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Schutz vor Coronavirus Wie Sie es schaffen, sich seltener ins Gesicht zu fassen

Sie wollen sich nicht mit dem Coronavirus anstecken? Dann fassen Sie sich nicht so oft ins Gesicht! Das raten Ärzte und Virologen. Doch wie, verflixt, kann man nur damit aufhören?
Ein Interview von Heike Klovert

SPIEGEL: Herr Egli, seit wir uns zum Interview verabredet haben, habe ich mir noch viel häufiger als sonst ins Gesicht gefasst - weil meine Nase juckte, eine Wimper störte oder eine Haarsträhne vor meinem Auge hing. Der Rat, das lieber nicht zu tun, hat also offenbar das Gegenteil bewirkt. Bringt es überhaupt etwas, Menschen darauf hinzuweisen, dass sie ihr Gesicht nicht berühren sollen?

Samy Egli: Nein, es ist nicht sehr zielführend, ihnen einfach nur zu sagen, dass sie es lassen sollen. Denn das sind meist hochautomatisierte, reflexhafte und unbewusste Verhaltensmuster. Die können wir nicht einfach so ändern.  

SPIEGEL: Was können Menschen dann tun, die sich vor dem Coronavirus bestmöglich schützen wollen?

Egli: Bei allen unbewussten Verhaltensmustern lautet der erste Schritt zu Veränderung: Sie müssen sie zunächst bemerken. Diesen Schritt haben Sie offensichtlich bereits vollzogen. Sie haben verstärkt darauf geachtet, wie oft Sie sich ins Gesicht fassen. Wahrscheinlich tun Sie das gerade gar nicht öfter als sonst. Sie merken lediglich, wie oft Sie es tun. Um zu dieser besseren Wahrnehmung zu kommen, hätten Sie auch ein Selbstbeobachtungsprotokoll erstellen können. Sie hätten eine Strichliste darüber beginnen können, wie oft Sie sich im Gesicht berühren. So fokussieren Sie Ihre Aufmerksamkeit darauf - und distanzieren sich dadurch ein Stück weit von der Handlung. Auch Achtsamkeitsübungen sind hilfreich.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

SPIEGEL: Wie sehen die aus?

Egli: Eine Übung ist der Bodyscan. Sie schließen die Augen und gehen mit Ihrer Wahrnehmung durch den ganzen Körper. Zehen, Knie, Hüften, Oberkörper, Arme, Kopf. Wo drückt es, wo schmerzt etwas? Versuchen Sie nicht, etwas dagegen zu tun. Nehmen Sie es einfach nur wahr. Eine weitere Übung geht so: Erfassen Sie eine Rosine mit allen Sinnen. Erst mit dem Sehsinn: Welche Farben und welche Schattierungen, welche hellen und dunklen Stellen hat die Rosine? Riechen Sie dann aufmerksam daran. Ertasten Sie alle Seiten. Nehmen Sie die Rosine zum Schluss in den Mund und erleben Sie ganz bewusst ihren Geschmack.

SPIEGEL: Und das soll dazu führen, dass ich mir seltener ins Gesicht fasse?

Egli: Na ja, nicht sofort. Jede Verhaltensänderung erfordert Übung. Außerdem müssen Sie Ihr Verhalten ja zuerst bemerken, bevor Sie es ändern können.

SPIEGEL: Bis ich mir das abtrainiert habe, ist die Coronakrise vielleicht längst vorbei.

Egli: Bei den einen geht es schneller, bei den anderen langsamer. Leider habe ich wenig Erfahrung mit dem Reflex, sich ins Gesicht zu fassen. Die Verhaltensweisen, mit denen ich es normalerweise zu tun habe, sind komplexer. Zu mir kommen Menschen, die so stark mit psychischen Störungen zu tun haben, dass sie ihre sozialen Kontakte abbrechen. Andere Patienten leiden unter Impulskontrollstörungen wie der Trichotillomanie. Sie können nicht aufhören, sich selbst Haare auszuzupfen. Nägelkauen ist eine weitere manchmal störende automatisierte Verhaltensweise. Eine Methode, die in diesen Fällen erfolgreich eingesetzt wird, ist das Habit Reversal Training.

SPIEGEL: Wie sieht das aus?

Egli: Der erste Schritt ist die bewusste Wahrnehmung, über die wir bereits gesprochen haben. In der zweiten Phase üben Patienten alternative Verhaltensweise ein. Statt Nägel zu kauen, versuchen sie beispielsweise, die Hände zu Fäusten zu ballen.

SPIEGEL: Ich könnte die Hände in die Hosentaschen stecken, statt mich am Kinn zu kratzen.

Egli: Ganz genau. Menschen, die motiviert sind und täglich üben, können damit schon in mehreren Tagen bis Wochen erste Erfolge erzielen.

SPIEGEL: Ist die Angst vor dem Virus ein guter Motivator?

Egli: Tatsächlich funktioniert Angst eher wie eine Bestrafung und setzt uns unter Stress. Besser wirken, das ist erwiesen, jedoch Belohnungen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Sie meinen, ich sollte mir Bonbons in die Taschen stecken und jedes Mal, wenn ich die alternative Handlung ausgeführt habe, eins davon lutschen?

Egli: Dann haben Sie danach vielleicht kein Corona-, aber ein Gewichtsproblem... Sie könnten sich auch einfach selbst auf die Schulter klopfen, zumindest gedanklich. Mehr Belohnung ist natürlich immer besser, aber das wäre ein Anfang.