Psychologie Her mit dem Stress!

Alle jammern über Stress und wollen ihn vermeiden, dabei kann er auch positiv sein. Psychologen raten, aus der Anspannung Energie zu schöpfen.
Stress auf der Straße

Stress auf der Straße

Foto: Martin Gerten/ dpa

Das Herz wummert, der Atem geht schnell und flach. Die Schultern straffen sich, Nacken und Rücken sind angespannt, Schweiß bildet sich auf der Haut, während Hände und Füße kalt werden. Noradrenalin und Cortisol pumpen jetzt durch unseren Körper und bereiten uns vor, zu rennen oder zu kämpfen, denn eine akute Stressreaktion wappnet für Flucht oder Kampf. Jeder kennt sie, keiner mag sie.

Dabei ist Stress eine Meisterleistung unseres Körpers. Wir können blitzschnell reagieren und sind zu Höchstleistungen bereit. Stress hat trotzdem ein schlechtes Image: Depressionen, Burnout, chronische Erkrankungen, all das, so lehren es Psychologen und Mediziner seit Jahren, könne durch chronischen Stress entstehen.

Doch Stress und ein gesundes Leben sind kein

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Widerspruch. Eine gewisse Dosis brauchen wir im Leben sogar.

"Ich habe meine Meinung über Stress grundlegend geändert", sagt die Gesundheitspsychologin Kelly McGonigal von der Stanford University bei einem Ted Talk. Lange Zeit habe sie gedacht, Stress mache krank und sei ein Feind. Jetzt sieht McGonigal das anders: Stress solle ein Freund werden.

Der Stress-Glaube entscheidet

Was die Psychologin zu ihrer neuen Sicht bewogen hat, sind Einsichten ihrer Kollegen. Diese hatten 29.000 erwachsene Amerikaner über acht Jahre befragt , ob sie im Jahr viel Stress erlebt hatten. Eine zweite Frage zielte darauf, ob der Betreffende glaubte, dieser Stress sei schädlich für seine Gesundheit. Anhand von Sterberegistern untersuchten die Forscher im Verlauf der Studie die Mortalitätsrate.

Dabei rechneten sie in ihren Analysen Faktoren heraus, die ebenfalls auf die Gesundheit und Lebensdauer Einfluss nehmen können wie etwa Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit, sozioökonomischer Status und andere. Das Ergebnis: Jene, die angegeben hatten, viel Stress zu erleben und diesen auch als schädlich für die Gesundheit zu bewerten, wiesen tatsächlich ein um 43 Prozent höheres Sterberisiko auf als jene, die keinen Stress hatten oder diesen als unproblematisch ansahen. Ob dieser Zusammenhang kausal ist, kann die Studie zwar nicht abschließend beantworten. Trotzdem sehen die Wissenschaftler darin einen deutlichen Hinweis, dass nicht Stress allein, sondern auch die individuelle Bewertung eine wichtige Rolle spielt.

Andere Wissenschaftler testeten, ob eine veränderte Einstellung zu Stress auf die körperliche Stressreaktion wirkt. Und tatsächlich: Psychologen sprechen heute von sogenannten "Mindset-Effekten". Das Team von Alia Crum, Psychologin der Stanford University, fand heraus , dass die Bewertung eines Stressors entscheidend für die körperliche Stressantwort ist. In einem Experiment wurden Probanden in zwei Gruppen geteilt, beide Gruppen sahen ein Video. Eines vermittelte, dass Stress schwächend wirke, das andere, dass Stress stärkt.

Die unterschiedliche Einstellung ließ sich bei Stresstests bis in die körperliche Reaktion verfolgen. Jene mit der "Stress ist gut"-Einstellung zeigten eine gemäßigtere Cortisol-Antwort als jene, die glaubten, Stress mache krank. Die physiologische Stressreaktion ihres Körpers war zwar da, fiel aber moderater und deutlich kürzer aus. Auch der Herzschlag beruhigte sich schneller.

Weil unsere Gedanken auf den Körper wirken, rät Alia Crum, Stress neu zu bewerten. Sie empfiehlt eine Wertschätzung für Stresssymptome zu entwickeln. Beim wummernden Herzschlag vor dem Vortrag könne man sich sagen: "Mein Körper hilft mir, diese Herausforderung zu bestehen."

Stress als Entwicklungsmotor

Wer durch Stress-Coaching lernte, den Körper als randvoll mit hilfreicher Energie zu begreifen, konnte bei Tests seine körperliche Stressreaktion tatsächlich mildern. Interpretiere man eine Stressreaktion als hilfreich, so Alia Crum, kreiere man im "Körper nach und nach die Biologie des Muts und der Zuversicht" und damit Stress-Resilienz.

Bereits der Vater der modernen Stressforschung, Hans Selye, unterschied positiven und negativen Stress: Eustress und Distress. Eine gewisse Dosis Stress sorgt dafür, dass wir stärker werden, wachsen und uns entwickeln. Im besten Falle setzt eine Aufwärtsspirale ein, die uns für immer größere Portionen Stress fit macht und gesund hält.

Forscher gehen von einer Art "Stress-Impfung" und Immunisierung aus, durch die wir uns für immer mehr Stress wappnen. Für leichten Stress gilt, dass er die Wundheilung verbessert und die Immunreaktion stärkt. Wichtig ist allerdings, dass sich Stressphasen mit entspannten Phasen abwechseln. Stress als Kurzzeitereignis ist positiv, als Langzeitzustand ist er weniger förderlich.

Stress und Sinn

Dass gelingende Stressbewältigung auch mit Sinn verknüpft ist, den wir einer Situation geben können, hat der Forscher Aaron Antonovsky bemerkt. Ihm zufolge bewältigen wir stressreiche Situationen wie eine Trennung oder einen Verlust leichter, wenn wir es schaffen, der Situation einen Sinn in unserer Lebensgeschichte zu verleihen und so ein Kohärenzgefühl zu entwickeln.

Weil Stress und Aufregung nun einmal zum Leben gehören, empfiehlt Stressforscherin McGonigal, sich im Leben vor allem jenen Aufgaben zu widmen, die für einen bedeutsam sind und zu vertrauen, dass man den Stress bewältigen könne.

Dennoch: Chronischer Stress schadet. Schädlich ist er, das weiß die Stressforschung mittlerweile, wenn er gegen den eigenen Willen zu geschehen scheint, außerhalb eigener Kontrolle liegt oder kein Sinn in ihm zu finden ist. Gelingt es, einen dieser Faktoren selbstwirksam zu ändern, so McGonigal, wandele sich die Schädlichkeit bereits.