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07. Oktober 2013, 07:43 Uhr

Bruxismus

Das hilft bei Zähneknirschen

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Häufig passiert es nachts, unbemerkt: Die Zähne pressen sich aufeinander, reiben, knirschen. Die Folgen können verheerend sein, es drohen Risse im Zahnschmelz und Kieferfehlstellungen. Dabei lässt sich das Problem mit einfachen Maßnahmen beheben.

Den Ausdruck "die Zähne zusammenbeißen" nehmen manche Menschen vor allem nachts sehr wörtlich: Sie pressen Ober- und Unterkiefer mit großer Kraft zusammen und knirschen dabei mit den Zähnen, Zahnmediziner sprechen von Bruxismus.

Der Bundesärztekammer zufolge mahlt jeder zehnte Deutsche so sehr im Schlaf mit seinen Zähnen, dass er zum Arzt geht. Vom Knirschen an sich bekommen die Betroffenen in der Regel nichts mit. Oft merken sie erst an den Folgen der nächtlichen Attacken, dass etwas nicht stimmt. Durch den enormen Druck können am Morgen Kopf und Kiefer schmerzen. Häufig zeigen sich die Nachwirkungen der nächtlichen Aktivitäten auch beim Zahnarztbesuch: Das Mahlen reibt die Kauflächen ab. Zudem können sich feine Linien im Schmelz bilden, sogenannte Schmelzrisse, und die Zahnhälse können überempfindlich werden.

Warum der Mensch mit den Zähnen knirscht, ist noch nicht im Detail geklärt. Es gilt jedoch als ziemlich sicher, dass Stress, Angststörungen, Depressionen, soziale Vereinsamung, aber auch veränderte Zahnstellungen oder Zahnformen zu den Auslösern gehören. "Unklar ist bislang, ob auch genetische Faktoren eine Rolle spielen", sagt Oliver Ahlers, Leiter des CMD-Zentrums in Hamburg-Eppendorf und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFTD).

Zähneknirschen als emotionales Entlastungsventil

Solange es nicht zu stark wird, ist das Pressen und Knirschen nicht grundsätzlich schädlich. "Manche Menschen brauchen das Zähneknirschen als emotionales Entlastungsventil. Wenn sie die Stresshormone nicht abbauen können, entstehen andere Probleme", sagt Ahlers. Dies habe sich jedenfalls bei Versuchen mit Ratten gezeigt. "Wird das Zähneknirschen aber so stark, dass nennenswert Zahnhartsubstanz verlorengeht, Schmerzen auftreten oder die Kieferbewegung sich verändert, ist eine Behandlung nötig", ergänzt er.

Um den Verlust des Zahnschmelzes zu stoppen, erhält der Patient für seine Zähne eine durchsichtige Schiene aus Kunststoff. Ziel des Aufbissbehelfs, häufig auch als Aufbissschiene bezeichnet, ist es, Ober- und Unterkiefer auseinanderzubringen und dadurch vom Knirschen abzuhalten. "Man nutzt hier einen Schutzreflex aus der Frühzeit des Menschen aus. Der tritt zum Beispiel auch auf, wenn man auf einen Kirschstein beißen würde", so Ahlers.

Ohne Entlastung kann die dauerhafte Überanstrengung über einen längeren Zeitraum auch dazu führen, dass sich der Muskel nach und nach verhärtet. Es entstehen kleine schmerzhafte Knötchen, das Zusammenspiel zwischen Muskeln und Gelenken ist gestört. Zudem kann sich die Kieferposition insgesamt verändern, was entzündliche oder degenerative Prozesse im Kiefergelenk hervorrufen kann. Dann kann das Zähneknirschen eine sogenannte craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) hervorrufen.

Etwa acht Prozent der Deutschen leiden an einer CMD. Zu den Symptomen der Krankheit können Schmerzen, Knacken und Reiben der Kiefergelenke beim Öffnen und Schließen des Mundes gehören. Auch die Bewegung des Kiefers kann nur noch eingeschränkt möglich sein. Vermeintliche Ohrenschmerzen, die nicht vom Ohr kommen, können laut Ahlers mitunter ebenfalls auf eine CMD hindeuten.

Nicht nur Symptome, auch Ursachen müssen behandelt werden

Um diese Beschwerden bei starken Knirschern und Pressern zu vermeiden, kann es auch besser sein, statt eines einfachen Aufbissbehelfs eine aufwendig konstruierte und individuell angepasste Okklusionsschiene zu verwenden. Diese stellt zusätzlich eine Kieferposition ein, die den Unterkiefer stabilisiert und die Kaumuskeln entlastet. Die Schiene kann laut Ahlers zumindest bei einem Teil der Patienten die Intensität des Zähneknirschens um etwa die Hälfte reduzieren.

Dauerhaft abgewöhnen lässt sich das Zähneknirschen allerdings auch mit solch einer speziell angepassten Schiene nicht, warnt die Deutsche Gesellschaft für Zahn-Mund-Kieferheilkunde in einer wissenschaftlichen Stellungnahme. Nach Ende der Behandlung können die Symptome zurückkehren. Die Muskeln werden weiterhin belastet, wenn auch wahrscheinlich schwächer, als es ohne Aufbissbehelf der Fall wäre. "Ein Aufbissbehelf oder eine Okklusionsschiene sollte am besten mit Physiotherapie und Entspannungsverfahren wie der progressiven Muskelrelaxation kombiniert werden", rät Ahlers. "Um die Intensität der Wirkung zu erhöhen, ist es häufig sinnvoll, beides zeitgleich einzusetzen."


Erfahren Sie im Serviceartikel mehr zu Physiotherapie und progressiver Muskelentspannung beim Zähneknirschen und lesen Sie, inwieweit Biofeedback, Botulinumtoxin und Psychotherapie helfen können.

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