."

Vom Großen lernen, dem Kleinen etwas beibringen

Es gibt verschiedene Meinungen dazu, ob die Position in der Mitte darüber hinaus eher Vor- oder Nachteile mit sich bringt.

So sagt etwa der Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger, diese Kinder "lernen häufig, zu beobachten und auf andere einzugehen." Das mache sie zu guten Vermittlern. Allerdings könnten sie auch auf andere etwas blass wirken, weil sie nie gelernt hätten, im Mittelpunkt zu stehen.

Nicola Schmidt, Autorin des Buches "Geschwister als Team", sieht die Mittelposition im Grunde als eine gesunde an. "Ich habe einen Großen, von dem ich etwas lerne, und einen Kleinen, dem ich etwas beibringe."

Pauschalisieren kann man das alles allerdings nicht, viele weitere Faktoren spielen im Geschwistergefüge eine Rolle. Ist das Mittelkind zum Beispiel das einzige Mädchen zwischen zwei Jungen, ist die Ausgangsposition eine ganz andere. "Dann haben Sie ja bereits ein Einzelstellungsmerkmal und keine klassische Sandwichposition mehr" sagt Krüger, der als Junge zwischen zwei Mädchen aufgewachsen ist. "Sandwich ist vor allem dann problematisch, wenn ich nicht wahrgenommen werde."

Zeit für jedes Kind

So wenig man ein Sandwichkind in die Rolle des unauffälligen Mitläuferkinds drücken dürfe, so wenig sollte man die Mittelposition als schwierig hervorheben. Begründen oder entschuldigen Eltern anderen gegenüber ein problematisches Verhalten ihres Sandwichkindes mit der Mittelrolle, besteht die Gefahr, genau dieses Verhalten zu verstärken.

"Jetzt mach du nicht auch noch Ärger", diesen Satz sollte man Kindern gegenüber generell vermeiden, empfiehlt Schmidt. Beim Sandwichkind gilt das besonders. Es vermittle dem Kind: Für dich ist kein Platz, du darfst nicht auffallen.

Die Autorin rät Eltern, mit jedem einzelnen Kind besondere Zeiten zu verbringen, das gelte nicht zuletzt für das Mittelkind. "Gehen Sie auch mit ihnen zum Schwimmkurs, geben Sie auch den Sandwichkindern einzelne Mama-Papa-Zeit - gerade die brauchen das!"

wbr/dpa, von Christina Bachmann
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