Telefonseelsorge "Ich fahre jetzt gegen den nächsten Brückenpfeiler"

Fast täglich sprechen Telefonseelsorger mit Menschen, die drohen, sich gleich umzubringen. Dann zählt jedes Wort. Wie geht man am besten mit so einer Situation um?

Ehrenamtlicher Mitarbeiter einer Telefonseelsorge
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Ehrenamtlicher Mitarbeiter einer Telefonseelsorge


Das Telefon klingelt in Aachen, am anderen Ende ist ein Mann. Er rast über die Autobahn - eine Hand am Steuer, die andere am Handy. Er droht, gegen den nächsten Brückenpfeiler zu fahren. Der Seelsorger weiß: Ein falsches Wort - und der Mann macht Schluss. Der Helfer vertraut seiner Intuition, schlägt dem Fahrer einen Deal vor: "Sie fahren rechts ran, und ich spreche so lange mit Ihnen, wie Sie wollen." Der Fahrer hält an.

"Wenn Menschen anrufen, gehen wir davon aus, dass es irgendetwas in ihnen gibt, das noch leben will", sagt Frank Ertel, Leiter der Aachener Telefonseelsorge: Sie wollen sprechen, suchen jemanden, der zuhört, sie ernst nimmt. Alle zwei Tage rufe in Aachen jemand an, der deutlich macht: "Ich will nicht mehr".

Der Umgang mit lebensmüden Menschen ist das zentrale Thema beim Weltkongress der Telefonseelsorge vom 20. bis 22. Juli in Aachen. Was ist der richtige Umgang, warum hilft Zuhören, was bewirken die Stimme, das Wort, und wie kommt es beim Anrufer zu Entlastung, Erleichterung?

Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen das Leben, rund 70 Prozent der Betroffenen sind Männer. Obwohl das Risiko mit dem Alter steigt, ist Suizid bei Männern bis zum 20. Lebensjahr die zweithäufigste Todesursache. Hinzu kommen noch einmal mindestens 100.000 Suizidversuche, die häufiger junge Menschen und Frauen betreffen. Die Versuche könnten oft als Hilferufe interpretiert werden, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention.

Zuhören, konkret nachfragen, Zuversicht vermitteln

Zuhören ist wichtig, Anonymität und Ehrlichkeit, betont Gabi. Die 72-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren ehrenamtliche Telefonseelsorgerin in Aachen. "Wenn jemand keine Arbeit hat, die Beziehung kaputt ist, sich die Freunde abgewandt haben, niemand mehr zu Besuch kommt - dann kann ich nur sagen: Ihr Leben ist aber traurig", sagt sie. Und sie frage dann: Gibt es wirklich nur diese eine Lösung, den Tod? Manchmal wolle sie auch wissen, wie er oder sie "es" denn tun wolle.

In einer Broschüre gibt das Nationale Suizidpräventions-Programm Tipps, was bei Gesprächen mit einem Suizidgefährdeten helfen kann. Dazu zählt es:

  • Vorhaltungen zu vermeiden;
  • geduldig und aufmerksam zuzuhören;
  • konkret nach dem Suizidgedanken zu fragen (die Sorge, den Impuls zum Suizid zu geben, ist demnach unbegründet);
  • zuversichtlich zu vermitteln, dass es Hilfe gibt - auch wenn der Betroffene das zunächst nicht annehmen kann;
  • die Grenzen der eigenen Hilfebemühungen zu sehen und keine Versprechungen zu machen, die zu Enttäuschungen führen können;
  • und schließlich professionelle Hilfsangebote zu vermitteln.

"Es geht erst mal um das Gespräch, um das Zuhören, um einen ersten Kontakt", sagt Barbara Sönksen, katholische Sprecherin der Telefonseelsorge Deutschland. Das Ziel sei natürlich, den Menschen von seinem Vorhaben abzuhalten. Aber selbst wenn sich aus dem Gespräch keine Brücke weg vom Suizid und hin zum Leben ergebe, seien die Seelsorger für diesen Menschen da.

Robert Enke: Tabuisierung hat Behandlung erschwert

"Damit das Leben weitergeht", so ist der Weltkongress überschrieben. Damit bezieht er sich auch auf die Freunde und Verwandten nach einem Suizid. "Da gibt es die Scham der Angehörigen, die hinterher nicht dazu stehen und den Trauernden erzählen, dass es ein Herzinfarkt war", sagt Pfarrer Ertel.

Teresa Enke gehört nicht dazu, auch sie redet auf dem Kongress. Ihr Mann, Nationaltorhüter Robert Enke, nahm sich 2009 das Leben. Er litt unter einer jahrelangen Depression. Seitdem setzt sich Teresa Enke für einen offeneren Umgang mit der psychischen Erkrankung ein.

Die Tabuisierung und damit verbundene Geheimhaltung der Krankheit habe die Behandlung ihres Mannes erschwert, schrieb sie in einem Blog-Beitrag zum sechsten Todestag von Robert Enke. Depressionen könnten jeden Menschen treffen - ähnlich wie eine Krebserkrankung.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

dpa/irb



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