Risikogruppen in der Pandemie Wir werden nicht zufällig vergessen

Ein Gastbeitrag von Luisa L'Audace
Ein Gastbeitrag von Luisa L'Audace
Wenn Millionen Menschen ihre Freiheit feiern, muss unsere Autorin sich weiter zurückziehen. Wie überlebt sie als behinderte Frau in einer Gesellschaft, in der vor allem Leistung zählt?
Luisa L'Audace: Die Risikogruppe hatte nie Urlaub, nicht von der Isolation, nicht von Schutzmaßnahmen. Nicht von der Todesangst

Luisa L'Audace: Die Risikogruppe hatte nie Urlaub, nicht von der Isolation, nicht von Schutzmaßnahmen. Nicht von der Todesangst

Foto: Luisa L'Audace

Wahrscheinlich wissen die wenigsten von uns heute noch, wann sie das erste Mal von der Existenz des Coronavirus erfahren haben. Ich zumindest weiß es nicht. Erst als plötzlich von der sogenannten Risikogruppe die Rede war, wurde ich hellhörig. Und als ich feststellte, dass ich genau zu jener gehöre, stolperte ich schließlich ungebremst in eine Realität, in die ich mich von nun an unweigerlich einfinden musste, um mein Leben zu schützen.

Während des ersten Shutdowns verbrachte ich ganze Tage gebannt vor dem Fernseher und ließ mich, wie viele, in Dauerschleife von Berichten über aktuelle Inzidenzen und Maßnahmen berieseln. Doch zu der allgemeinen Überforderung und Fassungslosigkeit entwickelte ich jedes Mal zusätzliche Wut und Verzweiflung, wenn lediglich Senior*innen als »vulnerabel« und »schützenswert« bezeichnet wurden. Während die Tatsache, dass auch junge behinderte und chronisch kranke Menschen gefährdet sind, meist unerwähnt blieb.

Als behinderte Frau war es für mich nichts grundlegend Neues, in meiner Teilhabe massiv eingeschränkt zu sein und viel Zeit zu Hause zu verbringen. Das Wegfallen der wenigen Aktivitäten, an denen ich vor der Pandemie teilhaben konnte, tat daher umso mehr weh. Ich traf kaum noch Freund*innen, sah über ein Jahr lang keinen Supermarkt von innen, blieb mit meinem Mann zu Hause, während meine Verwandten Geburtstag, Ostern und Weihnachten feierten. Und musste schließlich auch noch allein eine große Operation durchstehen, da im Krankenhaus Besuchsverbot herrschte.

Plötzlich geht, was vorher nie ging

Was noch schmerzhafter war? Zu beobachten, wie viel mediale Aufmerksamkeit nicht behinderte Menschen für ihren Unmut bezüglich der vorübergehenden Freiheitseinschränkungen erhielten und wie viel Verständnis sie sich gegenseitig dafür entgegenbrachten. Freiheitseinschränkungen, die viele behinderte Menschen ihr ganzes Leben lang erfahren – auch ohne Pandemie.

Doch während wir Inklusionsaktivist*innen seit Jahren gegen Wände reden, wurde in dem Moment, in dem es nicht behinderte Menschen betraf, sofort an Lösungen gearbeitet. Zum Beispiel fanden plötzlich alle möglichen Veranstaltungen per Videocall statt, sodass wir bequem von zu Hause aus teilnehmen konnten. Behinderte Menschen fordern das seit Jahren und bekamen bisher lediglich zu hören, dass dies nicht umsetzbar sei. Für mich, eine Person, die aufgrund von fehlender Barrierefreiheit nicht einmal ihre Ärzt*innenpraxis frei wählen, geschweige denn einen Großteil der Restaurants, Bars oder anderen öffentlichen Gebäude betreten kann, fühlten sich die Beschwerden nicht behinderter Menschen über die vorübergehenden Einschränkungen an wie ein Schlag in die Magengrube. Es ging also doch, nur eben nicht für uns.

Kein Urlaub von der Todesangst

Ich schränkte mich weiter ein, sah mehr als ein Jahr meine engsten Verwandten nicht und traf mich auch sonst lediglich mit einer Freundin, die ebenfalls zur Risikogruppe gehört. Auch in den Sommern, in denen einige das Virus bereits wieder vergessen zu haben schienen, konnten wir uns schlichtweg keine Lockerungen erlauben. Im Gegenteil: Machten sie einen Schritt nach vorn und nahmen sich mehr Freiheiten heraus, machten wir wieder zwei Schritte zurück.

Während sie in den Urlaub fuhren, hatte die Risikogruppe nie Urlaub. Kein Urlaub von der Isolation. Kein Urlaub von Schutzmaßnahmen. Kein Urlaub von der Todesangst.

Als die Corona-Schutzimpfung freigegeben wurde, war dies ein Lichtblick, der jedoch schnell wieder erlosch – so unerreichbar wirkte sie für mich. Denn während die meisten älteren Menschen längst die erste Spritze intus hatten, warteten viele behinderte und chronisch kranke junge Menschen immer noch auf die Erlaubnis, sich impfen lassen zu dürfen. In den von der Regierung veröffentlichten Priorisierungsgruppen fand ich mich schlicht nicht wieder – so wie viele andere junge Risikopatient*innen. Und so schauten wir dabei zu, wie selbst immer mehr Menschen, die nicht zur Risikogruppe gehören, ein Impfangebot bekamen, während wir weiterhin warteten und die Politiker*innen sich schon fleißig auf die Schultern klopften: Die vulnerablen Gruppen seien ja nun geschützt.

