Verhaltenstherapie Ich bin stärker als die Angst

In der Therapie lernen Patienten, sich ihren Ängsten auszusetzen. Dabei müssen sie alles Gewohnte hinterfragen: ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Verhalten. Ein Besuch bei Menschen, die sich das trauen.
Von Vinzent Leitgeb

Eine Woche durfte Thomas Huber* schweigen. Um sich einzugewöhnen. Jetzt muss er reden. Vor elf anderen Menschen. Über seine Familie und den Beruf. Über all die Alltagssituationen, die ihm so schwerfallen. Über den Leistungsdruck, den er in Gruppen spürt, um akzeptiert zu werden. "Ich habe am Abend noch lange darüber nachgedacht", erzählt er einen Tag später denselben Zuhörern. Er ist nervös, rutscht auf seinem Stuhl herum. "Bisher konnte ich von mir wegschieben, dass es eine Krankheit ist."

Huber hat eine soziale Phobie. Seit einer Woche ist er in der Gruppentherapie der Tagesklinik Westend in München. Sechs Männer und drei Frauen zwischen 20 und 60 Jahren sitzen dort im Stuhlkreis. Sie haben entweder die gleiche Diagnose wie Huber oder kämpfen gegen eine generalisierte Angststörung. Manche sind fast am Ende der sechswöchigen Behandlung. Andere haben die Hälfte der Zeit hinter sich oder fangen gerade erst an, so wie Huber. Zeitversetzt durchlaufen sie das gleiche Programm. Abends gehen sie nach Hause, um sich dem gewohnten Umfeld zu stellen.

Das ganze Jahr über bietet die Tagesklinik Westend diese Form von Angsttherapie an. In Deutschland gibt es rund 700 vergleichbare Einrichtungen, dazu kommen die vielen Einzelpraxen niedergelassener Spezialisten. In besonders schweren Fällen betreuen Fachkliniken Angstpatienten außerdem stationär.

Die Angst verstehen

Generalisierte Angststörungen gehören neben den Phobien zu den häufigsten Angsterkrankungen. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung haben einmal in ihrem Leben generalisierte Ängste. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Etwa dreißig Prozent aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Panikattacke.

Die genauen Behandlungsarten variieren von Haus zu Haus, doch sie folgen im Kern der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Darin geht es darum, sich über seine eigenen Gedanken, Gefühle und Einstellungen klar zu werden und das Verhalten zu verändern. In zahlreichen Studien wurde die positive Wirkung der KVT nachgewiesen, viele Betroffene können durch sie wieder normal leben, bei einem Großteil führt sie zu einer deutlichen Besserung der Situation.

Huber steht erst am Anfang. Als erstes muss er lernen, seine Situation zu verstehen. Dieses Zusammenspiel aus falsch eingeprägtem Verhalten, übersteigerten Gefühlen und Gedanken, wie es in der KVT beschrieben wird.

Das erste Gespräch, das er hatte, nennen Psychologen die "Problembereichsanalyse". Denn vielen Patienten ist genau wie Huber der Umfang der eigenen Phobie überhaupt nicht klar. Manche haben sogar seltener Angst als Menschen ohne Phobien. Der Grund: Sie meiden jede Situation, in der sie sich unwohl fühlen könnten. Und meistens glauben sie nicht, dass sie eine Therapie brauchen, obwohl sie sich selbst immer weiter einschränken.

Falsches Verhalten korrigieren

Heute soll Huber seine Therapieziele formulieren: Was möchte er in fünf Wochen erreicht haben? Die Frage soll er selbst beantworten, die Gruppe darf helfen. Huber denkt still nach und spricht dann leise. Er möchte Menschen mehr an sich heranlassen, seine Gefühle besser erkennen und dann richtig handeln. Die Psychologin Katharina Strömsdörfer leitet die Gruppe. An der Wandtafel notiert sie Hubers Ziele mit. Immer wieder hakt sie nach oder lässt einzelne Punkte diskutieren. "Richtig handeln", das sei ein hoher Anspruch. Wie wäre es mit "angemessen handeln"? Huber nickt.

Thomas Hubers Therapieziele

Thomas Hubers Therapieziele

Foto: Vinzent Leitgeb

Die KVT leitet zur Selbsthilfe an. Nachdem der Patient den Kern seiner Phobie verstanden und seine Therapieziele festgelegt hat, muss er nun seinen eigenen Alltag beobachten und jene Situationen protokollieren, die bei ihm Angst auslösen. Er muss lernen, dass die jeweilige Reaktion falsch ist, und darüber nachdenken, wie er sein Verhalten künftig korrigieren kann.

Muss ich sterben?

Später im Verlauf der Therapie wird Huber sich denselben Situationen gezielt aussetzen - in Begleitung. Die Therapeuten erarbeiten dazu mit dem Patienten konkrete Angsthierarchien. Wann fürchtete er, ohnmächtig zu werden oder sogar zu sterben? Wann hatte er nur einen erhöhten Pulsschlag und Schweißausbrüche? Weniger bedrohliche Situationen werden zuerst geübt. Dadurch nimmt der Patient direkt Erfolge wahr und geht die schwierigeren Übungen motivierter an.

Bei den ersten Konfrontationen kommen in der KVT oft Medikamente zum Einsatz. Die Leitlinie Angststörungen empfiehlt  Patienten sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Sie sollen bewirken, dass der Patient weniger Angst verspürt, emotional ausgeglichener wird und so den Alltag etwas distanzierter erlebt. Situationen, die früher kritisch waren, soll er so einfacher bewältigen und sich ihnen später entspannter stellen können.

