Wir machen uns mal frei Das große Geschäft mit der Toilette

Unterwegs eine Toilette zu finden, ist schwierig. Aber selbst dort, wo man sie für selbstverständlich hält, wird der Gang zum WC zur kostenpflichtigen Extraleistung - zum Beispiel in Restaurants und Bahnhöfen.
Toiletten-Häuschen: Oft kommt nur rein, wer zahlt

Toiletten-Häuschen: Oft kommt nur rein, wer zahlt

Foto: Sebastian Widmann/ picture-alliance/ dpa

Haben Sie schon mal versucht, unterwegs eine Toilette zu finden? Gar nicht so einfach. Glücklicherweise gibt es Apps, die einem dabei behilflich sind, "WC Sucher" zum Beispiel ist sehr gut. Aber haben solche Apps wirklich zu einem massenhaften WC-Tourismus geführt, der rechtfertigen würde, dass Dienstleister und Gastronomen sich von ihren eigenen Kunden einen solch elementaren und selbstverständlichen Service extra bezahlen lassen?

Tatort Bahnhof Oldenburg. Hier hat die Deutsche Bahn die Toilette an die Firma Sanifair ausgelagert. Eine Standortübersicht  verrät: An 13 anderen Bahnhöfen ist das mittlerweile auch so. Sanifair kennt man von Autobahnraststätten. Für die Autobahn muss man (noch) keinen Eintritt zahlen. Fürs Bahnfahren schon. Doch für Bahnkunden am Bahnhof Oldenburg, Hannover und anderswo gilt: Wer mal muss, muss zahlen. Ein Euro kostet der Eintritt zum Austreten.

Um den Kunden diese Kröte schluckfreundlicher zu machen, bedient sich Sanifair desselben Geschäftsmodells wie die DDR: Wer reinkommt, muss zwar bezahlen. Aber dafür kriegt er auch was "Tolles". In der DDR waren das 25 Ostmark für 25 DM. Bei Sanifair ist das ein 50-Cent-Gutschein für einen Euro. Den soll man bei McDonalds, Burger King, Nordsee, Le Crobag, Kiosken und Buchläden einlösen können.

Ein fairer Deal, meint Sanifair. Aber will man dann an der Kasse seinen Zwangskonsum-Kaugummi bezahlen, erfährt man: Mindestumsatz 2,50 Euro! Aber fünf Bons auf einmal einlösen, gilt nicht, immer nur einer pro Kauf. Und Bons von der Autobahnraststätte will hier auch niemand haben. Tatsächlich enden viele Bons ungenutzt .

Perfektes Konsum-Perpetuum-Mobile

Kein fairer Deal, finde ich, und meide seitdem Bahnhofstoiletten. Stattdessen suche ich Restaurants am Bahnhof auf. In Oldenburg lasse ich mit drängeliger Blase Sanifair links liegen und steuere McDonald's an. Guten Gewissens bestelle ich eine große Cola, denn gleich werde ich am Pissoir meinen Triumph über Sanifair und die Deutsche Bahn auskosten können. Aber ich ende vor einer verschlossenen Tür mit einem Schild: "Bitte benutzen Sie die Sanifair-Einrichtung in der Bahnhofshalle." Prima. Da kann ich dann also zum dritten Mal zahlen, bis ich endlich auf Toilette gehen darf. Und mit dem 50-Cent-Gutschein kann ich mir dann die nächste Cola kaufen, wieder aufs Sanifair-Klo gehen, dann zurück zu McDonald's... Das perfekte Konsum-Perpetuum-Mobile!

Natürlich kann ich es verstehen, dass die Bahn keine öffentliche Toilette für jedermann betreiben mag. Aber ich bin nicht jedermann, ich bin ein zahlender Bahnkunde! Wieso darf ich nicht mit meinem Bahnticket umsonst in den Sanifair-Point?

Das habe ich die Bahn gefragt. Antwort: "Bahnhofstoiletten werden bereits seit mehreren Jahrzehnten an Toilettenbetreiber verpachtet, da die Betreibung von Toilettenanlagen nicht zwingend zum Kerngeschäft eines Eisenbahninfrastrukturunternehmens gehört", sagt Kai-Henning Wagner, Sprecher Personenbahnhöfe, Deutsche Bahn AG. Und: "Eine wirtschaftliche Betreibung der Anlagen macht die Erhebung eines Nutzungsentgeltes erforderlich." (Hier lesen Sie die ganze Stellungnahme der Bahn) Wieso muss eine Toilette wirtschaftlich sein? Die Bahnhofslampen sind es doch auch nicht.

Das Spiel mit dem schlechten Gewissen

Die Unsitte des Outsourcens von Toiletten macht leider Schule, sogar in der Gastronomie. Tatort Hofbräuhaus Hamburg: Der Laden brummt, das Bier fließt in Maßen rein und will auch wieder raus. Aber an der Toilettentür wartet sie, die vorwurfserwartungsvoll blickende Dame. Und schon ist der Abend ruiniert.

Nicht nur, dass es nervt, am nicht allerbeschaulichsten Ort der Welt im Kleingeld wühlen zu müssen, während sich hinter einem alles drängelt. Es nervt mich am allermeisten, dass hier mit meinen Schuldgefühlen gespielt wird. "Die Firma, die von uns damit beauftragt ist, arbeitet auf selbstständiger Basis und wird von uns weder in Form einer Abgabe des Trinkgelds noch in der Höhe der Bezahlung Ihrer Mitarbeiter beeinflusst", sagt Frank Blin vom Hofbräuhaus Hamburg und Berlin. Ob sie das wenigstens behalten darf? Erst kürzlich klagte eine Toilettenfrau  (erfolgreich) gegen ihren Arbeitgeber, weil der ihr Trinkgeld komplett einstrich.

Einerseits möchte ich, dass diese Frau anständig bezahlt wird. Andererseits meine ich, dass dies Aufgabe des Restaurantbetreibers ist. Was nun? Zahlen und mich ärgern? Oder nicht zahlen und mich geizig fühlen? "Die Toilettenbenutzung ist selbstverständlich kostenlos", versichert Frank Blin. "Lediglich ein freiwilliges Trinkgeld wird in vielen Fällen gegeben."

Ich habe einen besseren Vorschlag: Das Hofbräuhaus sollte freiwillig eine Toilettenfrau anstellen. Und ihr freiwillig den bald vorgeschriebenen gesetzlichen Mindestlohn zahlen.

Die Stellungnahmen der beiden Unternehmen, Deutsche Bahn AG und Sanifair, finden Sie hier.