Wie konnte man uns so im Stich lassen?

Also telefonierten wir uns durch. Vom Gesundheitsamt über die Corona-Hotline bis zum Bundesamt für Gesundheit und zurück. Niemand wusste Näheres. Niemand fühlte sich zuständig. Monatelang.

»Allerdings bereits vorerkrankt«

Als schließlich in Deutschland immer mehr Menschen an Covid-19 starben, gehörte es schon beinahe zum guten Ton, die Berichterstattung damit zu beenden, dass die Verstorbenen »allerdings bereits vorerkrankt und/oder alt gewesen« seien. So konnten sich Menschen, die nicht zur Risikogruppe gehören, abgrenzen und in falscher Sicherheit wiegen. Es impliziert auch, dass es eher zu verschmerzen ist, dass diese Menschen gestorben sind: »Sie waren schließlich alt, krank und/oder behindert.« Mit solchen Aussagen erwecken wir den Eindruck, dass nicht jedes Menschenleben gleich wertvoll ist.

Wenn ich nun – wie viele andere Mitglieder der Risikogruppe auch – auf Instagram versuche, auf unsere Lage aufmerksam zu machen, kommt es bis heute vor, dass ich Hassnachrichten und -kommentare erhalte, in denen meiner Community und mir der Tod gewünscht wird. Allerdings ist auch das etwas, was ich als behinderte Aktivistin nicht erst seit der Pandemie erlebe.

Zumindest einigen Menschen ist schließlich durch die Pandemie bewusst geworden, wie ungleich marginalisierte Gruppen auch im »ach so fortschrittlichen« Deutschland nach wie vor behandelt werden. Allerdings lebten wir schon vor Corona in einem ableistischen System.

»Ableismus« ist die strukturelle Diskriminierung behinderter und chronisch kranker Menschen. Der Grundgedanke dieses Systems ist, dass der Wert eines Menschen immer von seiner Leistung abhängig ist. Dabei werden gewisse Fähigkeiten als essenziell betrachtet, und ein Mensch, der nicht oder nur teilweise über sie verfügt, gilt als »unvollständig« und »minderwertig«. Jedoch beruht Ableismus nicht nur auf der Bewertung von tatsächlichen Fähigkeiten und Leistungen, sondern auch auf Narrativen und Stigmata.

So gab es in der Pandemie zum Beispiel den Vorschlag der bewussten »Durchseuchung«. Und so wie die Maßnahmen momentan aussehen, wirkt es fast so, als wären einige Politiker*innen insgeheim längst von dieser Idee überzeugt. Durch eine Durchseuchung würden allerdings prozentual viele behinderte und vorerkrankte Menschen sterben. Das lässt mich unweigerlich an das sogenannte Recht des Stärkeren im Sozialdarwinismus denken. Eine Theorie, die auch zu Zeiten des Nationalsozialismus stark vertreten war.

Strukturelle Diskriminierung verstärkt sich in Krisen

Die Pandemie enthüllt jedoch lediglich kleine Teile eines riesigen Systems, in dem wir alle aufgewachsen sind und mit dessen Regeln wir alle sozialisiert wurden. Sexismus, Rassismus, Klassismus: Ähnlich wie bei anderen Ismen ist es auch bei Ableismus schwer, diesen zu erkennen und zu benennen.

Wer sich mit Ableismus ausgiebig beschäftigt, versteht: Es geschieht nicht aus Zufall, dass besonders die junge Risikogruppe von der Politik kaum Beachtung erfährt. Und während wir anfangs noch von einem »Versehen« oder einem »Vergessen« unserer Lebensrealität und unserer Perspektive sprachen, so können wir dies heute beim besten Willen nicht mehr.

Vor wenigen Tagen konnte unser Gesundheitsminister Karl Lauterbach noch verkünden, dass die Isolation bei einer Infektion auf Freiwilligkeit basiert. Ein Moment, in dem wahrscheinlich die komplette Risikogruppe endgültig mit der Fassungslosigkeit rang. Und auch wenn er diese Idee mittlerweile wieder zurückgenommen hat: Er hat sie dennoch öffentlich ausgesprochen. Ein Statement, das besagt, dass nicht länger Rücksicht auf uns genommen wird. Ein Statement, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt.

Strukturelle Diskriminierung verstärkt sich in Krisen. So wird sie in manchen Fällen, zumindest partiell, auch sichtbarer und greifbarer. Das heißt jedoch nicht, dass sie zuvor nicht bedrohlich oder weniger präsent war. Schon jetzt hat die Pandemie ein weltweites Massensterben behinderter und chronisch kranker Menschen verursacht. Es darf nicht sein, dass Mitglieder marginalisierter Gruppen immer erst in Lebensgefahr geraten oder sogar sterben müssen, bis die Mehrheitsgesellschaft ihre strukturelle Diskriminierung anerkennt.

Ableismus ist real, und Ableismus tötet. Auch schon vor der Pandemie, aber besonders währenddessen.