Je ausgeprägter die Symptomatik ist, umso wichtiger sind die Medikamente. Gerade Patienten mit einer zweiten Diagnose - wie einer Depression, Zwangsstörung oder Sucht - sind meist auf sie angewiesen. Dennoch unterstützen Medikamente die Therapie lediglich und sind kein Ersatz. Eine angemessene Psychotherapie behandelt auch die Ursachen der Krankheit und nicht nur die Symptome.

"Meine Eltern haben mich oft allein gelassen"

In der Gruppensitzung der Tagesklinik Westend ist gerade eine Pause zu Ende. Huber hat seine Therapieziele formuliert. Jetzt dreht sich alles um Michael Trapp*. Seit vier Wochen ist er hier. Trapp leidet unter einer sozialen Phobie und Zwangsstörung. Nach vielen Gesprächen und Übungen ist er bereits deutlich offener als Huber. Heute früh hatte er sich sogar freiwillig gemeldet, um über einen Familienkonflikt von letzter Nacht zu sprechen. Es waren private Gedanken. Als sein Sitznachbar mitten in der Erzählung einen Witz machte, lachte er trotzdem mit.

Jetzt aber geht es um mehr als um kritische Situationen und Probleme. Die Psychologin Strömsdörfer möchte mit Trapp ein sogenanntes biopsychosoziales Modell seiner Krankheit erstellen. Es soll veranschaulichen, welche Faktoren in Trapps Biografie seine Ängste ausgelöst haben. Außerdem soll es auf eine Blick zeigen, was die Angstzustände seither aufrechterhalten oder verstärkt hat. Wenn Trapp in zwei Wochen die Gruppe verlässt, kann das Modell als eine Art Spickzettel dienen, damit er nicht in alte Muster verfällt.

Auf die Tafel schreibt Strömsdörfer: "Oft von Eltern allein gelassen." Diesen Halbsatz hatte Trapp in einer früheren Sitzung über die Beziehung zu seinen Eltern gesagt. Wie er die Situation bewältigt habe? Er habe sich in Traumwelten geflüchtet, antwortet Trapp. Auf Nachfrage ergänzt er konkrete Erlebnisse, die damals Angst in ihm hervorriefen.

Langsam entwickelt sich das Bild eines Kreislaufs: Die ersten negativen Erlebnisse führen zu sozialem Rückzug, zu geringem Selbstbewusstsein, zu wachsenden Ängsten vor Fehlern in Gruppen. Die Tafel wird voller. Trapp versuche daher stets Fehler zu vermeiden, er sei wachsamer als andere, konzentriere sich, sei ständig angespannt. Er werde dadurch anfälliger für Stress, Schlaflosigkeit, Erschöpfung. Und natürlich für neue Ängste.

Facetten der Angst

Die übrigen Patienten schreiben mit, selbst wenn es nicht um sie selbst geht. Das Gemeinschaftsgefühl ist ein zentrales Ziel der Gruppentherapie. Die Patienten lernen voneinander, sprechen miteinander, simulieren in Rollenspielen soziale Situationen, um selbstbewusster zu werden. Gerade Patienten mit sozialer Phobie setzen sich durch diesen Therapieaufbau ständig ihrer Angst aus und lernen, sie zu überwinden. Nach Ende der gemeinsamen Zeit in der Klinik bestehen die Gruppen oft auf WhatsApp weiter. Manchmal werden Stammtische gegründet. Dass es hilft, mit anderen zu reden, anstatt allein zu schweigen, davon sind die meisten nach der Therapie überzeugt.

Zurück in den Beruf

Für Betroffene in Einzeltherapie sind Selbsthilfevereine die passende Ergänzung, um so in Kontakt zu anderen zu kommen. Die deutsche Angsthilfe e.V., der größte derartige Verein in Deutschland, organisiert allein in München wöchentlich 15 Gesprächsrunden mit bis zu 14 Teilnehmern. Die Selbstverantwortung der Patienten steht im Mittelpunkt. Sie sollen von anderen Betroffenen lernen, kritische Situationen allein zu bewältigen. Bei Menschen, die die Krankheit bereits besiegt haben, sehen sie, wie diese das eigene Leben wieder gestalten.

Obwohl die Selbsthilfe in dieser Form meist therapiebegleitend ist, wird sie auch danach besucht. Die Vereine stehen daher immer in Kontakt mit Kliniken und Praxen. Ihre Mitarbeiter stellen sich regelmäßig den Patienten vor. Der Einstieg in eine ihrer Gruppen soll so einfach wie möglich werden.

In die Tagesklinik Westend kommt alle acht Wochen ein Vertreter der Angstselbsthilfe. "In zwei Wochen müsste es wieder so weit sein", sagt Strömsdörfer, als sie um Viertel nach elf die Vormittagssitzung beendet. Auf dem Stundenplan der Teilnehmer stehen jetzt Entspannungsübungen. Je ruhiger man ist, desto unwahrscheinlicher ist eine Angstattacke.

Ist die Therapie vorbei, beginnt die eigentliche Arbeit - außerhalb der geschützten Räume der Tagesklinik. Aber dann haben die Patienten gelernt, wie sie sich mit den verschiedenen Werkzeugen selbst helfen können.

So wie Katharina Maurer*. Sie erzählt, dass sie viele Situationen draußen jetzt wesentlich ruhiger erlebt als früher. Bald kommt der Tag, an dem sie zum ersten Mal wieder zur Arbeit geht. Aber sie ist zuversichtlich. Zu Beginn der Therapie hatte sie noch viel geschwiegen. Am Ende fand sie immer mehr Selbstbewusstsein. Sie hat begonnen, offen zu sprechen.

*Name geändert


Dieser Text gehört zum Projekt "Was Angst macht " der Deutschen Journalistenschule. Die Schüler der Lehrredaktion 55K wollen die Krankheiten damit fassbar machen und sie in all ihren Schattierungen zeigen.

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