Fotostrecke

Ungesunder Schlankheitswahn: Abnehmen nach der Geburt

Foto: Chris Jackson/ AP

Fitnesswahn nach der Geburt Schlank um jeden Preis?

Stars wie Heidi Klum und Herzogin Kate nehmen nach der Geburt ihrer Kinder rasend schnell wieder ab - und werden von Klatschblättern dafür gefeiert. Ein bedenklicher Trend, denn die Pfunde schwinden oft von allein viel gesünder.

Kaum haben sie ein Kind zur Welt gebracht, absolvieren Promi-Mütter Crash-Diäten und brutale Fitnessprogramme. Das Ziel: Der perfekte "After-Baby-Body". Die Fitnessindustrie greift den Trend dankbar auf - spezielle Sportprogramme und DVDs sollen die Spuren der Schwangerschaft tilgen. Doch das falsche Ideal ist meist unerreichbar und übertriebenes Training nach der Geburt sogar schädlich.

Renée Herfs betreibt eine gynäkologische Privatpraxis in Grünwald, einem noblen Vorort von München. Ihre Erfahrung: "Der Druck, nach der Geburt schnell wieder gut auszusehen, ist ein neuer gesellschaftlicher Trend, der sich immer weiter verstärkt." Ihre Patientinnen haben die Zeit und das Geld, in gutes Aussehen nach der Geburt zu investieren. Nicht wenige buchen - so wie die Stars - einen Personal Trainer, um wieder in Form zu kommen. Und manche lassen ihren Körper sogar durch plastische Chirurgie neu modellieren.

Aus ärztlicher Sicht sei es in der Regel nicht notwendig, das Gewicht nach der Geburt gezielt zu reduzieren: Zehn bis 15 Kilo mehr als vor der Schwangerschaft zu wiegen, sei erst einmal völlig normal, sagt Herfs. Während der Stillzeit nähmen die meisten Frauen dann ganz automatisch ab. Behutsam und allmählich die sportlichen Aktivitäten und die Essgewohnheiten wieder aufzunehmen, die man vor der Geburt gewohnt war, reiche in der Regel aus, damit sich auch der Körper zurückverändert.

Es kann bloß etwas dauern. Studien zufolge wiegen Frauen sechs bis 18 Monate nach der Geburt  nur noch durchschnittlich ein halbes bis anderthalb Kilogramm mehr als zuvor. Nur zwischen 13 und 20 Prozent der Frauen wiegen ein Jahr nach der Geburt immer noch über fünf Kilogramm mehr als vorher.

Man kann viel falsch und kaputt machen

Medizinisch sinnvoll sei ein ganz normaler Rückbildungskurs, mit dem man den Beckenboden sechs bis acht Wochen nach der Geburt wieder stärkt, sagt Herfs: "Wer zusätzlich ein besonderes Sportprogramm zum Abnehmen absolvieren möchte, sollte es dabei nicht übertreiben und sich am besten einen seriösen Anbieter vom Arzt empfehlen lassen."

Keinesfalls sollten Mütter versuchen, den Körper zwanghaft in Form zu bringen, bevor er sich ausreichend von der Geburt erholt hat. "Dabei kann man viel falsch und kaputt machen", so die Frauenärztin. Es bestehe die Gefahr, dass Narben von Kaiserschnitt oder Dammrissen nicht richtig verheilen. Auch drohten Leistenbrüche und Inkontinenz, wenn der Beckenboden durch falsches und zu intensives Training überlastet werde. Solche Schäden werden nicht immer gleich entdeckt, sondern machen sich manchmal erst zehn oder fünfzehn Jahre später bemerkbar.

Sämtliche Spuren der Schwangerschaft auszulöschen, gelingt ohnehin meist nicht. Wie stark etwa der Bauch oder das Brustgewebe erschlaffen, hängt auch von der Veranlagung ab - und lässt sich auf natürlichem Weg kaum beeinflussen.

"Mütter sollten weniger hart zu sich sein"

Der Hype um den straffsten "After-Baby-Body" bereitet auch Andreas Schnebel Sorgen. Er ist Vorsitzender des Vereins ANAD  (Anorexia Nervosa and Associated Disorders), der ein Netzwerk aus Beratungs- und Therapieeinrichtungen für Essgestörte betreibt. Dass sich Frauen nach der Geburt wieder um die ursprüngliche Figur bemühen, sei grundsätzlich nachzuvollziehen. "Aber noch nie war der Druck so groß wie heute, dass es in Rekordzeit geschehen muss", meint Schnebel. Vielen Frauen setze das dermaßen zu, dass sie krank werden. "Magersucht und Bulimie rund um die Geburt haben in den vergangenen Jahren eindeutig zugenommen."

Durch prominente Mütter, die wenige Wochen nach der Geburt makellose Körper in den Medien präsentieren, fühlten sich andere Frauen im Zugzwang, sagt Schnebel. Dabei sollte sich niemand an den falschen Vorbildern orientieren: Schließlich kann es sich kaum jemand erlauben, wie ein weiblicher Promi rund um die Uhr an seinem Äußeren zu arbeiten. Nicht jeder kann wie ein Top-Modell oder eine Prinzessin aussehen - egal, ob vor oder nach einer Geburt. Und dank Photoshop und Bildmanipulation werden ohnehin unrealistische, geschönte Bilder vermittelt.

Fotostrecke

Schwangerschaft: Fragen und Antworten rund um Kinderwunsch, Geburt und Baby

Foto: Corbis

Spezielle Fitnessangebote, die Müttern vorgaukeln, sie könnten und müssten in kürzester Zeit wieder eine modellartige Figur erlangen, hält Schnebel für Geschäftemacherei. Gängige Werbeslogans mit denen diese beworben werden, wie etwa "get your body back" ("hol dir deinen Körper zurück") seien im Grunde eine Beleidigung. Schließlich ist es ja gerade der Verlust eines gesunden Körperempfindens, der durch solche Kurse verstärkt werde und den Frauen zu schaffen mache.

Müttern empfiehlt er, den Druck rauszunehmen, anstatt überhöhte Ansprüche an sich selbst zu stellen. Während der Schwangerschaft und der Geburt haben Frauen bereits Anstrengung und Schmerzen gemeistert - und mit dem Kind kommen neue Anforderungen auf sie zu. "Anstatt sich zusätzlich Stress zu machen, sollten Mütter weniger hart zu sich sein", so Schnebel, "und versuchen, die neue Phase mit der Familie zu genießen."


Zusammengefasst: Hochglanzbilder von superschlanken Promis nach der Geburt eines Kindes setzen Frauen unter Druck - und machen manche sogar krank. Dabei schwinden die überflüssigen Pfunde normalerweise ganz von selbst. Das braucht nur mehr Zeit als ein paar Wochen.

Zur Autorin
Foto: Hanna Lenz

Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.